Boxen

Weltmeister von Wladimir Klitschkos Gnaden

Die Schwergewichtler Ruslan Tschagajew und Alexander Powetkin boxen um einen Weltmeistertitel und das Recht, den Superchampion herauszufordern.

Foto: dpa/DPA

Eene meene meck und du bist weg! So simpel wie in diesem Kinderabzählreim präsentiert sich die Lage für die beiden Boxprofis Ruslan Tschagajew und Alexander Powetkin vor ihrem Duell um den Weltmeistertitel im Schwergewicht nach Version der World Boxing Association (WBA) am Sonnabend in Erfurt (22.30 Uhr, ARD).

Ein kurioses Duell, denn der Champion heißt – genau wie bei den Weltverbänden International Boxing Federation (IBF) und World Boxing Organization (WBO) – Wladimir Klitschko . Weil es im Profiboxen immer auch um Geld geht, erfanden die WBA-Verantwortlichen den Superchamp.

Wladimir Klitschko ist eben jener Superchamp, weil er bei mehreren Verbänden Weltmeister ist und auf diesem Wege weitere WM-Kämpfe – dotiert mit attraktiven Genehmigungsgebühren – veranstaltet werden können. Wie mit der Ansetzung Tschagajew kontra Powetkin und der folgenden des Siegers kontra Klitschko.

Nicht in den Top Ten

Beide Protagonisten sind in der unabhängigen Weltrangliste nicht in den Top Ten platziert, beide sind mit dem Handicap behaftet, nie dauerhaft überzeugt zu haben. Powetkin gewann 2004 in Athen als Amateur Olympiagold, besiegte später als Profi die respektablen Amerikaner Larry Donald, Chris Byrd und Eddy Chambers.

Letzteren am 27. Oktober 2010. Danach gab es für den Boxer aus Tschechow, der beim Berliner Sauerland-Team unter Vertrag steht, noch sechs Siege über unbekannte Rivalen und keine nennenswerte Schlagzeile.

Ruslan Tschagajew, Nummer eins beim Hamburger Universum-Boxstall, produzierte eine solche am 14. April 2007, als er dem 2,13-Meter-Riesen Nikolai Valuev durch ein 2:1-Punktsieg den WM-Titel der WBA abnehmen konnte.

Gut zwei Jahre später erteilte ihm Wladimir Klitschko (35) in Gelsenkirchen aber eine Lehrstunde, die mit einem Sieg in Runde neun für den Ukrainer endete – Trainer Michael Timm hatte das ungleiche Gefecht aufgegeben. Zwischen dem Sieg über Walujew und dem Debakel gegen Klitschko erkrankte Tschagajew an Hepatitis, erlitt eine Netzhautablösung im linken Auge und auch noch einen Achillessehnenriss.

Für Vitali Klitschko (40) ist der bevorstehende Kampf eine Farce.

„Es kann nur einen Weltmeister geben, und der ist derzeit nun mal Wladimir. Eine Prognose abzugeben, fällt verdammt schwer. Es ist ein 50:50-Kampf. Im Grunde genommen ist es egal, wer gewinnt, Wladimir schlägt beide. Tschagajew hat er ja schon klar besiegt, gleiches würde er mit Powetkin machen, der ja schon zweimal vor Wladimir gekniffen hat“, sagt der ältere der Klitschkos, der sich derzeit in Österreich auf die Verteidigung seines Gürtels des World Boxing Council (WBC) am 10. September in Breslau gegen den Polen Tomasz Adamek vorbereitet.

Klitschko gibt aber zu: „Ein Kampf gegen Powetkin, wenn er sich denn trauen würde, wäre natürlich viel interessanter. Er bliebe ja weiter unbesiegt, und außerdem war er wie Wladimir Olympiasieger im Superschwergewicht. Einen Profikampf zwischen zwei Olympiasiegern im Superschwergewicht gab es noch nie.“

Klitschko-Trainer Fritz Sdunek, lange Jahre bei Universum als Cheftrainer tätig, legt sich fest: „Mein Herz schlägt zwar für Tschagajew, und ich halte ihm die Daumen. Aber für das Boxen wäre es besser, wenn Powetkin gewinnt. Nach Ruslans letztem Kampf (Punktsieg über den Amerikaner Travis Walker in Hamburg – d.R.) kann ich mir nicht vorstellen, dass er Powetkin schlägt. Es ist ein reizvoller Kampf, aber dass es um den Titel geht, ist lächerlich.“

Das sehen Tschagajew und Powetkin naturgemäß anders. Beide begegneten sich mit Respekt. „Niemand sollte vergessen, dass Tschagajew damals Walujew besiegt hat. Und der schien in der Zeit aufgrund seiner Größe quasi übermächtig. Das zeigt, aus welchem Holz Ruslan geschnitzt ist und dass er Mut hat“, äußerte sich der als Favorit gehandelte Powetkin sehr positiv. Tschagajew blieb die freundliche Replik nicht schuldig. „Alexander ist stark, sehr variabel und kann aggressiv aber auch geduldig boxen.“

Auf den Sieger wartet aller Voraussicht nach das Duell mit Wladimir Klitschko. Auf den Verlierer wartet vermutlich die unangenehme Aufgabe, sich nach einem neuen Betätigungsfeld umzuschauen.

Vitali Klitschko in der Ukraine

Der momentane Stellenwert von Tschagajew und Powetkin ist daran abzulesen, dass Vitali Klitschko, der zwischenzeitlich nach Kiew geflogen war, um sich über die Entwicklung im Fall der verhafteten Politikerin Julia Timoschenko zu informieren , ihnen mühelos die Show stiehlt.

Selbst die Sätze „Ich habe verstanden, dass man einen Sportwagen nicht mit Normalbenzin betanken kann. Deshalb esse ich nur noch Dinge, die für den Körper wichtig sind“ aus dem Trainingscamp fanden mehr Verbreitung als alle Neuigkeiten aus den Lagern der WM-Kandidaten.

Da bleibt den Boxfans nur die Hoffnung, dass es im Schwergewicht immer wieder mal faustdicke Überraschungen gegeben hat.