Auftaktpleite

Harte Landung statt Höhenflug für den FC Bayern

Seit 457 Tagen waren die Münchner nicht Erster – das passt nicht zum Selbstverständnis. Günter Netzer: "Wenn sie nicht aufpassen, läuft es wie vergangenes Jahr."

Die Angestellten haben es verbockt, und der Chef will ihnen am nächsten Tag die Meinung sagen. Doch es ist kaum einer in der Firma. So erging es am Montag Jupp Heynckes . Der Trainer des FC Bayern München hätte gern mit seiner Mannschaft den peinlichen Saisonstart analysiert, aber die Nationalspieler sind mit ihren Auswahlteams unterwegs. Weil beim Rekordmeister fast jeder Nationalspieler ist, konnte Heynckes nur mit ein paar Ersatzkräften trainieren. Auch der angeschlagene Franck Ribery blieb daheim, anstatt zu Frankreichs Nationalteam zu reisen.

Mit 0:1 (0:0) hatte der Rekordmeister am Sonntagabend zu Hause gegen die in der Vorsaison fast abgestiegene Borussia aus Mönchengladbach verloren - erstmals seit 16 Jahren. Eine Blamage vor ausverkauftem Haus, die der teuerste Zugang verschuldete. Schlimmer ist ein Saisonstart nur dann, wenn sich noch ein Leistungsträger verletzt.

Die Fehlerkette ist schnell erzählt: Manuel Neuer wollte einen Ball der Gäste an der Strafraumgrenze abfangen, verschätzte sich, der neue Abwehrchef Jerome Boateng verließ sich auf seinen Keeper , und Gladbachs Stürmer Igor de Camargo traf zum Sieg (62.). „Den Saisonstart haben wir uns ganz anders vorgestellt. Ich nehme das Gegentor auf meine Kappe“, sagte Neuer.

Neuer fehlt noch die Souveränität

Der für 22 Millionen von Schalke 04 gekaufte Torhüter leistete sich schon im Testspiel gegen den Hamburger SV einen derben Patzer. Noch fehlt Neuer die Souveränität, die ihn in Gelsenkirchen zum Nationaltorwart gemacht hat – obwohl die Fans inzwischen auf Proteste gegen ihn verzichten und ihn gegen Gladbach mit Applaus und Spruchbändern zu unterstützen versuchten.

Die ernüchternde Erkenntnis der Bayern: Die Zugänge verstärken die Mannschaft noch nicht wie erhofft. Eine noch ernüchterndere: Alles ist wie in der vorherigen Saison. Und der davor. 2009/2010 gewannen die Münchner ihre erste Partie erst am vierten Spieltag, 2010/2011 holten sie aus den ersten drei Spielen lediglich vier Punkte. Und die Konkurrenz nutzte es.

Seit 457 Tagen ist der Rekordmeister nicht mehr Tabellenführer. Mit dem ersten Platz fehlt ein Stück Identität, er gehört zum Selbstverständnis des Vereins wie das Oktoberfest zu München. Der Mythos FC Bayern bröckelt. Nach dem ersten Spieltag ist Titelverteidiger Borussia Dortmund wieder Meisterfavorit. Alle schwärmen vom BVB, alle wundern sich über den FCB.

„Wir laufen der Spitze schon wieder hinterher. Das wollten wir vermeiden“, sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Die Mannschaft habe gegen die Borussia zu wenig getan. Und ärgert sich über sich selbst. „Alle guten Vorsätze sind wieder beim Teufel. Jetzt geht der Mist schon wieder los. Ich bin sauer“, sagte Nationalspieler Thomas Müller.

Die Statistik gibt wenig Hoffnung: Nach einem verlorenen Auftaktspiel wurden die Bayern nur einmal Meister (1985/1986). 44 Millionen Euro hat der Klub im Sommer in neue Spieler investiert, nachdem er in der abgelaufenen Spielzeit keinen Titel gewann. Und doch fehlt ihm die Effektivität. 27 Flanken schlugen die Bayern gegen Gladbach und spielten 89 Fehlpässe. Die Aufbruchsstimmung ist dahin. „Ich bin überrascht. Die Bayern sind noch nicht so gefestigt, wie es im Kampf um die Meisterschaft nötig ist. Sie haben ganz viele Defizite“, sagte Fußball-Ikone Günter Netzer „Morgenpost Online“.

