Kapitän in der Kritik

"Ich habe es nicht hingekriegt, so ist es nun mal"

Es ist nicht ihre WM: Birgit Prinz hat nach den enttäuschenden Auftaktspielen an einen Rücktritt gedacht. Die Kritik an ihr vergleicht sie mit einer Hexenjagd.

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Die deutsche Rekordnationalspielerin Birgit Prinz wird scharf kritisiert. Weil sie keine Torgefahr mehr ausstrahlt, musste sie sich viel Häme gefallen lassen. Die Bundestrainerin sortierte sie im vergangenen WM-Spiel gegen Frankreich (4:2) in beiderseitigem Einvernehmen aus. Mental sei die 33-Jahre alte Frankfurterin nicht in der Lage zu spielen, hieß es. Prinz ließ da noch andere über sie reden. Vor dem Viertelfinale gegen Japan am Samstag (20.45 Uhr, ZDF) aber brach sie am Donnerstag ihr Schweigen .

Was hat Sie bewogen, zur Bundestrainerin zu sagen, dass Sie nicht in Mönchengladbach gegen Frankreich spielen können?

Birgit Prinz: Es war in meinen Augen so, dass die ersten beiden Spiele nicht gut für mich gelaufen sind. Ich habe es nicht geschafft, mit dem Druck entsprechend umzugehen. Ich habe mir selber Druck gemacht. Ich wollte sehr gern gut spielen und ich wusste, dass ich sehr starke Konkurrentinnen in der Mannschaft habe. Ich habe auch gemerkt, dass die Stimmung von außen mir nicht unbedingt positiv zugetan war. Es wurde darauf gewartet, dass ich einen Fehler mache, um dann sagen zu können: Die Jungen sind besser als ich. Es ist dann ja auch leider einfach nicht so gelaufen, wie ich es gern gehabt hätte. Ich hatte dann einfach das Gefühl, ich kann der Mannschaft im dritten Spiel nicht helfen. Ich konnte mit der Situation nicht gut umgehen. Deswegen waren Silv (die Bundestrainerin Silvia Neid) und ich uns einig, dass es sinnvoller ist, eine andere Spielerin spielen zu lassen, die es in dem Moment lockerer und besser hinbekommt.

Es braucht ein gewisses Maß an Größe sich das einzugestehen. War es aber Teil der Absprache, dass die Bundestrainerin das Gespräch öffentlich macht ?

Prinz: Ich war in meiner ganzen Karriere Teamplayer. Auch als ich ganz oben stand. Das wird sich auch nicht verändern, wo ich jetzt Kritik ausgesetzt bin und meine Position umstritten ist. Es hätte mir nichts gebracht und der Mannschaft auch nicht, wenn ich aufgelaufen wäre. Dann ist es sinnvoller, Entscheidungen zu treffen, die für mich nicht ganz einfach waren. Also zu sagen: Ich glaube, ich kriege es nicht gut hin. Das war nicht leicht.

Und durfte Frau Neid es publik machen?

Prinz: Es war nicht direkt mit der Bundestrainerin abgesprochen, wie sie was nach außen kommuniziert. Aber ich hatte auch nicht das Gefühl, dass sie irgendwas gesagt hat, was schwierig für mich ist. Es musste kommuniziert werden. Es war klar, dass Fragen kommen. Warum sollten wir Ihnen da was vormachen oder Ausreden finden?

Haben Sie jetzt vor dem Viertelfinale das Gefühl, dass Sie der Mannschaft helfen können? Rechnen sie mit einem Einsatz?

Prinz: Ich habe das Gefühl, dass ich mich wieder ganz gut sortiert habe. Ich denke auch, dass ich langsam meine PS wieder auf die Straße bekomme. Ich habe verstanden, dass ich mir zu viel Druck gemacht habe. Von daher fühle ich mich definitiv in der Lage, wieder zu spielen. Ich gehe allerdings nicht davon aus, dass ich von Anfang an spielen werde. Es gibt wenig Grund, in der Offensive was zu verändern.

Hatten Sie nie Angst, dass sich der Eindruck verfestigen könnte, Sie seien nicht in Form?

