Basketball-Superstar

Noch hat Nowitzki "leichte Motivationsprobleme"

NBA-Champion Dirk Nowitzki spricht im Interview mit Morgenpost Online über den Party-Marathon, seine Regeneration und die Ziele mit dem Nationalteam.

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Er lacht, selbst beim 200. Autogramm des Tages. Auch Fotos mit Dutzenden von Bewunderern, um die er alle den langen Arm legt, sind kein Problem. Dirk Nowitzki strahlt von innen heraus, und diese Freude wird ihm auch keiner mehr nehmen. Mit der Meisterschaft in der besten Liga der Welt, der NBA, hat er sich seinen großen Lebenstraum erfüllt. Seit vergangener Woche trainiert Deutschlands bester Basketballer wieder, obwohl er wegen eines Arbeitskampfes in der nordamerikanischen Liga nicht weiß, wann er für die Dallas Mavericks auflaufen wird. Er bereitet sich mit seinem Privattrainer Holger Geschwindner auf die Europameisterschaft in Litauen (31. August bis 18. September) vor, wo er die deutsche Nationalmannschaft anführen wird. Vorher spricht der Superstar mit „Morgenpost Online“.

Morgenpost Online: Wie geht es einem, der mit 33 Jahren alles erreicht hat?

Dirk Nowitzki: Sportlich gesehen stimmt das schon. Es war der absolute Wahnsinn, weil sich das ja echt nicht abgezeichnet hat vor der Saison. Als sich im Januar auch noch der Caron (Butler; d. Red.) verletzte, dachten wir schon, ein Jahr sei wieder weg. Aber dann haben wir uns zusammengerauft, und deswegen ist die Meisterschaft noch spezieller, weil sie fast aus dem Nichts kam. Klar, der Rummel hat sich seitdem noch mal verdoppelt und verdreifacht – aber das nehme ich gern in Kauf.

Morgenpost Online: Wie erinnern Sie die Finalserie? Sie hatten Fieber, eine Fingersehne war gerissen. Waren Sie so im Tunnel, dass Sie all das nicht mehr gespürt haben?

Nowitzki: Das mit dem Finger war nicht so schlimm. Das ist ja in Spiel eins passiert, und den Finger hat der Physio mit einem Tape wieder gerade bekommen. Mit der Grippe war es wirklich blöd, denn wir lagen in der Serie 1:2 hinten. Wenn du Spiel vier verlierst, bist du 1:3 hinten, und die Serie ist so gut wie vorbei. Es hat mir schon Kopfschmerzen bereitet, dass ich da nicht mein Bestes geben kann. Im Nachhinein betrachtet war es das Beste, was passieren konnte. Da hat die Mannschaft gesehen, der ist nicht ganz fit, jetzt müssen wir was machen. Und sie haben dann alle zugelegt. In den ersten drei Spielen waren wir als Team nicht gut genug. So hätten wir die Serie nicht gewonnen. Wahnsinn, dass ich genau da krank geworden bin – gutes Timing.

Morgenpost Online: Dem folgten dann Partys, Empfänge, Paraden, Auszeichnungen wie die ESPN-Awards als „bester NBA-Spieler“ und „bester männlichen Athlet“ – die Wochen nach der Meisterschaft müssen ein einziger Siegesrausch gewesen sein. Was blieb hängen?

Nowitzki: Sicherlich die letzten Momente des Spiels sechs, als klar war: Wir haben gewonnen. Die ganze Woche danach mit der Parade in Dallas, wo 250.000 Leute waren – das werde ich nie vergessen, genau so wie der Tag in Würzburg und die Parade dort. Der Empfang auf den Residenzplatz und dort vom Balkon auf 11.000, 12.000 Leute zu schauen – ich hätte nie gedacht, dass das in Würzburg und in einem Fußball-Land so möglich ist. Die zwei Paraden-Tage werden immer mit mir sein, aber auch bei der Verleihung des Awards hatte ich eine Superzeit in Los Angeles. Wir hatten ein paar schöne Feiern mit der Mannschaft, das gehört ja dazu – die ganze Phase nach der Meisterschaft war wirklich unglaublich. Ein Riesen-Erlebnis.

