Ruder-Klassiker

Warum acht Hünen auf eine kleine Frau hören

Im legendären Ruder-Duell mit Oxford vertraut der Cambridge-Achter den Steuerkünsten von Liz Box. Die Theologiestudentin ist erst die 14. Frau im Boat Race.

Foto: AFP

Crazy. Nichts weniger als das, findet Liz Box (23), sei es, vier Meilen und 374 Yards oder 6779 Meter in rund 17 Minuten zu rudern – dreimal länger als bei gewöhnlichen Regatten. Aber was ist schon gewöhnlich am Boat Race, dem prestigereichsten Ruderduell der Welt, das morgen (17.45 Uhr, Eurosport) auf der Themse in London zum 157. Mal ausgetragen wird? „Nichts“, sagt Box, die den Achter der Cambridge-Universität gegen jenen aus Oxford zum Sieg steuern soll, „denn diese Regatta ist definitiv anders.“

250.000 Zuschauer werden morgen wieder an den Ufern zwischen Putney und Mortlake erwartet, um dem Spektakel beizuwohnen. Unter den 18 privilegierten, weil auserkorenen Studenten ist Elizabeth „Liz“ Helena Box eine Ausnahmeerscheinung. Nicht nur, weil sie die kleinste (1,61 Meter) und leichteste (53 Kilogramm) unter den Protagonisten ist, Theologie studiert und erst vor fünf Jahren mit ihrem Sport begonnen hat. Sondern auch, weil sie erst die 14. Steuerfrau in der Geschichte des Boat Race ist.

Während manch Beobachter am Steg der „Light Blues“, der Hellblauen, amüsiert die zierliche Frau zwischen ihren Hünen betrachtet, findet Box selbst nichts Ungewöhnliches daran, acht Kraftpakete zu kommandieren. Sie sagt: „Es macht keinen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau an den Steuerseilen zieht. Wichtig ist, dass wir als Team agieren mit einem gemeinsamen Ziel: Samstag zu siegen.“ Vor zwei Jahren lenkte Cox Cambridge bereits im Boat Race der Leichtgewichts-Achter zum Sieg.

Ihre Erfahrung mit den Tücken der Themse mag ihr auch an diesem Wochenende zugutekommen. Denn bei einer Regatta wie dem Boat Race mit mehr als dreifacher Länge als normal sind die Fähigkeiten der Person am Steuer besonders wichtig. „Ich muss die Strömungsverhältnisse kennen, die auf der Themse sehr unterschiedlich sein können. Der Fluss ist nicht überall gleich tief. Im Außenkurvenbereich herrscht oft mehr Strömung, deshalb ist der kürzeste Weg nicht immer der beste“, weiß Peter Thiede (43), langjähriger Steuermann des Deutschland-Achters. Auch er sagt: „Das Wichtigste ist: Die Mannschaft muss Vertrauen haben in die Person am Steuer, egal ob es ein Mann ist oder eine Frau. Hauptsache Fachkompetenz.“

Ein gewisses Maß an Abgebrühtheit und Frechheit ist in dem außergewöhnlichen Wettstreit der Traditionsuniversitäten ebenso von Vorteil wie Nervenstärke. Wenn Riemen auf Riemen kracht, der Gegner abgedrängt und sich beharkt wird im Positionskampf, dann muss die Steuerfrau den Überblick bewahren. So wie Rebecca Dowbiggin (27).

Als die Engländerin 2007 den Cambridge-Achter zum Sieg steuerte, saß ihr als Schlagmann der Berliner Thorsten Engelmann (29) gegenüber. Er erinnert sich: „Vielleicht war sie in den schwierigen Drucksituationen während des Rennens uns Männern überlegen, weil sie einen kühlen Kopf bewahrt hat im Bordwand-an-Bordwand-Duell. Sie hat in den richtigen Momenten die richtigen Entscheidungen getroffen. Im Wettkampf, als wir alle voller Adrenalin waren, konnte ich unserer Steuerfrau höchstens zwei, drei Worte zuhauchen – und musste hoffen, dass sie versteht, was ich meine.“ In jenem Jahr lagen die „Light Blues“ am Ende drei Sekunden vor den „Dark Blues“. Um die extrem kraftraubende 17-Minuten-Prüfung erfolgreich zu bestehen, „muss ein Steuermann die Stärken und Schwächen seiner Crew kennen. Er muss sozusagen wissen, wie stark sein Motor ist“, sagt Peter Thiede, heute U?23-Trainer am deutschen Ruderleistungszentrum in Dortmund.

Liz Box („Als Steuerfrau bin ich der verlängerte Arm unseres Trainers“) fiel in den vergangenen Monaten mit langen Trainingseinheiten noch eine weitere Aufgabe zu: „Die Jungs bei Laune zu halten. Ich kümmere mich auch darum, dass die Stimmung im Boot gut bleibt.“ Box hofft, dass das morgen Abend in Mortlake ohnehin der Fall sein wird – wenn Cambridge nach dem Überqueren der imaginären Ziellinie seinen Vorjahrestriumph wiederholt und die Bilanz seiner Siege über Oxford auf 81:75 verbessert haben sollte. „Wir opfern viel von unserem Privatleben für das Boat Race“, sagt Liz Box: „Aber das ist es wert.“