Cadel Evans

Tour-Sieg – Der größte Triumph des Wackeldackels

Cadel Evans wurde lange wegen seines Fahrstils verspottet. Nun ist er Tour-Sieger. Zunächst ohne Gewähr natürlich. Er vermeidet klare Aussagen zum Thema Doping.

Am Morgen seines größten Erfolgs als professioneller Radfahrer war Cadel Evans (34) sehr früh in seinem Hotelbett erwacht. Nicht wegen Nervosität vor dem entscheidenden Zeitfahren der Tour de France, nein, nein. Als er Samstagmorgen die Augen aufschlug in seinem Zimmer in Grenoble und von unten Musik heraufschallte, schoss ihm gleich ein garstiger Gedanke durch den Kopf: „Sch…, die Disko ist ja immer noch offen!“

Evans hat sich dann doch nicht ablenken lassen von seinem Vorhaben, nach Jahren zähen Ringens endlich dieses weltgrößte Rennen zu gewinnen, was ihm aus dem einen oder anderen Grund bis dato verwehrt geblieben war. Am Nachmittag schwang der Australier sich in Grenoble zuversichtlich auf sein Rad. Eine knappe Stunde später stand fest, dass der Kapitän des BMC-Teams dem Gesamtführenden Andy Schleck als Tageszweiter hinter dem Deutschen Tony Martin (HTC-Highroad) 2:31 Minuten abgenommen hatte. Mit 34 Jahren, zehn Monaten und fünf Tagen trug am Sonntag auf der Schlussetappe in Paris deshalb Evans als ältester Tour-Fahrer seit dem Zweiten Weltkrieg das Gelbe Trikot.

Seit Jahren ist der Straßenweltmeister von 2009 diesem Triumph hinterher gehechelt, stets gering geschätzt und belächelt als ein Pedalritter von trauriger Gestalt. Es mag mit seiner Vergangenheit als Mountainbiker zu tun haben, mit seinem uneleganten Fahrstil, den Kopf zwischen den Schultern pendelnd wie bei einem Wackeldackel auf der Hutablage im Auto. Es mag auch daran liegen, dass Evans bei der Tour vor allem Mitleidsboni sammelte, weil er entweder knapp Zweiter wurde (2007, 2008) oder derart regelmäßig bös’ vom Rad fiel, dass an einen Sieg nicht zu denken war.

Als die Triumphfahrt auf dem Champs-Elysées gesichert war, erinnerte Evans an seinen italienischen Trainer Aldo Sassi, der 2010 mit 51 Jahren an einem Gehirntumor starb. „Er war es, der an mich glaubte. Oft mehr, als ich es selber tat“, sagte Evans. Sassi, der als aufrechter Trainingstüftler galt, habe ihm einen Toursieg früher vorausgesagt.

Den Grundstein legte Evans auf der Etappe hinauf zum Galibier vorigen Donnerstag, als er in der Gruppe hinter dem solo den Gipfel erklimmenden Andy Schleck Tempo bolzte, um die Lücke zum Rivalen zu verringern. „Die Initiative an dem Tag hat mir ohne Zweifel die Voraussetzung für den Platz gebracht, auf dem ich nun bin“, glaubt Evans. Dem Luxemburger Andy Schleck blieb letztlich zum dritten Mal in seiner Karriere nur Rang zwei.

Andys Bruder Frank Schleck wurde am Ende Dritter, noch vor dem verblüffenden Franzosen Thomas Voeckler, der zehn Tage lang das Gelbe Trikot getragen hatte und so zu drei kurzweiligen Tour-de-France-Wochen beitrug. Gestört wurden die mehr durch Debatten über Sicherheit und Massenstürze, weit weniger durch den einzigen Dopingfall: Katjuscha-Fahrer Alexander Kolobnew wiesen Fahnder ein verbotenes Maskierungspräparat nach.

Natürlich sind alle Resultate zunächst ohne Gewähr. Die Ergebnisse der jüngsten Dopingtests liegen noch nicht vor, und spätestens seit Floyd Landis anno 2006 ist Vorsicht geboten vor allzu verfrühtem Jubel über die Herren in Gelb. Klare Aussagen zum virulenten Thema umkurvte Evans am Wochenende wie immer. Ob der Antidopingkampf der vergangenen Jahre es erst möglich gemacht habe, dass er dieses Rennen gewinnt, wollte wohlwollend einer von ihm wissen. „Ich denke, ich bin nicht in der Position das zu kommentieren“, antwortete der Australier, der von 2001 bis 2004 für die nicht eben gut beleumundeten Teams Mapei und T-Mobile fuhr. Es bedeutet wohl: Sollen die Leute von mir doch denken, was sie wollen.