Morgenpost Online: Es haben sich bislang nicht viele junge Damen öffentlich an Ihrer Seite gezeigt. Bei all den Feiern und Paraden waren Sie jetzt oft mit Jessica Olsson zusammen zu sehen. Sind Sie glücklich?

Nowitzki: Ja, es läuft gut, ich kann mich nicht beklagen. Mal sehen, was die Zukunft noch so bringt, aber im Moment bin ich glücklich.

Morgenpost Online: Wird der Rest Ihrer Karriere eine einzige große Ehrenrunde?

Nowitzki: Im Moment ist es schon schwer zu sehen, was da noch kommen kann. Deswegen habe ich jetzt auch schon leichte Motivationsprobleme, für die EM wieder fit zu werden. Die Spiele sind nicht das Problem, sondern das Training mit Holger, abends der Stepper, das Krafttraining, das Rennen – da wird es manchmal schwer, sich zu motivieren. Die Spielerei, auch dann bei der EM, ist kein Problem. Da kommt dann der Wettbewerbstrieb wieder. Da will man gewinnen, der Beste sein.

Morgenpost Online: Wie lange haben Sie eigentlich wirklich Urlaub machen können?

Nowitzki: Urlaub war eigentlich so gut wie unmöglich. Wir waren in Dallas zur Parade und Foto-Terminen. Überall, wo wir hinkamen, war natürlich die Hölle los. Dann bin für drei, vier Tage zur Parade in Würzburg geflogen. Danach war ich vielleicht acht, neun Tage in der Karibik. Das war sehr schön, aber ich bin natürlich überall erkannt worden. Abschalten war in diesem Jahr wirklich schwer. Seit dem Spiel sechs hatte ich bis vergangene Woche keinen Ball in der Hand. Jetzt fühle ich mich eigentlich schon wieder ganz gut, hatte gedacht, dass der Einstieg schwieriger wird. Die Motivation ist noch nicht so toll, der Spaß noch nicht so ganz wieder da, aber körperlich fühle ich mich gut. Ich habe ja auch im Urlaub immer etwas gemacht, wenn es geregnet hat, oder Tennis gespielt, weil ich ja schon im Hinterkopf hatte, dass ich die EM spielen werde.

Morgenpost Online: Haben Sie der Nationalmannschaft für die Europameisterschaft auch mit Blick auf den Arbeitskampf in der NBA zugesagt, weil Sie so die Möglichkeit haben, lange topfit zu sein?

Nowitzki: Es hat vielleicht ein bisschen mit reingespielt, aber der Hauptgrund war, dass ich in den letzten beiden Jahren immer versprochen habe, dass ich dabei bin, wenn es bei der EM um die Qualifikation für die Olympischen Spiele geht – um es den Jungen zu ermöglichen. Da in letzter Sekunde zurückzuziehen, wäre nicht gut gewesen. Ich wollte mein Wort halten. Ich hätte schon gern länger Pause gemacht, aber jetzt ist es so, und ich mache das Beste daraus. Hoffentlich spielen wir mit der Mannschaft eine Riesen-EM, dann passt das.

Morgenpost Online: Und danach? Derzeit sind Sie und alle anderen Spieler von Ihren Arbeitgebern, den NBA-Klubs, ausgesperrt. Glauben Sie an eine Einigung?

Nowitzki: Es hängt alles in der Luft, keiner weiß wirklich, was los ist. Was ich gehört habe, sind beide Seiten noch weit voneinander entfernt. Ich schaue von Woche zu Woche und spiele jetzt erst mal die EM, die geht bis Mitte September. Klar ist, dass ich in meinem Alter kein Jahr aussetzen kann. Wenn dann im Oktober oder November noch immer keine Einigung in Sicht ist, muss ich schauen, welche Optionen es gibt.

