Comeback in Akron

Die Golfwelt lechzt nach dem Zugpferd Tiger Woods

Tiger Woods ist in der Weltrangliste auf Platz 28 zurückgefallen. Nach seiner Verletzung versucht er jetzt ein Comeback mit einem neuen Caddie.

Foto: AFP

Es ist der Ort seiner meisten Triumphe, aber auch der seiner größten Schmach. Siebenmal hat Tiger Woods in Akron/Ohio gewonnen, öfters als irgendein anderer Spieler an irgendeinem anderen Ort. Zu sagen, der Par-70-Kurs des Firestone Country Club liegt ihm, wäre eine maßlose Untertreibung.

Weshalb umso mehr erschüttert, was sich dort 2010 abspielte. Da belegte der beste Golfer der letzten 15 Jahre, wenn nicht aller Zeiten, den vorletzten Platz – mit 30 Schlägen Rückstand.

Die Bandbreite möglicher Ergebnisse ist also durchaus großzügig, wenn Akron ab Donnerstag erneut einen besonderen Platz in der Vita des Sportmilliardärs einnimmt. Tiger Woods gibt dort ein Comeback. Mal wieder, es ist bereits sein drittes innerhalb der letzten zweieinhalb Jahre.

Seit 2009 ohne Turniersieg

Im Februar 2009 kehrte er von einer Knieoperation zurück, im April 2010 von dem selbstauferlegten Sabbatical nach seinem Sex-Skandal, nun waren es wieder Blessuren, Knie und Achillessehne. Elf Wochen hat er ausgesetzt, zum ersten Mal in seiner Karriere verpasste er die US Open und die British Open gleich dazu.

Als letztes Ergebnis stehen 42 Schläge für die ersten neun Löcher bei der Players’ Championship in den Büchern, sechs Schläge über Par. Danach stieg er aus, zu unerträglich wurden Schmerzen und Score.

Von Comeback zu Comeback lief es bislang schlechter für Woods. Spielpausenübergreifend wartet er seit Ende 2009 auf einen Turniersieg. In der Weltrangliste ist er auf Platz 28 zurückgefallen, in Worten: achtundzwanzig. Schlechter stand er in dem Ranking, das er insgesamt 623 Wochen anführte, zuletzt am 5. Januar 1997 – was exklusiv daran lag, dass er damals erst seit wenigen Wochen Profi war.

Ginge es nicht um Tiger Woods und ginge es nicht um Golf, man könnte im Angesicht dieser fatalen Zahlen leicht einen unaufhaltsamen Verfall konstatieren und fragen: Was soll der Aufwasch? Aber da es nun einmal um Golf und um Tiger Woods geht, ist die Szene in ziemlicher Aufregung.

„Großartig, wir brauchen ihn“, sagte Berufskollege Brandt Snedeker, als er zu Wochenbeginn in Akron aufschlug. „Es fühlt sich anders an, wenn er im Starterfeld ist, allein schon wegen der Publicity, den Fans und der Fernsehberichterstattung.“ Dass sich die Preisgelder in seiner Ära vervierfachten, dass die Einschaltquoten an seinem Dabeisein hängen, gehört in den USA zum Golferlatein wie Hook, Slice und Bunker.

Bei den US Open schauten dieses Jahr 26 Prozent weniger zu als 2010 mit Woods, obwohl in Rory McIlroy dort ein neuer Star geboren wurde. Selbst Phil Mickelson, Woods’ ärgster Rivale in all den Jahren, erklärte kürzlich noch einmal, dass er dem Branchenriesen „immer dankbar“ sein werde „für das, was er für mich, meine Familie und den Golfsport getan hat“. Konkret: „Er trieb die Preisgelder nach oben. Er trieb die Quoten nach oben. Er vergrößerte die Marketingetats. Er erhöhte die Sponsorenverträge.”

Bell für Williams

Entsprechend gespannt wurde auch seine Pressekonferenz nach dem ersten Training am Dienstag erwartet, zumal es ja noch ein zweites brisantes Thema zu besprechen gab – die Entlassung seines Caddies und engen Gefährten Steve Williams .

„Ich hatte das Gefühl, dass es mal eine Veränderung braucht“, sagte Woods, bevor er einige Höhepunkte aus zwölf Jahren Partnerschaft und 13 gemeinsam errungenen (von insgesamt 14) Majorsiegen durchging.

Fürs Erste wird nun Byron Bell, Jugendfreund und Geschäftsführer seiner Golfplatzarchitektursparte „Tiger Woods Design“, seine Tasche tragen, parallel sondiert er den Markt, um den Job wieder permanent zu vergeben. „Eine Menge interessanter Bewerbungen“ habe er schon erhalten.

Die Hysterie um Tiger Woods funktioniert also noch. Aber funktioniert auch er noch? Bei den anderen Comebacks fragte man bloß: Wann wird er wieder der Alte (was ihm 2009 schnell gelang, 2010 weniger)? Jetzt heißt die Frage: Wird er überhaupt noch mal der Alte?

Sein Körper streikt

Es gibt Argumente, die dagegen sprechen. Er ist 36, was an sich kein Problem darstellt im Golf. Aber sein Körper streikt nun schon seit Jahren beständig. Woods zahlt wohl den Preis für den heroischsten seiner 97 Profisiege, als er 2008 humpelnd die US Open gewann; sein Knie war kaputt, aber in ihm loderte das Feuer des Wettkämpfers, deshalb spielte er weiter, immer weiter, inklusive eines Stechens über 18 Löcher.

Danach musste er sich einer Operation unterziehen, und es gibt viele Experten, die sagen, dass sie ihn bis heute verfolgt. Weil die Notwendigkeit, das Knie zu entlasten, eine Schwungumstellung erforderte, an der er nun schon länger erfolglos mit Trainer Sean Foley herumdoktert.

Verwundeter Hund

Noch kniffliger präsentiert sich die psychologische Seite, wie Michael Jordan kürzlich in einem Interview andeutete. Die Basketballlegende nannte den Zustand von Woods „fragil“ und verglich seinen Freund mit einem „verwundeten Hund.“ Der Kampf zurück an die Spitze sei „weit härter, als wohl auch Tiger bis vor Kurzem realisiert hat.“

Längst geht es dabei in erster Linie nicht mehr um seine Aura, den Einschüchterungsfaktor auf die Gegner. Der ist sowieso Geschichte. Es geht darum, die eigenen Zweifel zu besiegen. Nicht umsonst ist die augenfälligste Veränderung in seinem Spiel eine so simple wie ergebnisrelevante: Die kurzen Putts, die er früher einmalig sicher verwandelte, schiebt er plötzlich serienweise neben das Loch.

„Ich bin hier, um das Turnier zu gewinnen“, sagte Woods am Dienstag zum Schluss. Und das macht die Sache ja so aufregend: Je länger die Zeit der Qualen dauert, desto grandioser wird sein Comeback in den Siegerlisten ausfallen. Wenn es denn endlich kommt.