Pfiffe, Kahn, Zürich

"Alles Käse"? – Hoeneß schlägt in Kahns Kerbe

Trotz des Sieges in der Qualifikation zur Champions League gegen Zürich hadern die Spieler. Dazu gärt die Kahn-Diskussion um Lahm und Schweinsteiger.

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Die Spieler des FC Bayern München konnten am Donnerstag ausschlafen. Erst am Mittag bat sie Trainer Jupp Heynckes zum Training an die Säbener Straße. So hatten die Profis des Fußball-Bundesligaklubs genug Zeit, den vorherigen Abend zu verarbeiten.

Sie waren erfolgreich gewesen, hatten das Hinspiel der Qualifikation zur Champions League gegen den FC Zürich durch Tore von Bastian Schweinsteiger (8.) und Arjen Robben (72.) gewonnen. Doch der laue Sommerabend in der Münchner Arena war längst nicht so harmonisch gelaufen, wie es das Ergebnis vermuten lässt.

Der Fernsehsender Sat.1 berichtete, dass Uli Hoeneß in der Halbzeitpause in die Kabine gestürmt sei. Der Präsident soll dort wütend eine bessere Leistung von der Mannschaft gefordert haben.

Die Diskussion um den angeblichen Auftritt des Präsidenten entwickelte sich zur Posse: Torwart Manuel Neuer sagte, dass Hoeneß in der Kabine war. Er habe dort jedoch nichts gesagt.

Robbens Aussagen hingegen ließen auf einen Wutausbruchs Hoeneß’ schließen: „Das waren einfach Emotionen, das gehört zum Fußball. Vergangene Saison haben wir jeden Moment darüber gesprochen, dass wir nicht Europa League spielen wollen, dann müssen wir das auch mal auf dem Platz zeigen.“

Kapitän Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Mario Gomez und Franck Ribery sagten, sie hätten Hoeneß nicht gesehen. Auch Heynckes betonte, dass dieser nicht in der Kabine gewesen sei. „Bei uns ist die Kabine größer als ein Raum“, sagte Lahm. Einige in den Katakomben scherzten schon, dass ein Phantom in der Arena sein Unwesen treibe. Verteidiger Holger Badstuber sagte auf die Frage, was in der Kabine los gewesen sei: „Nix!“

Wo auch immer der ehemalige Nationalstürmer Hoeneß seiner Wut freien Lauf ließ, ob vor oder in der Kabine: Er hat der Mannschaft geholfen. Die Spieler haben großen Respekt vor ihm. Und so gab Hoeneß am Mittwochabend den Führungsspieler a.D.

Er zeigte mit seinen Emotionen schon auf der Tribüne das, was viele Zuschauer im Stadion und vor den Fernsehern dachten: Der FC Bayern muss doch mehr können, als er in den ersten Wochen der Saison geboten hat.

Nach dem ersten Tor gegen Zürich spielten die Münchner kurzzeitig weiter mutig nach vorn, ließen dann aber nach und vergaben zahlreiche Chancen, einige fahrlässig. „Mit dem Ergebnis können wir zufrieden sein. Zwischen der 15. Minute und der Halbzeitpause lief es nicht so gut“, sagte auch Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende.

Hoeneß verlor deshalb offenbar die Geduld. Ihn ärgerte, dass die Mannschaft eine Vorentscheidung verpasste. Ein 2:0 ist gut, aber nicht genug, um dem Rückspiel am Dienstag in Zürich völlig gelassen entgegenzublicken. „Wir hoffen, dass es kein heißer Tanz wird“, sagte Abwehrspieler Jerome Boateng.

Es sei aber auch zu früh davon zu sprechen, dass der FC Bayern so gut wie sicher für die Gruppenphase qualifiziert sei.

Hoeneß geht es nicht nur um das Prestige und die 20 Millionen Euro Einnahmen, die der Einzug in die Königsklasse garantiert – in der Vorsaison verdiente der Verein trotz des Ausscheidens im Achtelfinale gegen Inter Mailand sogar 32,5 Millionen Euro.

Dem Präsidenten geht es um sein Lebenswerk. Das ist der FC Bayern, und der soll am 19. Mai 2012 dabei sein, wenn im eigenen Stadion das Finale der Champions League steigt. Und zwar als Teilnehmer, nicht als Zuschauer. Es ist sein gutes Recht, dies deutlich zu machen. Wahrscheinlich sogar seine Pflicht.

Hoeneß lebt das vor, was den FC Bayern ausmacht: nie mit Mittelmaß zufrieden sein. Perfektionismus anstreben, Willen und Leidenschaft zeigen. Als Mario Gomez eine seiner vielen Chancen gegen Zürich vergab , lief Hoeneß’ Kopf rot an, er schimpfte auf der Tribüne. Seine Wutrede ist nun ein Zeichen an die Spieler: Es muss jetzt mehr kommen von euch.

Die Profis geben ihm in seiner Kritik Recht. „Der Sieg hätte höher ausfallen müssen“, sagte Schweinsteiger. Auch die Fans erwarten mehr, sie pfiffen zur Halbzeitpause.

„Die Zuschauer haben zu Recht gepfiffen. Wir müssen realisieren, dass wir noch nicht gut genug spielen. Das müssen wir verbessern, sonst wird es diese Saison ganz schwierig“, sagte Robben. Wie die angeschlagenen Ribery und Gomez trainierte er am Donnerstag wegen erneuter Rückenprobleme nur im Kraftraum.

Zum Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV am Samstag (15.30 Uhr, Sky) wird er aber aller Voraussicht nach auflaufen können. „Wir brauchen mehr Leidenschaft“, so Robben. Er hat Hoeneß verstanden.

Das Spiel wird zeigen, wie schnell die Mannschaft die Forderungen der Vereinsführung umsetzen kann. Ob Hoeneß die Wortführer Schweinsteiger und Lahm mit seiner Kabinenaktion gestärkt hat, ist fraglich. Der ehemalige Bayern-Torwart Oliver Kahn hatte von ihnen gerade mehr klare Worte gefordert, ihm fehlen die Führungsspieler beim Rekordmeister.

„Alles Käse“, sagte Hoeneß . Warum aber muss er dann die Mannschaft wachrütteln? Tun es Schweinsteiger und Lahm nicht? Badstuber berichtete, dass die Spieler untereinander in der Kabine sehr wohl genug kommunizieren: „Wir haben uns in der Halbzeit gegenseitig gepusht.“

Pfiffe der Fans

Thomas Müller erlebte das als Ersatzspieler. Heynckes hatte ihn überraschend aus der Startelf genommen und Toni Kroos spielen lassen – der allerdings enttäuschte. Müller wurde erst in der 57. Minute eingewechselt, der sonst so fröhliche Stürmer verließ wortlos das Stadion.

Dazu Hoeneß’ Wut, die Pfiffe der Fans und die Kritik von Kahn: Die Tage rund um das Zürich-Spiel waren turbulent. Gomez bezeichnete die Stimmung im Stadion als „komisch“. Der Verein hofft, dass sich die Gemengelage nun leistungsfördernd auswirkt.

„Ich möchte keine Prognose abgeben, wann wir wieder so spielen, wie wir uns das alle wünschen“, sagte Heynckes. Auch Kapitän Lahm verwies auf den Prozess, den die Mannschaft durchlebe. „Wir sind in der Entwicklung, es wird besser. Nach dem Rückspiel werden wir sehen, wie weit wir sind.“