Morgenpost Online: Deutsche Klubs wie Bayern München, Alba Berlin oder auch die Brose Baskets aus Bamberg werben schon um Sie, falls der Arbeitskampf in der NBA länger dauert. Können Sie sich bei all dem Rummel um Sie vorstellen, mit dem Bus nach Ulm, Gießen oder Tübingen zu fahren und dort erst 50 Punkte zu machen und dann 3000 Autogramme zu schreiben?

Nowitzki: Das müssen wir echt abwarten. Das ist wirklich alles offen. Nach der Europameisterschaft werde ich sehen, wie der Stand des Lockouts ist. Bis dahin kümmere ich mich nicht darum, irgendwo anders zu spielen. Insgeheim hoffen wir alle natürlich auf eine Einigung.

Morgenpost Online: Haben Sie den Championship-Pokal je wieder in der Hand gehabt? Mit dem war immer nur der Besitzer Ihres Klub, Mark Cuban, zu sehen.

Nowitzki: Eigentlich hatte ich ihn nur am ersten Abend in der Hand, als wir ihn überreicht bekommen haben. Seitdem hat ihn Cuban, und er hat ihn auch in den ersten Tagen überall hin mitgenommen, in die Bars und die Clubs. Ich glaube, er hat ihn immer noch bei sich zu Hause. Aber ich habe ja noch die MVP-Trophäe.

Morgenpost Online: Die für den besten Spieler des Finales. Ist Ihr Name schon eingraviert?

Nowitzki: Nein, noch nicht. Als ich noch in Dallas war, hatte ich sie bei mir zu Hause, weil jeder, der vorbei kam, sie anschauen wollte. Dann habe ich sie nach New York geschickt, und sie ist noch nicht zurück. Meine Mutter bekommt sie natürlich, und ich hoffe, dass sie bald eintrifft.

Morgenpost Online: Mark Cuban wollte alle Spieler mit etwas Modernerem als dem althergebrachten Championship-Ring beschenken. Die Mannschaft und Sie wollten aber unbedingt den Ring. Haben Sie sich durchgesetzt?

Nowitzki: Ich hoffe es. Ringe sind einfach Tradition, jeder will den Ring, jeder spielt für den Ring. Ich glaube, dass Mark Cuban es sich noch mal überlegt hat. Wir dürfen ja im Moment nicht mit ihm reden, aber ich denke schon, dass alle Ringe bekommen.

Morgenpost Online: Sie werden am 16. August vor dem Supercup in Bamberg zur Nationalmannschaft stoßen. Wie sehen Ihre Pläne bis dahin aus?

Nowitzki: Nächste Woche besuchen mich ein paar Freunde aus Amerika, und natürlich werde ich weiter mit Holger trainieren. Genau genommen ist es ja meine letzte Woche in Würzburg, weil wir uns wirklich schon bald in Bamberg treffen.

Morgenpost Online: Chris Kaman, Center der Los Angeles Clippers, machte seine EM-Zusage von Ihnen abhängig. Jetzt kommt er, haben Sie mit ihm telefoniert?

Nowitzki: Nein, aber getextet. Ich telefoniere nicht gern, nur mit meiner Mutter, wenn ich in Ami-Land bin, und mit meiner Freundin. Sonst bekommt mich keiner ans Telefon. Mit Chris habe ich letzte Woche getextet, er kommt am 13. oder 14. August und freut sich. Er hat ja auch schon seit April Zeit und genug Urlaub gehabt. Er trainiert bereits seit einem Monat wieder und ist fit. Wenn er da ist, geht es dann auch Schlag auf Schlag. Freitag, Sonnabend und Sonntag spielen wir in Bamberg, Dienstag in Bremen, Freitag in München, Sonntag in Berlin, und am Montag fliegen wir nach Litauen. Da hat der DBB schon ein Mörderprogramm zusammengestellt, damit wir uns einspielen können.