Prinz: Ich habe nicht das Gefühl, außer Form zu sein (die neben ihr sitzende Torhüterin Nadine Angerer nickt zustimmend). Ich habe eigentlich eine ganz gute Vorbereitung gehabt. Natürlich wurden die Vorbereitungsspiele von Mal zu Mal schlechter. Aber das kann nicht unbedingt mit meiner Form zusammen hängen. Zu sagen: Ich habe es nicht hingekriegt, ist natürlich ungewöhnlich. Aber so ist es nun mal. Ich finde, das ist menschlich. Jeder, der in einer Drucksituation war, wird wissen, dass es mal nicht mit der Leistung klappt wie gewünscht. Ich finde es legitim, das zuzugeben.

Sie haben bislang eisern über Ihre Situation geschwiegen. Haben Sie die Tage gebraucht, um das verarbeiten zu können?

Prinz: Definitiv ja. In den ersten Tagen hätte ich das nicht hinbekommen. Natürlich habe ich mich angegriffen gefühlt und natürlich haben mich einige der Vorwürfe getroffen. Ich habe meine Zeit gebraucht und genutzt. Ich war jetzt der Meinung, dass ich es ganz gut verarbeitet habe und mich Ihnen stellen kann.

Wie haben Sie es verarbeitet?

Prinz: Ich habe versucht zu verstehen, was mich so arg getroffen hat. Meistens treffen einen die Dinge, die man sich selbst auch vorwirft. Dann habe ich geschaut, was die Lösung sein kann. Die eine wäre gewesen: Ich stecke jetzt den Kopf in den Sand und lasse ihn drin. Dann kann keiner mehr auf mich drauf hauen. Dann tut es auch nicht mehr so weh. Die zweite Möglichkeit war: Ich probiere aufzustehen und schaue, was ich noch für die Mannschaft tun kann. Die Mannschaft hat mir außerdem das Gefühl gegeben, dass ich trotzdem noch wichtig bin. Dass ich ein wichtiger Teil des Teams bin und bleibe. Und von ihnen nicht in Frage gestellt werde, wie es andere gemacht haben. Das hat geholfen.

Haben Sie mal überlegt, alles hinzuschmeißen?

Prinz: In der ersten Emotion gab es so was. Da habe ich gedacht: Was soll das alles? Was tue ich mir noch an? Es war Gott sei Dank nur die erste Emotion, über die ich dann wieder hinweggekommen bin. Am Anfang aber hatte ich schon den Gedanken an Rücktritt gehabt.

Sie standen vor zwei Jahren bei der EM schon mal ähnlich in der Kritik. Was haben Sie nun als ungerecht empfunden?

Prinz: Die Kritik war ungerechtfertigt, weil sie ganz einfach übertrieben war. Ich stehe dazu, dass ich die ersten zwei Spiele dieses Turniers nicht gut gespielt habe. Aber es hatte ein bisschen was von einer Hexenjagd. Ich habe jetzt aber davon profitiert, dass ich 2009 bei der EM schon mal in der Kritik stand und gewisse Mechanismen da schon verstanden habe. Richtig vergleichbar sind die Situationen aber nicht, weil es jetzt einfach eine andere Dimension hat. Damals und heute war zwar das Thema, dass ich das Tor nicht mehr treffe. Aber dieses Mal sind die Zweifel an mir um einiges grundsätzlicher als bei der EM.

Wie sehr wünschen Sie sich noch einen Einsatz und ein Tor, um zeigen zu können, dass Sie es noch können?

Prinz: Um das Tor geht es mir nicht so. Natürlich würde ich gern noch mal spielen. Ich würde gern einen anderen Eindruck hinterlassen, um für mich das ganze positiver abzuschließen, als es jetzt ist. Ich habe mich mit der jetzigen Situation aber arrangiert. Natürlich will ich spielen. Wenn ich sagen würde, ich bin glücklich auf der Bank zu sitzen, dann gehöre ich nicht mehr hier hin. Aber wenn es die Situation erfordert, dass ich auf der Bank sitzen muss, dann werde ich damit umgehen können. Bei den Spielen werde ich enttäuscht und frustriert sein. Aber ich glaube, dass ich darüber wegkomme.

Hat der Teampsychologe in den vergangenen Tagen eine Rolle für Sie gespielt?

Prinz: Ich habe anderweitige Unterstützung. Ich arbeite schon eine Weile mit einer Psychologin in Frankfurt zusammen. Von daher habe ich meine Bezugsperson zu Hause genutzt.