Champions League

Bayern Münchens Angst vor der Europa League

In der Qualifikation zur Champions League braucht der FC Bayern ein überzeugendes Spiel. Die Zürich-Vorbereitung stört die Kapitänsdebatte.

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Jupp Heynckes fühlt sich wie ein Schuljunge, der wegen schwacher Leistungen nach dem Unterricht nicht nach Hause darf. „Wir müssen nachsitzen“, sagt der Trainer des FC Bayern München und meint das Hinspiel der dritten Qualifikationsrunde zur Champions League gegen den FC Zürich am Mittwoch (20.45 Uhr, Sky und Sat.1). Das sei in der Historie des Klubs nicht oft passiert. „Die Spieler müssen richtig reinhauen“, betont er.

Die direkte Qualifikation haben die Bayern unter seinem Vorgänger Louis van Gaal in der vergangenen Saison verpasst. Sollten sie sich gegen die Schweizer nicht durchsetzen, spielen sie in der Europa League – und müssten auf viele Millionen Euro Einnahmen verzichten. Allein der Name des Wettbewerbs lässt Profis und Verantwortliche schaudern. „Es ist das Schlimmste für jeden Spieler beim FC Bayern, nicht in der Champions League zu spielen“, sagt Nationalstürmer Thomas Müller. Und dann ist da noch der Austragungsort des Finales am 19. Mai nächsten Jahres: München. FC-Bayern-Wohnzimmer. Das große Ziel.

Damit seine Mannschaft dabei ist, so wie Präsident Uli Hoeneß es fordert, lernt Heynckes fleißig. „Ich habe die Züricher Mannschaft studiert, mir ihre Partien auf DVD angesehen und Notizen gemacht“, sagt er. Der erfahrene Trainer ist beeindruckt. Münchens Gegner sei spielstark, kreativ, und er verfüge über ein gutes Offensivspiel. All das also, was den Bayern in den ersten Bundesliga-Begegnungen fehlte.

Wie bei der Niederlage zum Saisonauftakt gegen Borussia Mönchengladbach (0:1) erarbeitete sich der Rekordmeister auch bei dem glücklichen 1:0 gegen den VfL Wolfsburg nur wenige Torchancen gegen die Mannschaft von Felix Magath . Es gab zu wenige Überraschungsmomente, zu viele Querpässe. Gegen Zürich stehen Heynckes und die Mannschaft nun gehörig unter Druck. „Wir wissen, wie wichtig die Partie ist. Wir müssen ein Topspiel zeigen“, fordert Kapitän Philipp Lahm.

Der Trainer hat genaue Vorstellungen von dem neuen Spielsystem. Bislang gelingt es seinen Profis aber viel zu selten, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Alle bei den Bayern hatten gehofft, dass es schneller geht. Lahm versucht zu beschwichtigen: „Wir merken in der Mannschaft, dass hier etwas zusammenwächst.“ Es dauere aber eben ein paar Wochen, bis alles passe. Und Stürmer Ivica Olic sagt: „Der Trainer braucht Zeit, und wir brauchen Zeit.“ Das Problem jedoch ist: Die Bayern haben keine Zeit. Heute Abend spielen sie gegen Zürich, schon Samstagnachmittag in der Bundesliga steht die nächste Partie an, zu Hause gegen den Hamburger SV.

Heynckes gibt sich selbstkritisch. Er hat den Fokus seiner Arbeit zuletzt auf die Abwehr gelegt. 40 Gegentore in der vorherigen Spielzeit, das war eine Blamage. Er will wieder das Gefühl haben, dass der Gegner die eigene Defensive nicht bezwingen kann. Vielleicht habe er dabei die Offensive etwas vernachlässigt, mutmaßt der Trainer: „Ich sehe, dass alles noch ein bisschen holprig ist. Aber es gibt Gründe dafür, dass es noch etwas zähflüssiger läuft.“

Jerome Boateng, der neue Abwehrchef, habe nahezu die gesamte Vorbereitung verpasst, Arjen Robben und Franck Ribery fehlten in den vergangenen Wochen phasenweise verletzt. Jetzt sind die beiden Stars wieder fit, und Heynckes erwartet von ihnen eine Leistungssteigerung: „Wir müssen risikofreudiger spielen, mehr Tempowechsel vornehmen und in die Tiefe spielen. Ich hoffe, dass wir gegen Zürich davon schon etwas sehen werden.“ Es sei nur eine Frage der Zeit, bis das Angriffsspiel besser funktioniere.

So lange Robben und Ribery nach Ballverlusten defensiv arbeiten, dürfen sie sich in der Offensive austoben. Heynckes’ taktische Ausrichtung ist flexibler als van Gaals. „Bei ihm mussten wir immer unsere Position halten, er war sauer wenn wir es nicht taten. Heynckes gibt uns mehr Freiheiten, mal die Seiten zu wechseln, das ist kein Problem“, berichtet Olic.

Er und seine Kollegen sind zuversichtlich, dass sie heute endlich überzeugen. Nach dem Sieg über Wolfsburg sei etwas Ruhe da, freut sich der Kroate. Doch wie es so ist beim FC Bayern: Ruhig bleibt es meist nicht lange.

Vor der Partie gegen Zürich provoziert der ehemalige Bayern- und Nationaltorwart Oliver Kahn die Münchner Auswahlspieler Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm. In seinem Internetblog auf Eurosport.com schreibt der 42-Jährige: „Hängt die Titelflaute nicht vielleicht mit einer Spielergeneration zusammen, deren Stellvertreter Philipp Lahm und Bastian Schweinsteiger vehement leugnen, dass eine Mannschaft heutzutage echte Führungsspieler braucht? Führungsspieler, die den Finger in die Wunde legen, die auch mal unbequeme Wahrheiten aussprechen, denen ihr Image unwichtiger ist als der Erfolg (…)?“ Ohne echte Führungsspieler, lautet Kahns Analyse der derzeitigen Situation, würden die Klubs aus der Bundesliga noch lange auf internationale Titel warten müssen.

Lahm kontert: „Was irgendein ehemaliger Spieler in irgendeinem Blog sagt, interessiert uns nicht.“ Nach einer Erklärung für seine Aussagen werde er Kahn nicht fragen. „Ich habe seine Nummer gar nicht.“ Und Schweinsteiger sagte der „Bild“: „Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass Oliver Kahn früher nichts mehr gehasst hat als Kritik von Ex-Kollegen, die über die Medien ausgeübt wird. Von so einem großen Spieler erwarte ich, dass er sich an seine Worte erinnert.“

Ihr Trainer stärkt Lahm und Schweinsteiger in der Diskussion um den Führungsstil den Rücken. „Ihr Wort hat innerhalb der Mannschaft Gewicht. Es gibt eben unterschiedliche Typen“, sagt Jupp Heynckes: „Philipp ist ein sehr besonnener Spieler, der nach innen wirkt. Und solche Spieler können wahnsinnig viel bewirken. Er macht das ganz hervorragend. Du kannst auch intern dazwischenhauen, muss nicht immer nach außen poltern.“