Radsport

"Arschloch" Mark Cavendish ist heiß begehrt

Nach dem Aus für das Team HTC-Highroad ist Mark Cavendish der umworbenste Radprofi. Doch seine Verpflichtung ist riskant: Denn immer wieder gibt es mit ihm Ärger.

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Bevor er am Mittwoch zum Training ausrückte, hatte Mark Cavendish am Abend mal ein bisschen in Freizeit gemacht und einen Strand in der Toskana aufgesucht, was im mitunter monotonen Leben eines professionellen Radrennfahrers nicht eben oft vorkommt. Im Sand lotternd machte der Brite eine angenehme Erfahrung. „Schön, dass in Italien am Strand niemand einen zweiten Blick auf die Rennfahrerbräune wirft, wohingegen es in anderen Ländern weniger unnormal ist zwei Köpfe zu haben“, twitterte Cavendish erfreut.

Immerhin, Humor hat er ja, der selbsternannte „schnellste Mann auf zwei Rädern“, der sich mit Sprüchen üblicherweise ebenso wenig zurückhält wie mit den Ellenbogen im Massensprint. Doch so flink die Zunge des 26-Jährigen von der Isle of Man sonst auch ist – bei einem Thema beißt sich Cavendish dieser Tage beharrlich auf selbige: Für welchen Rennstall der Gewinner des Grünen Trikots bei der diesjährigen Tour de France ab 2012 in die Pedale treten wird, mag er nicht verraten.

Nachdem Ende vergangener Woche bekannt wurde, dass sein Team HTC-Highroad am Saisonende mangels Hauptsponsoren zusperrt, gab Cavendish nur so viel preis: „Eine Reihe von Rennställen haben ihr Interesse daran bekundet, dass ich 2012 für sie fahre. Ich habe mich jetzt entschieden und bin glücklich damit.“

Verwunderlich ist das Buhlen um die Dienste des 20-maligen Tour-Etappensiegers nicht. Cavendish ist, wenn man so möchte, die heißeste Ware auf dem Fahrerbasar, der jedes Jahr während und nach der Frankreich-Rundfahrt am hektischsten ist. In der Branche gilt als offenes Geheimnis, dass das ehrgeizige britische Radprojekt Sky qua Herkunft natürlicher Favorit auf die Verpflichtung des Starsprinters ist. Die ambitionierten Erwartungen vermochte Sky bislang nicht vollumfänglich zu erfüllen, Cavendish – allein 2011 mit zehn Etappenerfolgen dekoriert – könnte also für die gewünschten Siege sorgen.

Doch nicht nur wegen des kolportierten Salärs von zwei Millionen Euro jährlich für die Dienste des früheren Bahnrad-Weltmeisters birgt der Deal Tücken. Er könnte auch die Ambitionen des Sky-Kapitäns Bradley Wiggins (31) torpedieren, ebenfalls einst erfolgreicher Bahnradfahrer und inzwischen zum Anwärter auf Rundfahrtweihen geworden. „Alles in allem sähe ich sein Kommen als Nutzen“, sagt Wiggins über Cavendish, wiegelt aber gleichzeitig ab: „Wenn du eine Woche vor Ende das Gelbe Trikot hast, brauchst du sechs Tage lang tagein, tagaus acht Fahrer vor dir. An diesem Punkt wäre es nachteilig, jemanden wie Mark im Team zu haben.“ Einen Fahrer also, der Tempohärte im Flachen wie Spritzigkeit in den Bergen vermissen lässt.

Der nette Herr Wiggins wird überdies auch wissen, dass Cavendish im Team auch bedeutet, Ärger zu haben. Wo Wiggins wie ein Gentleman ausgesuchter britischer Höflichkeit spricht, agiert Cavendish wie ein Gegenentwurf: großmäulig, direkt, arrogant, bisweilen despotisch oder trotzig wie ein Kind. Im Peloton ist er insofern beileibe nicht überall wohlgelitten.

„Klar werde ich zu einigen Fahrern pampig“, hat Cavendish während de Tour de France 2009 einmal gesagt, „denn ich bin ein Arschloch.“ Im Jahr darauf blockierten während der Tour de Suisse Fahrer dreier Konkurrenzmannschaften eine Etappenabfahrt symbolisch für zwei Minuten, um dergestalt gegen den flinken Flegel zu protestieren. Cavendish hatte ihrer Meinung nach tags zuvor einen Massensturz im Sprintfinale verursacht. „Manchmal bin ich ein bisschen hitzköpfig“, dämmert es ihm. Dass auch das neue australische Radprojekt Greenedge mit den „tiefen Taschen und hohen Ambitionen“ („Velonews“) um Cavendish wirbt, gilt dennoch als ausgemacht.

Markt stark in Bewegung

Neben dieser Personalie werden dieser Tage weitere gehandelt. Prominenteste ist der nun feststehende Wechsel des Straßen-Weltmeisters Thor Hushovd von Garmin-Cervelo zum BMC-Team von Toursieger Cadel Evans. Vor allem durch die avisierte Demission von HTC-Highroad ist der Markt stark in Bewegung geraten. An ihr konnten nicht einmal 484 Siege seit 2008 – ein Zähler auf der Teamhomepage weist die Bilanz fett aus – etwas ändern.

„Die meisten von uns sollten keine Probleme haben, ein neues Team zu finden“, glaubt der italienische HTC-Profi Marco Pinotti (35). Dazu zählen u.a. die Deutschen Tony Martin (26), der demnächst eine Entscheidung bekannt geben will, und John Degenkolb (22). Er wechselt offensichtlich zum niederländischen Team Skil-Shimano.

In der Fachzeitschrift „Velonews“ rätselt ihr Teamkollege Pinotti stellvertretend über die tieferen Gründe für das Aus des T-Mobile-Nachfolgeteams: „Vielleicht zeigt es, dass es schwierig ist, Sponsoren davon zu überzeugen, dass Radsport ein gutes Geschäftsmodell ist?“