Revolutionärer Plan

Boxen die Klitschkos 2016 in Rio um Olympia-Gold?

Amateur-Präsident Ching-Kuo will Berufsboxer 2016 in Rio de Janeiro um Medaillen kämpfen lassen. Abraham und Sturm sind begeistert, haben aber auch Zweifel.

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Klitschko kontra Haye, Abraham gegen Sturm um den Olympiasieg? Klingt sicher utopisch, doch geht es nach Wu Ching-Kuo sollen solche Kämpfe künftig zum olympischen Boxturnier gehören. Mit seinem revolutionären Plan überraschte der Präsident des Amateur-Box-Weltverbandes AIBA beim Regelmeeting im kasachischen Astana die Faustkampf-Familie.

Der Taiwanese möchte, dass bei den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro auch die Berufsboxer um Gold, Silber und Bronze kämpfen. Denis Oswald hat da seine Zweifel. Der Schweizer ist Mitglied in der Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

"Zwei verschiedene Welten"

„Den Weltverbänden ist es seit der IOC-Session 1981 in Baden-Baden selbst überlassen, ob Profis in ihren Sportarten starten dürfen. Eine Entscheidung über Profiboxen ist in der Exekutive noch nicht gefallen“, sagte der Schweizer. „Das nächste Mal treffen wir uns am 26. August. Allerdings bin ich nicht so euphorisch, dafür müsste ich mehr darüber Wissen, wie sich die AIBA eine Wettkampfgestaltung vorstellt.“

Genau darin liegt noch die Krux. Für Hagen Döring, Sportlicher Leiter des Berliner Sauerland-Boxstalls , steht fest, dass die Details natürlich noch ausgearbeitet werden müssen, dennoch sagt der 38-Jährige dem Ansinnen des AIBA-Präsidenten schon jetzt ein Scheitern voraus.

„Momentan sind Profi- und Amateurboxen noch zwei verschiedene Welten. Dabei schaue ich nicht nur auf die unterschiedliche Kampfdauer. Profis und Amateure trainieren unterschiedlich. Profiställe entwickeln Helden, Amateurverbände haben aufgrund der öffentlichen Finanzierung andere Ziele“, sagt der einstige Amateurboxer und fügt hinzu: „Ein Olympia-Profi müsste sich auf eine Turnierform umstellen, sein Arbeitgeber müsste in der Lage sein, ihm ein entsprechendes Umfeld zu bieten.“

Außerdem werde das Ganze zu einer finanziellen Frage, denkt Döring und nennt ein Beispiel: „Im Finale des Olympia-Turniers stehen zwei Profiweltmeister. Beide wollen ihre Börsen verdienen, die Boxteams ebenfalls, die Weltverbände sind mit im Boot. Und der Verlierer? Er wäre für eine außerhalb von Olympia liegende Titelvereinigung diskreditiert.“ Döhring will den Vorschlag aber nicht vom Tisch wischen.

Immerhin gibt es diverse Beispiele für die Teilnahme von Berufssportlern an Olympischen Spielen. Von 2016 an stehen Golf und Siebener-Rugby im Programm. Basketball ist seit 1992 dabei, Beachvolleyball kam wie Radsport und Baseball vier Jahren später hinzu. Die Tennis-Cracks feierten bereits 1988 ihr Comeback. Steffi Graf siegte damals in Seoul, das Doppel Michael Stich/Boris Becker triumphierte 1992.

„Amateur- und Profiboxen sind zwei verschiedenen Sportarten. Ein Radrennen ist für Profis und Amateure gleich, ein Tennis-Match ebenfalls. Zwölf Runden bei den Profis und dreimal drei Minuten oder auch fünfmal drei bei den Amateuren sind nicht vergleichbar“, sieht Sauerlands Sohn Kalle (34) mindestens Klärungsbedarf.

Jürgen Kyas, Präsident des deutschen Amateurbox-Verbands (DBV), ist dagegen hoch erfreut über die neue Perspektive. „Das wird zu einer weltweiten Stärkung des Boxsports führen“, ist der 63-jährige, ehemalige Kriminalbeamte überzeugt. Allerdings sieht auch er die Notwendigkeit, beide Teilbereiche sowohl von den Regeln als auch von den finanziellen Gegebenheiten kompatibel zu machen: „Wenn alle an einem Strang ziehen, sollte das bis 2016 gelingen.“

Proficoach Fritz Sdunek, der mit Andreas Zülow (1988) und Andreas Tews (1992) selbst zwei Olympiasieger geformt hat und derzeit mit Profiweltmeister Vitali Klitschko im Trainingslager in Kitzbühel ist, sieht das ebenso.

„Grundsätzlich ist es eine tolle Sache. Das olympische Boxen würde viel mehr in den Fokus rücken. Beide Seiten müssten aber Abstriche machen“, sagte der 64 Jahre alte Coach und verweist darauf, dass es „bei den englischen Profis bereits eine vergleichbare Wettkampfform gibt“.

Die in England ausgetragene Show heißt „Prize Fighter“. Bei dem Turnier ermitteln in der Regel acht Boxer an einem Abend im K.o.-System ihren Champion über jeweils drei mal drei Minuten. Der Gewinner bekommt rund 30.000 Euro. Übertragen wird die Veranstaltung von Sky Sports. Bislang gab es 17 Turniere in elf verschiedenen Gewichtsklassen.

Ex-Weltmeister Arthur Abraham, im Prinzip begeistert, denkt aber auch an die reinen Amateure: „Ich weiß nicht, wie ein Kampf laufen soll, wenn in der ersten Runde ein Amateur aus einem kleinen Land gegen einen Profichampion ausgelost wird. Ich darf jedenfalls nicht so schnell aufhören. Olympiasieger zu werden, wäre doch Wahnsinn“.

Zustimmung erhält der Wahlberliner ausgerechnet von seinem Erzfeind – Felix Sturm, Mittelgewichts-Weltmeister der WBA . „Ich kann mir das gut vorstellen. Ich habe ja als Amateur schon wie ein Profi trainiert. In Sydney war ich ja bei den Spielen dabei. Es war unvergesslich: Leider konnte ich mir meinen Goldtraum nicht erfüllen und bin im Viertelfinale ausgeschieden. Aber vielleicht klappt es dann 2016. Das wäre eine echte Motivation.“

AIBA-Chef Ching-Kuo, der das bisherige Alterslimit der Amateure von derzeit 35 auf 40 Jahre anheben möchte, will Details seiner Idee bis zum Jahresende vorlegen.

Für den einstigen Bundestrainer Adolf Angrick, derzeit verantwortlich für die österreichischen Amateure, liegt das Problem weniger im Sport. „Wenn die Profis bei Olympia mitmischen dürfen, müssten sie auch ein Starrecht bei den bisherigen Amateur-Weltmeisterschaften haben. Sonst wäre ein WM-Titel nichts mehr wert.“

Darüber braucht sich Vitali Klitschko , der 1996 wegen eines Dopingverdachts in Atlanta nicht starten durfte, und so seinem Bruder und Ersatzmann Wladimir den Weg zum Olympiasieg unfreiwillig freimachen musste, keine Gedanken zu machen. Der Schwergewichts-Champion ist im Sommer 2016 bereits 45 Jahre alt – Wladimir wäre „erst“ 40 und könnte den Olympiasieg vielleicht wiederholen.