Leichtathletik-WM

Das "schnellste Land der Welt" und die Doping-Angst

Während der Jamaikaner Usain Bolt bei der Leichtathletik-WM in Daegu erneut dreimal Gold gewinnen möchte, wachsen die Zweifel an seinen Teamkollegen.

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Das geht dann selbst dem schnellsten Mann der Welt zu schnell. Asafa Powell verletzt und als Gegner über die 100 Meter am Wochenende bei den Weltmeisterschaften der Leichtathleten in Daegu/Südkorea ausgefallen? Als ob er von dort die Antwort auf die heikle Frage souffliert bekäme, blickt Usain Bolt ratlos hinter den Vorhang der Bühne, wo ihn der Sponsor von Jamaikas Verband hinbeordert hat. „Das habe ich noch nicht gehört“, druckst der Jamaikaner. „Am Mittwoch habe ich Asafa noch gesehen. Dazu kann ich nichts sagen.“

Dass sein Landsmann Powell, der mit 9,78 Sekunden die Weltjahresbestzeit hält, gar nicht erst zu dem Termin erschien, verwunderte den Weltrekordhalter nicht weiter. Etwa zeitgleich berichtet Paul Doyle, Powells Manager, der Nachrichtenagentur AP: „Die Leistenschmerzen klingen noch immer nach. Asafa ist nicht wirklich bei 100 Prozent.“

Also wieder ein ernst zu nehmender Rivale weniger für Bolt (9,88 Sekunden), nachdem schon die diesen Sommer flinkeren Amerikaner Tyson Gay (9,79/verletzt) und Michael Rodgers (9,85/gedopt) plus Bolts Teamkollege Steve Mullings (9,80/gedopt) vorzeitig die Reise nach Südkorea verpassten. In Daegu strebt Bolt beim dritten Großereignis nach den Olympischen Spielen 2008 in Peking und den Weltmeisterschaften 2009 in Berlin den dritten Dreifachsieg in Folge an über 100 und 200 Meter sowie mit der jamaikanischen 4x100-Meter-Staffel – sein bislang nicht eben brillanter Saisonverlauf hin oder her.

„Ich hab’ zweimal bewiesen, dass ich unter hohem Druck gewinnen kann. Also schätze ich, ich habe Recht“, sagt Bolt und erklärt: „Wenn eine Meisterschaft ansteht, habe ich einen anderen Fokus. Schließlich will ich eine Legende werden.“ Dazu seien noch weitere Weltmeistertitel nötig und als Sahnehäubchen Goldmedaillen in London 2012. Allerdings gab Jamaikas Exportschlager auf zwei Beinen am Donnerstag in einem Nebensatz zu: „Ich bin nicht in der Form von Berlin“ – also in der Lage für Zeiten von 9,58 und 19,19 Sekunden über die Sprintdistanzen.

So oder so ist Bolt auch in Daegu im wahrsten Sinne des Wortes der Renner. In der nicht eben mit famos viel Flair gesegneten WM-Stadt bringen sie das dankbar allein schon durch besonders üppige Plakatierung der Straßenzüge zum Ausdruck. Der „bestvermarktbare Athlet der Welt“ („Sportspro-Jahresranking“) absorbiert derart viel Aufmerksamkeit, dass andere aussichtsreiche und hoch dekorierte Läufer aus Jamaika bisweilen beleidigt Interviewwünsche ablehnen, wie die Zeitung „Korea Times“ verunsichert notiert. „Stellen Sie sich mal vor, wie sich andere Teammitglieder fühlen, wenn die Kameras nur auf Bolt gerichtet sind“, zitiert das Blatt einen Medienkoordinator der Jamaikaner.

Intern spiele Neid keine Rolle, behauptet hingegen Verbandspräsident Howard Aris: „Wir fokussieren uns nicht auf Usain Bolt – es sind die Sponsoren, Promoter, Medien. Zu Hause kriegen die anderen denselben Applaus. Dieses Bolt-Phänomen ist ein Produkt der internationalen Medien.“ Aber ein lukratives, so viel steht fest. Aris glaubte es schon 2002 vorherzusehen, als der damals 15-jährige Schlaks in der Heimat die 200 Meter bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Kingston in 20,61 Sekunden gewann.

Heute ist Bolt außerhalb der Karibik das Gesicht der 2,8-Millionen-Einwohner-Insel, die sich dieser Tage ganz unprätentiös als „Das schnellste Land der Erde“ bezeichnet und bei Männern wie bei Frauen eine exquisite Sprintermannschaft unterhält. 13 WM-Medaillen gewannen jamaikanische Leichtathleten 2009 in Berlin, darunter sieben goldene. Hinter den USA belegten sie damit Platz zwei im Wettstreit der Nationen – ein sagenhafter Erfolg, den u.a. der seit 2004 amtierende Verbandspräsident Aris anschob mithilfe der Sponsoringmillionen u.a. von Puma. Jungstars wie der 100-Meter-Junioren-Weltrekordhalter Dexter Lee (10,21 Sekunden) gelten als Verheißung für die Zukunft – aber wie lange noch? „Wir hoffen, es geht mit den nächsten Generationen so weiter wie bisher“, sagt Aris, lacht und kreist mit dem Finger.

Bei der Erwähnung des Namens Steve Mullings jedoch zerknautscht sich sein ohnehin faltiges Gesicht sorgenvoll. „Das tut weh, weh, weh, das ist schlecht“, lamentiert Aris. Er weiß: „Für das Image des Landes ist das alles andere als gut.“ Der drittschnellste Sprinter des Jahres war vor zwei Wochen mit einem Maskierungsmittel aufgeflogen, das die Einnahme von Steroiden und Stimulanzen verschleiern helfen kann. Mullings ist bereits der neunte (!) Jamaikaner, der – wenn auch mit vermeintlich harmlosen Substanzen – von Dopingfahndern zumeist kurz vor Beginn großer Wettkämpfe enttarnt wurde. Er wird nun aus dem Verkehr gezogen. Allein der Glaubwürdigkeit wegen. Denn mit der Sanktionierung tat sich der stolze Verband oft schwer. Yohan Blake (21) etwa, in Daegu Medaillenanwärter, erhielt bloß drei Monate Sperre aufgebrummt für die Verwendung eines Aufputschmittels.

Im „schnellsten Land der Welt“ wächst gleichwohl die Sorge, Jamaikas Image könnte mit jedem weiteren Positivfall nachhaltig ramponiert werden. Die älteste Zeitung der Insel, der 1834 gegründete „Gleaner“, erinnert daran, dass Jamaikaner noch vor 20 Jahren frustriert-verbittert die enorm erfolgreichen US-Sprinter des Dopings verdächtigten. Heute aber „sind wir auf vielfältige Art und Weise das geworden, was die Amerikaner für uns vor zwei Dekaden waren. (…) Wir können nicht länger sagen: Jamaikaner betrügen nicht“. Der „Gleaner“-Artikel ist übrigens überschrieben mit: „In der Leichtathletik werden wir unser eigener schlimmster Feind.“