Acht Nationalspieler

Bayern setzt mal wieder auf einen deutschen Block

Der FC Bayern will mit so vielen deutschen Nationalspielern wie noch nie zurück an die Spitze. Die Historie zeigt, dass auch die DFB-Elf davon profitiert.

Foto: Infografik Welt Online

Wer die Zukunft gestalten will, muss einen Traum haben. An diese Weisheit halten sich viele erfolgreiche Menschen: Apple-Chef Steve Jobs träumte von einem Handy der Zukunft und revolutionierte die Welt mit dem IPhone, Dirk Nowitzki von einer Basketball-Karriere in den USA und veränderte den Stellenwert seiner Sportart in Deutschland. Auch Uli Hoeneß hat einen Traum. Der sich diese Saison erfüllt – den vom FC Bayern als „kleine Nationalmannschaft“, dem FC Bayern Deutschland.

Der Präsident des Rekordmeisters hat oft betont, dass er die besten deutschen Spieler in seinem Klub haben will. Passend zum Selbstverständnis des Klubs: „Mia san mia“, so steht es von dieser Spielzeit an sogar auf dem Trikotkragen. Es sei kein Kriterium, ob ein Zugang Nationalspieler ist, sagte Hoeneß. Wichtig sei, dass er der beste für die Position ist. Jetzt – so hoffen es die Bayern – sind die deutschen Nationalspieler die Besten. Und gleich acht spielen nun in München, so viele wie noch nie. Mit ihnen wollen sie Meister Borussia Dortmund vom Thron stoßen. Die Bayern als Herz des deutschen Fußballs.

Dass der Chilene Arturo Vidal nicht von Bayer Leverkusen an die Isar, sondern zu Juventus Turin wechselt, machte die Klubführung daher nicht unglücklich. Zumindest nicht öffentlich. „Der Kader steht jetzt und ist auf allen Positionen top besetzt“, sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge. Hätte Vidal denselben Charakter wie die Zugänge Manuel Neuer oder Jerome Boateng, „dann hätte es auch geklappt.“ Ein Loblieb auf die Nationalspieler, die Titeljagd unter deutscher Flagge kann beginnen.

Wichtige deutsche Spieler hatten die Bayern in den vergangenen Jahren immer, von Miroslav Klose über Sebastian Deisler bis hin zu Michael Ballack. Hoeneß Traum wurde dennoch nicht wahr. Auch, weil Nationalspieler wie Lukas Podolski oder Marcell Jansen die Erwartungen kaum erfüllten und nicht Stammspieler wurden. Jetzt stehen die Chancen gut wie lange nicht, dass es in der Nationalelf tatsächlich einen großen „Bayern-Block“ gibt.

Mehr als ein Drittel der deutschen Auswahl steht in München unter Vertrag. „Für die Bayern ist das natürlich von Vorteil. Sie haben Qualität in ihren Reihen. Aber auch aus Marketingsicht ist es für sie nicht schlecht, so viele Nationalspieler zu haben. Ein Paket an deutschen Nationalspielern lässt sich gut vermarkten“, sagt der Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld der „Morgenpost Online“, von 1998 bis 2004 und 2007 bis 2008 bei den Bayern.

Laut einer Studie des Markforschungsinstituts Sport+Markt verkaufen in Europa nur drei Vereine mehr Trikots und Fanartikel: Real Madrid , FC Barcelona und der FC Liverpool. Die Bayern könnten in dieser Rangliste nun weiter vorrücken. Die Namen sprechen für sich: Torwart Neuer, die Verteidiger Jerome Boateng, Holger Badstuber und Philipp Lahm, die Mittelfeldspieler Toni Kroos, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller sowie Stürmer Mario Gomez.

Und mit Ausnahme von Kroos werden sie wohl den Kern der Mannschaft bilden. „Das ist eine fantastische Entwicklung. Für die Nationalspieler wird es Normalität sein, um Titel zu spielen. Das ist ein extrem wichtiges Gut. Das wird uns in der Nationalmannschaft richtig gut tun“, sagt Matthias Sammer, Europameister von 1996 und Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes.

