Mit 49 Jahren

Birgit Fischer erklärt ihr Kanu-Comeback

Zum vierten Mal kehrt Birgit Fischer ins Kanu zurück. Ihrer Konkurrenz teilte sie das persönlich bei der WM mit. Bei Morgenpost Online begründet sie den Entschluss.

Foto: Privat

Ein wenig kribbelt es schon in meinem Bauch, als ich endlich auf der Regattastrecke in Szeged ankomme. Auf den gut 1200 Kilometern von Bollmannsruh über Prag, Bratislava und Budapest bis ins Mekka des ungarischen Kanurennsports habe ich mich einige Male gefragt: Wie wird man dich wohl dort begrüßen? Wie werden sie reagieren, was werden sie sagen?

Als ich bei der letzten Weltmeisterschaft 2006 dort war, war ich noch ein Ehrengast. Damals war ich eine Ehemalige, eine, die ihre sportliche Karriere beendet hatte. Jedenfalls stand das für mich fest. Nun komme ich wieder, und es hat sich längst auch bis nach Szeged herumgesprochen, dass ich es noch einmal wissen möchte. Ja, ich bin fest entschlossen, zum vierten Mal ein Comeback anzugehen.

Das antworte ich dann auch jedem, der mich auf dem Regattagelände danach befragt. Es sind viele, sehr viele. Vor allem löchern mich Weggefährten, mit denen ich gemeinsam gepaddelt bin. Tschechen, Slowaken, Russen, Schweden, Rumänen und zahlreiche ehemalige Kanuten aus der ungarischen Nationalmannschaft, die in die Organisation der Titelkämpfe eingebunden sind. Bislang wissen alle nur aus den Medien von meinen Comeback-Absichten.

Unterschiedliche Reaktionen

Die Reaktionen sind unterschiedlich ausgefallen. Die meisten sind ein Mix aus zurückhaltender Bewunderung und Ungläubigkeit. Aus einigen Blicken kann ich Skepsis ablesen. Egal, was der einzelne auch denkt, Glück gewünscht hat mir für mein Vorhaben jeder.

Natürlich ist es verrückt , was ich mir da in den Kopf gesetzt habe. Olympia mit fast 50 Jahren. Doch so bin ich nun mal. Ich hätte auch schon 1984 Schluss machen können, als wir DDR-Sportler wegen des unsäglichen Boykotts nicht zu den Spielen nach Los Angeles reisen durften. Damals war ich schon Olympiasiegerin und Weltmeisterin. In Los Angeles wollte ich ganz groß zuschlagen und auf allen drei Strecken Olympiasiegerin werden. Es blieb ein Traum für die Ewigkeit.

So lange wie bei meinem vierten Comeback hatte ich noch nie ausgesetzt. Nach der Geburt meines Sohnes Ole im Juni 1986 pausierte ich ein Jahr. Nach der Geburt meiner Tochter Ulla im Oktober 1989 kehrte ich nach drei Jahren zurück. Genau so lange setzte ich auch nach den Spielen 2000 in Sydney aus. Jetzt sind es sechs Jahre. Bei den Weltmeisterschaften 2005 in Zagreb gehörte ich zum letzten Mal zur Nationalmannschaft. Damals gewann ich zwei Bronzemedaillen, interessiert hat das keinen.

Seit zwei Jahren etwa gehe ich mit dem Gedanken schwanger, es noch einmal zu probieren. Ich bin einfach nicht zur Ruhe gekommen, als ich 2005 das Paddel in die Ecke gestellt habe. Obwohl es genug Dinge gibt, die mein Leben ausfüllen und zwar so, dass ich viel Freude und Spaß daran habe. Ich baue mein Haus selber um, reise durch die Welt, um Motivationsvorträge zu halten, habe ein gut laufendes Kanu-Tourismus-Unternehmen. Ich male leidenschaftlich gern. Wenn ich Montag aus Szeged zurück bin, bereite ich meine nächste Fotoausstellung vor, die ab 24. September in Potsdam zu sehen sein wird.

