Auftakt beim BVB

Der Hamburger SV vollzieht eine Kulturrevolution

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Patrick Krull und Matthias Linnenbrügger

Foto: picture alliance / dpa/dpa

Der HSV geht nach dem personellen Umbruch einer ungewissen Saison entgegen – nicht allen gefällt das. "Es wird eine schwierige Saison", glaubt Uwe Seeler.

Der angedrohte Fluglotsenstreik brachte die Reiseplaner beim Hamburger SV ins Rotieren. Im Notfall sollte die Mannschaft mit den ICE zum Bundesliga-Auftaktspiel am Freitag nach Dortmund reisen, geblockte Abteile gab es bereits. Es hatte etwas Symbolhaftes, denn auch beim personell kräftig umgekrempelten HSV ist der Aufbruch in seine 49. Bundesligasaison ein Trip mit ungewissem Ausgang.

"Keiner weiß so recht, wohin die Reise führt", sagte Trainer Michael Oenning. Immerhin ist die Tour nach Dortmund doch nochkomplikationslos verlaufen: Am Donnerstag konnte das Team wegen des abgewendeten Streiks nach Düsseldorf fliegen, von dort wird sie mit dem Bus zur Arena des Titelverteidigers übersiedeln.

Alles weitere aber, das zeichnet sich schon ab, wird ein Spagat. Denn der Klub ist mit dem personellen Umbruch nicht nur sportlich ein Risiko eingegangen. Es besteht auch die Gefahr, dass die eigene Fanklientel allzu schnell bei ausbleibenden Erfolgen die Lust und Geduld verliert.

Bei der Generalprobe gegen das spanische Spitzenteam FC Valencia (1:2) war das schon zu hören. Teile des Publikums pfiffen die Mannschaft und insbesondere Kapitän Heiko Westermann aus. "Dafür fehlt mir das Verständnis", sagte Westermann.

Doch kann es den Anhängern verübelt werden? Wohl kaum. In den vergangenen Jahren hatte der HSV stets daran gebastelt, eine Mannschaft für den europäischen Wettbewerb und die Spitze in der Bundesliga zu formen. Die Fans gewöhnten sich daran, zumindest vom Titel träumen zu dürfen.

Nun aber sollen sie sich innerhalb weniger Wochen umstellen. Der Traum soll nun sein, sich möglichst bequem im Mittelmaß einrichten zu können. Bescheidenheit ist Trumpf geworden, die Ansprüche wurden radikal zurück geschraubt. Klubchef Carl-Edgar Jarchow schwebt ein "gesicherter Mittelfeldplatz" vor.

Alles in allem wird beim HSV gerade eine Kulturrevolution vollzogen. Weil alte Verhaltensmuster nicht fruchteten und auch nicht mehr bezahlbar waren, muss das Fußballvolk wohl darben. Das ist Teilen der Anhängerschaft schwer vermittelbar. Oenning weiß das. Er sagt, dass der HSV "normalerweise mit dem Ziel in die Saison geht, Deutscher Meister zu werden. Realistisch ist das nicht, aber auch nicht unmöglich".

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Doch was möglich ist, geben aller Voraussicht nach die Fakten vor. Der im Schnitt um knapp fünf Jahre verjüngten Mannschaft wird wohl schlicht die Erfahrung fehlen, um für Furore sorgen zu können. Elf Profis mussten gehen, darunter Leitwölfe wie Frank Rost, Ruud van Nistelrooy oder Ze Roberto.

Talente wurden geholt, allein vier Reservisten des FC Chelsea. Keiner der Zugänge hat Bundesligaerfahrung, und der als Spielgestalter vorgesehene Per Ciljan Skjelbred stieß gar erst am Donnerstag zur Mannschaft. Es war einer Abmachung des HSV mit Rosenborg Trondheim geschuldet, dass der 24-jährige Norweger so spät kam. Die Skandinavier kassierten zwar 450.000 Euro, wollten ihn aber noch in der Qualifikation für die Champions League einsetzen.

Der harte Kern der Fans übt angesichts solcher Auswüchse Nachsicht. Aus der Nordkurve, bei den treusten aller Hamburger Anhänger, werden nicht so schnell Pfiffe zu hören sein, wenn es mal nicht so läuft. Beim glücklichen 2:1-Pokalsieg in Oldenburg hatten sie ein riesiges Transparent entrollt.

"Lieber Leidenschaft und Kampf, als Erfolg auf Krampf", war darauf zu lesen. Sie wissen, dass bei Reduzierung des Gehaltsetats von 48 auf 35 Millionen Euro die Qualität auf der Strecke bleibt. Sie haben sich mit den Gegebenheiten arrangiert.

Umbruch braucht Zeit

Doch was auf den teuren Plätzen im Stadion passiert, entzieht sich allem Einfluss. Wer dort sitzt, will für sein Geld unterhalten werden. Es gibt nur noch eine freie Loge, auch bei den abgesetzten Dauerkarten konnte mit rund 33.000 die Zahl aus besseren Zeiten gehalten werden. Hält das sportliche Niveau dann aber nicht Schritt, wird von dieser Seite schnell Unmut geäußert. "Aber das sind auch die Ersten, die mitfeiern, wenn es gut läuft", sagt Kapitän Westermann.

Zu verübeln ist ihnen das allerdings nicht. Die erst seit ein paar Wochen vom neuen Vorstand gepredigte Demut kann nicht so einfach die jahrelang propagierten Erfolgsversprechen der alten Bosse austreiben. Deswegen betet insbesondere Trainer Oenning bei jeder sich bietenden Gelegenheit vor, dass ein Umbruch – wie der beim HSV vollzogene – Zeit benötigt und Punkte kosten wird.

Er stapelt bewusst tief, um Verständnis für die Situation zu schaffen. Für das Spiel heute in Dortmund klingt das nach Version von Oenning so: "Keiner kann erwarten, dass wir im Hurra-Stil die Festung stürmen." Die Spielzeit wird in Moll eingestimmt – gut möglich, dass es in dieser Tonart in den nächsten Monaten weiter geht.

Königszugang Bruma

Nach der Partie beim Meister muss der HSV zum FC Bayern und nach Bremen reisen, dazwischen kommen Hertha und Köln. "Ich bin immer positiv gestimmt, aber es wird eine schwierige Saison. Das Anfangsprogramm ist schon hart. Ich hoffe, wir gewinnen die Heimspiele", sagt HSV-Idol Uwe Seeler.

Die Voraussetzungen sind jedenfalls nicht die besten. Jeffrey Bruma, ein 19-jähriges Edeltalent aus den Niederlanden und so etwas wie der Königszugang bei den Hamburgern, konnte wegen einer Achillessehnenreizung am vergangenen Mittwoch erstmals ernsthaft mit seinen neuen Kollegen trainieren.

Angreifer Paolo Guerrero kam erst am Dienstag von der Copa America zurück und der als Schlüsselspieler angesehene Stürmer Mladen Petric ist auch erst seit zwei Wochen wieder voll einsatzfähig und dementsprechend noch nicht hundertprozentig fit. Zudem hat der 30-Jährige Gespräche um eine vorzeitige Vertragsverlängerung in dieser Woche abgebrochen. Er will allem Anschein nach erst einmal sehen, wohin die Reise des HSV nach diesem Umbruch führt.