Selbsttötung

US-Skistar Peterson scheitert am Sprung ins Leben

Auf den Freestyleskiern war Jeret Peterson eine Ikone. Doch sexueller Missbrauch, Depressionen und Alkoholprobleme trieben den Olympiazweiten in den Tod.

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Im Himmel fühlte sich Jeret Peterson immer am wohlsten. Bei seinen halsbrecherischen Sprüngen hatte sich der Ski-Freestyler meist unter Kontrolle. Auf Erden aber brachten ihn oft seelische Qualen aus dem Gleichgewicht. Es war wohl nicht mehr auszuhalten, zumindest aus seiner Sicht. Am späten Montagabend schoss sich der Amerikaner mit einer Pistole in den Kopf. Zuvor hatte er den Notruf 911 gewählt und seine Tat angekündigt.

Die Polizei fand den 29 Jahre alten Silbermedaillengewinner von Vancouver gegen 23.30 Uhr, samt Abschiedsbrief. Er saß tot in seinem Auto, das nahe Salt Lake City im idyllischen Lambs Canyon stand. Viele wandern oder klettern in dem Gebiet. Jeret Peterson fuhr da ein letztes Mal gen Himmel.

Die Geschichte des Mannes aus Bois, Idaho, ist eine außergewöhnliche, mit einigen Höhen. Alles in allem aber ist es eine an Tragik kaum zu überbietende. Petersen kommt als jüngstes von drei Kindern zur Welt, wenig später beginnt sein Martyrium. „Seit ich geboren wurde, liefen die Dinge für mich falsch“, hatte er mal gesagt. Er wurde wohl im Alter von 18 Monaten von einem Familienmitglied sexuell missbraucht. Zumindest hatte es ihm seine Mutter so erzählt.

Schwester von Auto angefahren

Die Familie zerbricht, die Eltern liefern sich eine schmutzige Scheidungsschlacht. Als Peterson fünf Jahre alt ist, wird seine Schwester Kim von einem Auto angefahren und stirbt an den schweren Verletzungen. Für Petersons kleine Kinderseele ist das ziemlich viel auf einmal. Zu viel. Peterson kommt damit nicht klar. Er zündet im Hof des Hauses Sachen an und verkauft in der Schule Feuerwerkskörper. Es ist seine Art, mit den Dingen einigermaßen fertig zu werden. Als er älter wird, rast er mit einem Motorroller durch die Stadt, der einigen Ruhm erlangte, weil er lauter als eine Kettensäge röhrte. Ihm werden Depressionen attestiert und Medikamente dagegen verschrieben. Er ist schon früh ein menschliches Wrack.

Der Sportler in Peterson aber bringt Wundersames hervor. Er ist der einzige, der sich an den gewagtesten Sprung im Freestyle wagt. Er nennt sich „Hurricane“, Peterson hat ihn so getauft. Er ist sein Erfinder. „Viele haben sich daran versucht. Ist es machbar für andere? Ja. Ist es irgendeinem mal gelungen? Nein!“, sagte er. Es klingt paradox, aber der „Hurricane“ war eine der wenigen Dinge, die ihm im Leben Halt gaben. „Ich fühle mich wohler mit dem Kopf in der Luft, als mit den Füßen auf dem Boden“, hatte er gesagt. Er verdanke diesem Kunststück ein Stück Selbstvertrauen.

"Ich wollte zeigen, dass man alles überwinden kann"

Peterson raste bei dem Sprung mit bis zu 72 km/h den Hügel hinab. Nach der Rampe schleuderte er dann mehr als 17 Meter in die Höhe. Etwa 3,2 Sekunden hatte er nun Zeit, in denen er drei Saltos und fünf Schrauben zustande brachte. 2010 verpasst er bei den Olympischen Spielen nur um den Hauch von 1,2 Wertungspunkten die Goldmedaille. Er feiert es als Sieg. „Ich weiß, dass einige Leute vieles durchmachen müssen. Ich wollte ihnen zeigen, dass man alles überwinden kann“, sagte er, während ihm Tränen über die Wangen rollten. Es war einer der wenigen glücklichen Momente. Denn meist verlor er etwas.

Seinen Lebensmut sah er oft dahinschwinden. Er war dem Alkohol verfallen, und zwei Mal hatte er schon versucht, sich das Leben zu nehmen. In seinem Ford F-350 Diesel schluckte er im September 2007 eine Überdosis Schlaftabletten und leitete mit einem Gartenschlauch die Abgase des Autos in den Innenraum. In den Sonnenblenden waren Bildschirme eingebaut, sein letzter Film sollte „Final Destination“ sein. Die Polizei fand ihn rechtzeitig. Im November 2008 kam er sturzbetrunken nach Hause und trat mit dem Fuß durch einen Spiegel. Hätte seine Mutter ihn nicht entdeckt, wäre er verblutet. „Er wollte sich umbringen“, sagte sie.

Freitod des Freundes sein größtes Trauma

Peterson war im Privatleben zwar manchmal auf der Gewinnerseite. Beim Blackjack in Las Vegas machte er im Jahr 2005 aus fünf Dollar Einsatz einen Gewinn von 550.000. Aber das machte ihn nicht glücklich.

Ein paar Wochen zuvor hatte sich sein Freund Trey Fernald in Petersons Haus gerichtet. Fernald hatte Streit mit Peterson. Beide standen sich gegenüber, der unter Drogen stehende Fernald zog plötzlich seine Pistole und schoss sich in den Kopf. Der rechte Augapfel hing durch die Einwirkung der Kugel über der Wange, vom linken wurde Peterson weiter angestarrt.

„Das einzige was ich dachte, war: Drück’ sein Auge zurück, damit er wieder normal aussieht“, erzählte Peterson. Der Freitod des Freundes war sein größtes Trauma. Es ist wohl kein Zufall, dass er auf gleiche Weise aus dem Leben schied.