Außerdem bin ich dabei, meine Trainings- und Wettkampfsachen von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, Pokale und andere Erinnerungsstücke zusammen zu packen. Die Memorabilia werden am 25. September in Mötzow versteigert. Der Erlös geht an das SOS Kinderdorf in Brandenburg.

Interessantes zu tun habe ich wirklich genug. Dennoch zieht es mich wieder magisch ins Rennkanu. Beweisen brauche ich niemandem etwas. Meine vielen Erfolgen über einen utopisch langen Zeitraum bleiben in den Büchern und in meinem Herzen.

Statistiken interessieren mich nicht

Sicher würde es gut klingen, wenn ich sagen könnte, ich bin als erste deutsche Sportlerin siebenmal bei Olympischen Spielen gestartet. Statistiken aber interessieren mich nicht. Was ich mache, tue ich für mich und meine vielen Fans. Und weil ich einfach Lust darauf habe. Weil ich mich ausgeruht und kerngesund fühle, weil ich eine Menge Energie in mir spüre, die längst in Motivation umgeschlagen ist.

Wie ernst ich es mit dem Comeback meine, habe ich den anderen Kanuten jetzt in Szeged gezeigt. Während der Rennpausen habe ich für jeden sichtbar trainiert. Ich bin nicht dorthin gereist, um mich in der Kanufamilie als Aktive zurückzumelden, sondern um Boote zu testen. Schließlich bin ich sechs Jahre raus aus dem Geschäft und die Entwicklung auf dem Materialsektor ging rasant weiter.

Ein neues Boot brauche ich auf jeden Fall. Darum kümmern muss ich mich selbst. Solange ich mich nicht für die Olympischen Spiele qualifiziert habe, bekomme ich vom deutschen Verband keine Unterstützung. Ich gehöre ja keinem Kaderkreis an. Damit kann ich leben. Ich bin es gewohnt, eigene Weg zu gehen. Ich liebe die unabhängige Selbstverwirklichung. Erreichtes lässt sich dadurch noch intensiver genießen.

Ideale Trainingsbedingungen

Einen großen organisatorischen Aufwand erfordert mein Comeback nicht. Fast alles, was ich dafür benötige, finde ich in meinem heimischen Paradies in Bollmannsruh. In meinem weiträumigen Atelier mit Blick aufs Wasser steht jetzt auch eine Drückerbank mit einer entrosteten Hantelstange.

Sechs Jahre hatte sie ungenutzt im feuchten Keller gelegen. Auch eine Sprossenwand habe ich dort aufgestellt, um Kraftübungen machen zu können. Bis zum See sind es nur 50 Meter. Idealere Trainingsbedingungen könnte ich nicht haben.

Schon bei meinem Comeback 2004, als ich Gold und Silber in Athen gewann, wurde wegen meines hohen Alters heftig über Sinn und Unsinn diskutiert, dabei war ich gerade 42. Die Meinungen waren auch in meinem Freundeskreis geteilt.

Urvertrauen der Kinder

Zusätzliche Kraft aber gab mir damals das Urvertrauen meiner Kinder. Die beiden sagten: „Mutti, wir wissen, wenn du dir etwas in den Kopf gesetzt hast, wirst du es auch erreichen.“ Ganz ähnlich ist es auch jetzt wieder. Obwohl, ein paar Zweifel nicht zu überhören. Diesmal sagten sie: „Mach mal, wenn’s dir Spaß macht...“

Es ist ein Wagnis, das ich da eingehe. Es ist ein Experiment. Es ist aber nicht lebensgefährlich. Es ist spannend, und ich bin schon jetzt ganz neugierig, was dabei herauskommt. Was, wenn es kein Happyend gibt? Es nicht geschafft zu haben, würde mich für immer in den RUHE-Stand versetzen. Zufrieden.

Gar nicht auszudenken, wenn ich es schaffen würde. Schon beim Schreiben dieses Artikels bekomme ich eine Gänsehaut. Träumen ist erlaubt. Ich würde so gern mit meiner Nichte Fanny noch einmal Zweier fahren. Momentan pausiert sie aus Motivationsmangel. Vor drei Jahren in Peking gewann sie Olympiagold im Vierer. Gemeinsam könnten wir es packen.