Leichtathletik-WM

Bolt nach Scheitern seiner Mission "extrem enttäuscht"

Einen Tag nach seiner Disqualifikation im 100-m-Finale hat sich Usain Bolt erstmals öffentlich geäußert – und alle Spekulationen beendet.

An alle Verschwörungstheoretiker: Nein, Usain Bolt hat nicht gewitzelt, als er in die Katakomben entschwand. Und: Ja, er hat sich geärgert. Ein deutscher Fotograf hat im Bauch des Daegu Stadiums einige schöne Schnappschüsse erhascht. Darauf ist Bolt zu sehen, auf einer Bank sitzend, wie er einen seiner Laufschuhe wegpfeffert. Der Schuh fliegt hübsch durch die Luft, das Gesicht des Sprinters sieht verkniffen aus. So viel zu Spekulationen, der schnellste Mann der Welt könnte seinen Fehlstart im 100-Meter-Weltmeisterschaftsfinale am Sonntag absichtlich verursacht haben – um das Rätsel um seine Person noch kniffliger zu machen. Oder warum auch immer.

Nachdem er zunächst geschwiegen hatte, nahm Bolt am Montag Stellung zum Desaster, das seine Mission „3 x 3“ – also bei drei aufeinander folgenden Großereignissen die Titel über 100, 200 und 4x100 Meter zu gewinnen – vorzeitig scheitern ließ. „Erst einmal möchte ich meinem Teamkollegen Yohan Blake und den anderen Athleten, die die Medaillen gewonnen haben, gratulieren“, ließ der Jamaikaner über sein Management ausrichten. „Klar bin ich extrem enttäuscht, dass ich wegen des Fehlstarts nicht die Chance hatte, meinen Titel zu verteidigen.“

Er habe sich großartig gefühlt in den beiden Runden zuvor, „und ich war bereit, im Finale schnell zu laufen. Die Dinge sahen gut aus… Wie auch immer. Ich muss jetzt nach vorne schauen, denn es gibt keinen Grund, in der Vergangenheit zu verharren. Ich habe ein paar Tage Zeit, meinen Fokus wiederzufinden und mich bereit zu machen für die 200 Meter am Freitag. Danach habe ich die 4x100-Meter-Staffel und ein paar andere Rennen bis Saisonende. Ich“, sagte Bolt noch, „weiß, dass ich guter Form bin.“

Der Trainer des Weltrekordhalters über 100 und 200 Meter, Glen Mills, sagte bloß: „Er ist ein Mensch, oder? Ich wusste immer, dass er einer ist“ – im Gegensatz zu Bolts Bewunderern, die seine Leistungen außerirdisch finden. Bislang jedenfalls. Mills ist sich sicher: „Er wird sich wieder aufrappeln. Er ist ein Champion.“

Und eben weil das so ist, und weil der Weltverband Usain Bolt als „Retter der Leichtathletik“ (Präsident Lamine Diack) hofiert, gab die IAAF noch am späten Sonntagabend eine Pressemitteilung heraus. Von Neutralität keine Spur, auch wenn es sicher anders klingen soll. „Während die IAAF, natürlich, enttäuscht darüber ist, dass Usain Bolt einen Fehlstart hatte im 100-Meter-Finale, ist es wichtig daran zu erinnern, dass die Glaubwürdigkeit eines Sports auf seinen Regeln beruht. Und die müssen jederzeit und fair von ALLEN Athleten beachtet werden“, heißt es in dem Statement.

Die aktuelle Fehlstart-Regel besagt, dass jeder Verursacher in einem Einzelevent (also z.B. nicht im 100-Meter-Lauf des Zehnkampfs) sofort zu disqualifizieren ist. Diese Regel wurde am 12. August auf dem 47. IAAF-Kongress in Berlin beschlossen. Die Debatten über ihre Verschärfung waren durchaus kontrovers. Das Ergebnis lautete am Ende 97 Ja- gegenüber 55 Nein-Stimmen.

Wäre es nicht der Superstar der Szene gewesen am Sonntag – kaum jemand hätte wohl ein Wort darüber verloren. Der Brite Dwain Chambers zum Beispiel hatte im Semifinale im Gegensatz zu Bolt bloß ganz leicht gezuckt, wie Fernsehbilder bestätigten. Er wurde dennoch disqualifiziert. Ein Aufschrei blieb aus.

Am kommenden Wochenende nun tritt zum Ende der WM das alte und das neu gewählte IAAF-Council, eine Art Rat des Weltverbands, in Daegu zusammen. Dass auch über die gültige Fehlstartregel diskutiert werden wird, davon darf man getrost ausgehen. Theoretisch wäre der Rat befugt, sie kurzfristig wieder zu ändern. Doch das ist höchst unwahrscheinlich. Zumal Bolts Verfehlung damit tatsächlich zu einem Politikum werden würde.