Besonders bitter für Trainer Heynckes: Die Stars auf den Außenbahnen sind noch nicht in Form, ausgerechnet, der Faustpfand in der Offensive. Arjen Robben enttäuschte auf der rechten Seite, Franck Ribery spielte nach Verletzung nur 30 Minuten. Weder mit ihm noch ohne ihn hatten die Bayern Ideen, wie sie den Abwehrblock der Gladbacher überwinden. Von einem neuen Spielsystem war kaum etwas zu sehen.

Beckenbauer schwärmt vom BVB

Ehrenpräsident Franz Beckenbauer schwärmt nur vom Dortmunder Offensivfußball und schlägt Alarm: Die 90 Minuten gegen Mönchengladbach seien eine hilflose Vorstellung gewesen. Auch Kapitän Philipp Lahm hat den Ernst der Lage erkannt und fordert: „Wir müssen wieder kreativer werden.“ Eine klare Ansage an die Offensivspieler.

Kreativ, so wie der Meister. Dortmund zeigte beim 3:1 gegen den Hamburger SV, wer den besten Fußball des Landes spielt. Mario Götze, Shinji Kagawa, Kevin Großkreutz – alle wieder in Topverfassung. Ihre ersten 90 Minuten waren eine Zeitreise in die vergangene Saison. Als hätte es nie eine Sommerpause gegeben. Manche sagen sogar: Dortmund ist noch stärker geworden. Bayerns Präsident Uli Hoeneß saß auf der Tribüne und war sichtlich beeindruckt. „Wir haben noch ganz viel Luft nach oben“, sagte BVB-Verteidiger Mats Hummels. Für die Bayern muss das wie eine Drohung klingen.

Heynckes hat als Ziel ausgegeben, die Balance zwischen Defensive und Offensive zu verbessern. Gegen Gladbach gelang das nur phasenweise. „Wenn die Bayern nicht aufpassen und sich steigern, läuft es wie im vergangenen Jahr, und Dortmund marschiert“, sagt Netzer. Ihm gefalle, wie „unbeeindruckt und natürlich“ die Borussia spiele.

Thomas Müller klagte, dass die Mannschaften in Dortmund mehr riskieren und mitspielen, sich in München hingegen weit in die eigene Hälfte zurückziehen. Netzer sieht deshalb in den Heimspielen die Hauptgefahr für den Rekordmeister. „Mönchengladbach wird nicht die letzte Mannschaft gewesen sein, die in München sehr defensiv auftritt.“ Die Bayern bräuchten mehr Ideen im Spiel, „und unbedingt eine gefestigte Abwehr“.

Für Netzer aber bleiben die Bayern trotz des schwachen Auftritts am ersten Bundesliga-Wochenende Titelfavorit. Die Niederlage könne etwas Positives innerhalb des Kaders und des Vereins bewirken. „Vielleicht schärft sie die Sinne.“

In Wolfsburg unter Druck

Heynckes jedenfalls hat angekündigt, intensiv mit den Spielern zu arbeiten. Allerdings hat der Trainer seine Mannschaft erst am Donnerstag wieder komplett. Und schon zwei Tage später tritt sie beim VfL Wolfsburg an. „Es ist eine schwierige Situation. Da müssen wir gewinnen“, sagt Ribery.

Die Niedersachsen siegten in ihrem Auftaktspiel 3:0 beim 1. FC Köln. Der ehemalige Bayern-Trainer Felix Magath hat den VfL nach dem Pokalaus gegen RB Leipzig überraschend schnell wieder auf Kurs gebracht. Eine Niederlage in Wolfsburg, und die Bayern hätten ihre erste Krise. „Mit dem Druck müssen wir umgehen. Wenn wir unsere Qualitäten ausspielen, sind wir stärker als der BVB“, sagte Nationalverteidiger Boateng. Fans und Klubführung warten auf den Beweis.