Die Bayern hoffen vor allem, dass sich ihre Einkäufe für insgesamt 44 Millionen Euro in der Defensive auszahlen. In der vergangenen Saison, in der sich der Klub auf Rang drei rettete, ließen die Abwehr 40 Gegentore zu. Nur neun weniger als Absteiger Eintracht Frankfurt. Nun zahlte der Klub für Boateng 13,5 Millionen Euro an Manchester City, er soll der neue Abwehrchef werden.

Aus den Länderspielen weiß er, in welchen Situation Lahm sich in die Offensive einschaltet, wann Neuer mit schnellen Abwürfen Konter einleitet und wie er mit Bastian Schweinsteiger vor sich das Spiel aufbaut. „Aus meiner Sicht haben sich die Bayern hervorragend verstärkt. Sie haben gewusst, dass sie in der Abwehr etwas tun müssen und haben deshalb ihr Hauptaugenmerk darauf gelegt. Sie haben zwar sehr viel Geld in die Hand genommen, aber dafür auch sehr viel Qualität dazu bekommen“, sagt Hitzfeld.

Joachim Löw gratulierte Boateng per SMS zu dem Wechsel. Der Bundestrainer hofft, dass der FC Bayern und seine Mannschaft von der Blockbildung profitieren. „Natürlich kann Blockbildung manchmal von Vorteil sein“, sagt er.

Das zeigt die Historie: Waren viele Bayern dabei, war Deutschland meist erfolgreich. Beim Gewinn der WM 1974 gehörten sieben Münchner Spieler zum deutschen Kader wie bei der gewonnenen EM 1996 in England. Vor der EM 2012 in Polen und Ukraine träumen viele Fans nun vom nächsten Titel. Löw dürfte dort auf eine „Bayern-Achse“ setzten: Neuer, Boateng, Schweinsteiger, Gomez – in jedem Mannschaftsteil mindestens ein Münchner. „Der Bundestrainer wird zu den Länderspielen Spieler begrüßen können, die eingespielt sind, die ihre Laufwege kennen. Das kann hilfreich in der Vorbereitung und am Ende auf dem Platz sein“, sagt Hitzfeld.

An den Erwartungsdruck beim FC Bayern müssen sich aber auch Nationalspieler erst gewöhnen. Vor allem für Neuer wird es eine neue Erfahrung, sagt Hitzfeld: „Mit ihm haben sie einen der besten Keeper der Welt verpflichtet. Allerdings wird es auch für ihn eine Umstellung. Es ist schon noch mal ein Unterschied, ob man bei Schalke 04 ein Gegentor bekommt oder beim FC Bayern.

Jeder Treffer, den man in München kassiert, wird – übertrieben gesagt – millionenfach analysiert. Damit muss man erst einmal umgehen können.“ Einen Vorgeschmack bekam Neuer in dieser Woche beim Liga Total Cup: Sein Fehler gegen den FSV Mainz (7:6 nach Elfmeterschießen) wurde deutschlandweit diskutiert, obwohl es ein Vorbereitungsspiel war.

Die Konkurrenz blickt gespannt auf den neuen Kader der Süddeutschen. Motto: Wollen wir doch mal schauen, wie gut die neuen Bayern wirklich sind. Der Respekt ist trotz der schwachen Saison 2010/2011 groß. „Die Bayern sind Meisterschafts-Favorit. Wer diese Mannschaft sieht weiß, dass es nicht leicht wird sie zu schlagen“, sagt Dortmunds Verteidiger Mats Hummels.

In München hören gern von solcher Ehrfurcht – und setzen sich hohe Ziele. Schließlich findest diese Saison das Endspiel der Champions League im eigenen Stadion statt. Mario Gomez orientiert sich am großen FC Barcelona. Der Angreifer vergleicht die Bayern-Blockbildung in der Nationalmannschaft mit der des spanischen Spitzenklubs. Der Champions-League-Sieger hat acht spanische Weltmeister in seinen Reihen. „Das kann also nicht von Nachteil sein. Wir wollen angreifen“, sagt Gomez. Auch er hat einen Traum.

Mitarbeit: Lars Gartenschläger