Dressur-EM

Totilas muss sich in der Höhle des Löwen beweisen

Wunderhengst Totilas wuchs in den Niederlanden auf und wurde dort ausgebildet. Nun kehrt er für die Europameisterschaften der Dressurreiter erstmals dorthin zurück. Es könnte Pfiffe geben.

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Kerzengerade und mit erhobenem Haupt sitzt Matthias Alexander Rath im Sattel von Totilas und absolviert mit seinem Rappenhengst die Lektionen. Er ist konzentriert, sein Blick geradeaus gerichtet. Aus der Ferne versuchen die Besucher der Europameisterschaften in Rotterdam, einen Blick auf das derzeit wohl beste Dressurpaar der Welt zu erhaschen. Doch im Gegensatz zum CHIO in Aachen, wo die Anhänger des Pferdesports ihre Stars hautnah erleben können, halten die Veranstalter bei den Titelkämpfen in den Niederlanden die Fans auf Abstand. Angesichts des enormen Hypes um den Wunderhengst eine weise Entscheidung. Doch auch von neugierigen Blicken lässt sich Rath nicht beirren, der 27-jährige Hesse ruht in sich. „Es ist faszinierend, wie Totilas die Menschen begeistert und die Dressur in den Fokus gerückt hat.“

Am Donnerstag wird bei der EM-Titel im Mannschaftswettbewerb vergeben. Als Favorit war die deutsche Equipe in den Nationenpreis gestartet, nach zwei von insgesamt vier Reitern pro Nation ist der Traum von der Goldmedaille jedoch in weite Ferne gerückt. Christoph Koschel (Hagen .T.W.) patzte mit dem zehn Jahre alten Donnperignon und holte nur 71,444 Punkte. Zuvor hatte Helen Langehanenberg (Havixbeck) mit dem Hengst Damon Hill 71,079 Punkte erzielt. Damit kam Deutschland am ersten Wettkampftag auf nur 142,523 Zähler und liegt weit hinter den führenden Briten (149,256). „Der Abstand ist zu groß, das ist eindeutig“, sagte Bundestrainer Holger Schmezer, „das Ding ist gelaufen.“ Am Donnerstag treten Deutschlands Toppaare an, Isabell Werth (Rheinberg) und El Santo sowie Rath und Totilas.

Unabhängig von der finalen Platzierung werden sich alle Augen von Reitern und Fachleuten auf das Duo Rath/Totilas richten. Für sie ist es der erste gemeinsame Auftritt bei einer internationalen Meisterschaft. Und das ausgerechnet in den Niederlanden, dem Land also, wo der als Wunderhengst gepriesene Totilas aufgewachsen und ausgebildet wurde. „Rotterdam ist die Höhle des Löwen und sicher nicht der ideale Ort für die erste gemeinsame EM von Matthias und Totilas“, sagt Paul Schockemöhle, der den Hengst für geschätzte zehn Millionen Euro aus niederländischem Besitz erstanden hatte.

Seit Schockemöhle im Herbst 2010 das Ausnahmepferd erworben hat, gibt es immer wieder harsche Kritik aus dem Nachbarland. Vor allem auf der Homepage von Reiter Rath machen die Niederländer ihrem Ärger Luft, sie schreiben im Gästebuch etwa, dass es keine Kunst sei, mit einem Pferd wie Totilas erfolgreich zu sein und Rath auf seine Siege überhaupt nicht stolz sein könne. Immerhin, die Angriffe haben nachgelassen. „Es wird vielleicht ein paar Plakate geben, mehr aber nicht“, glaubt Bundestrainer Schmezer. Züchter Schockemöhle kann sich vorstellen, „dass es Pfiffe geben wird“. Insgesamt rechnet der Geschäftsmann aber mit einem fairen Empfang. „Ich glaube, dass die Niederländer Sportsleute sind. Sie sind im Pferdesport die am meisten kaufmännisch orientierten Leute, und sie verkaufen auch viele Pferde“, so Schockemöhle, der kurz vor den kontinentalen Titelkämpfen wieder in Kauflaune war und auch noch den potenziellen Totilas-Nachfolger Bretton Woods für etwa zwei Millionen Euro über die Grenze nach Deutschland holte. Die dreimalige Einzelolympiasiegerin Anky van Grunsven bringt die Gefühllage ihrer Landsleute auf den Punkt: „Das ist ganz schlimm für uns, so ein Pferd wie Totilas kommt so schnell nicht wieder.“