Skandal in Versmold

Tennis-Vater schlägt Gegnerin der Tochter nieder

Bei einem Turnier in Westfalen drehte ein dänischer Tennis-Vater durch: Er schlug die Gegnerin seiner Tochter nieder und schrie rassistische Beleidigungen.

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Die "Reinert Open" im westfälischen Versmold gehören eigentlich nicht zu den Tennisbühnen, die besonders aufregende oder gar denkwürdige Schlagzeilen liefern. Doch seit in den letzten 24 Stunden immer mehr Details zu einer skandalösen Box-Einlage während des beliebten Challenger-Turniers durchsickerten, ist der idyllische Wettbewerb in der Provinz sogar schon zum Thema in globalen Internetforen von Australien bis Amerika geworden.

"Tätlicher Zwischenfall in der Qualifikation" – so ist die knappe, aber brisante Pressemeldung überschrieben, die der Turnierchef und langjährige Tennis-Journalist Jan Miska zu dem Eklat verfaßt hat, der sich bereits am Montag in Versmold ereignete. Passiert war laut Beobachtern vor Ort dies: Beim Stand von 4:2 in der Qualifikationspartie zwischen der Niederländerin Daniella Harmsen und der Dänin Karen Barbat schlug der Vater der Dänin, Mihai Barbat, die auf den Zuschauerrängen sitzende Spielerin Elise Tamaela – wie Harmsen eine Niederländerin – so schwer nieder, dass die 27-jährige später in ein Krankenhaus nach Halle (Westfalen) eingeliefert werden musste.

Stimmen die Berichte von Augenzeugen, dann hatte es gleich in der Anfangsphase der Partie verbale Auseinandersetzungen zwischen Tamaela und dem Tennisvater aus Dänemark gegeben, dabei habe Barbat die 27-jährige wegen ihrer dunklen Hautfarbe angeblich auch mit rassistischen Beleidigungen überzogen.

Für fünf Minuten bewusstlos

Nach dem sechsten Spiel der Partie eskalierte die Lage dramatisch: Barbat versetzte Tamaela, die unbeeindruckt ihre Landsfrau Harmsen anfeuerte, offenbar einen regelrechten Knockout-Schlag, die junge Frau blieb liegen, war nach Angaben ihres Bruders Sander sogar für fünf Minuten bewusstlos. "Als sie dann auf der Polizeistation Anzeige erstattete, wurde ihr so schlecht, dass sie mit einem Krankenwagen nach Halle gebracht wurde", berichtete der sofort aus den Niederlanden angereiste Bruder später in einem amerikanischen Internetforum.

Turnierboss Miska bestätigte in seinem offiziellen Bulletin: "Mihai Barbat schlug die Niederländerin nieder. Sie (Tamaela; d. Red.) erlitt eine Gehirnerschütterung und musste im Krankenhaus behandelt werden." Außerdem habe man Barbat sofort "Anlagenverbot" erteilt und gegenüber seiner Tochter Karen eine Disqualfikation sowohl für den Einzel- wie auch den Doppel-Wettbewerb ausgesprochen, so Miska.

Vater und Tochter flüchteten

Wobei sich das ohnehin erübrigt hatte: Denn noch während die verletzte Niederländerin sich zu der Aussage bei den Ordnungshütern in Versmold aufgemacht hatte, waren der Tennisvater und seine 19-jährige Tochter vom Schauplatz des Skandals und heim in Richtung Dänemark geflüchtet. "Unglaublich. Ein Vater einer Spielerin hat meine Doppelpartnerin niedergeschlagen", twitterte die Deutsche Scarlett Werner, ehemals als Wunderkind der Tennis-Branche gehandelt, entsetzt zu dem Vorfall in Versmold.

Werner, die sich nach jahrelanger Auszeit und Medizinstudium gerade an einem Comeback im Profitennis versucht, hatte zuletzt bei vielen Challenger-Turnieren an der Seite der Holländerin gespielt, wollte auch in Versmold zusammen mit ihr antreten. Tamaelas Mutter Corrie berichtete derweil gegenüber dem holländischen Radiosender "Omroep Gelderland", dass Barbat ihre Tochter als "schwarzes Hühnchen" beleidigt habe. Die Linkshänderin steht zur Zeit auf Platz 363 der WTA-Weltrangliste. Im Februar 2007 schaffte sie ihr Karrierehoch mit Platz 129 der Tennis-Charts.

Die 19-jährige Karen Barbat, unmittelbar nach dem Zwischenfall selbst in Tränen aufgelöst, bestätigte nach Medienberichten noch auf dem Fluchtweg von Versmold nach Dänemark einem heimischen Boulevardblatt den Zwischenfall, verteidigte das angewendete "Faustrecht" ihres Vaters angeblich mit den Worten, dass er von einer Gruppe Zuschauer zunächst "provoziert" worden sei. Gegenüber Tamaela habe er sich dann "unglücklich" gewehrt, habe sie der Zeitung "Ekstrabladet" via Mobiltelefon gesagt und das Gespräch mit den Worten abgebrochen: "An mehr kann ich mich nicht erinnern. Ich habe jetzt keine Zeit mehr."

Vater Brabat fiel nicht zum ersten Mal auf

Tennis-Vater Barbat scheint kein pflegeleichter Zeitgenosse zu sein, jedenfalls sorgte er nicht zum ersten Mal für Schlagzeilen: Beim WTA-Turnier in Kopenhagen im August 2010 wurde der 53-jährige nach lokalen Zeitungsmeldungen gleich zwei Mal daran gehindert, angetrunken vom Parkplatz der Farum Arena wegzufahren. Zuvor hatte Barbat nach längeren Differenzen entschieden, dass die Kooperation seiner Tochter mit dem Dänischen Tennisverband abgebrochen werden solle.

Während Elise Tamaela nach einer Nacht im Krankenhaus inzwischen in die Niederlande zurückgekehrt und laut Mutter Corrie "wieder auf dem Weg der Besserung" ist, muss Barbat mit einer drakonischen Sperre durch den Weltverband ITF rechnen. Beobachter rechnen mit einem langen, eventeull sogar lebenslangen Turnierverbot für den handgreiflichen Dänen bei Wettbewerben der ITF und der Profivereinigung WTA, zudem droht nach Abschluß der laufenden polizeilichen Ermittlungen in Deutschland eine Anklage.

ITF-Sprecher Nick Imison sagte gegenüber Morgenpost Online, man stehe in regelmäßigem Kontakt mit dem niederländischen Verband und sei froh, "dass Elise Tamaela inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte". Man warte außerdem einen ausführlichen Bericht aus Deutschland von Turnier-Supervisor Jens Himmelmann ab. "Wir verurteilen diesen Zwischenfall auf das Schärfste", sagt Turniermacher Miska, "das ist schon sehr schlimm. So etwas hat es noch nie gegeben, seit wir Turniere veranstalten."

In der kommenden Woche wollte Karen Barbat eigentlich in Ratingen bei Düsseldorf ihr nächstes Challenger-Turnier spielen, doch niemand erwartet sie nun dort noch.