Schwimmen

Warum Britta Steffen alle WM-Starts absagte

Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen hat ihren Ausstieg bei der Schwimm-WM in Shanghai erklärt. Die Entscheidung stößt auf Unverständnis. Es gibt einige Ungereimtheiten.

Sie verfolgte den letzten Vorlauf vom Beckenrand, da sprach schon so etwas wie Erleichterung aus dem Gesicht. Britta Steffen (27) hatte ihre Entscheidung getroffen, egal, ob nun noch eine andere Kraulsprinterin ihre laue Zeit über 100 Meter unterboten hätte oder ob sie als 16. noch gerade so ins Halbfinale gerutscht wäre. Nach nur insgesamt 300 Wettkampfmetern erklärte Steffen ihren WM-Auftritt für beendet, sie sagte alle geplanten Starts ab, wohl um sich weitere demütigende Schlappen zu ersparen. Nach Lesart des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) wollte man sie „schützen“ und „schonen“ in der Vorbereitung auf die kommenden Olympischen Spiele.

Nun liegt London 2012 ein Jahr in der Zukunft, und die merkwürdige Begründung war nicht die einzige Ungereimtheit am Tag, der den deutschen Schwimmsport erschütterte. Die Erklärungen vermochten den Schock kaum abzumildern, nichts ließ sich zusammenfügen. „Ich bin sehr zufrieden mit mir und glücklich, dass ich mich gestellt habe“, sagte die Berlinerin flankiert, von ihrem Trainer Norbert Warnatzsch, mit festem Blick. „Ich habe wahnsinnige Höhen erlebt, und jetzt bin ich eben mal abgetaucht.“

Noch am Tag vor ihrem abgewürgten Einzelstart berichtete Bundestrainer Dirk Lange von einer „aufsteigenden Form“ der Berlinerin, im Trainingslager habe er noch nie eine Frau „schneller schwimmen sehen als sie“. Der Verdacht lag nahe, dass sie mental angegriffen war, aber sie hatte wie immer bei Wettkämpfen Unterstützung von der Psychologin erhalten. Nein, beharrte sie, klopfte sich dreimal mit der Faust gegen die Stirn und lächelte gequält, „im Kopf ist alles klar“. Also doch der Körper oder „eine Kombination aus beidem“, wie sie vermutete? Warum die zweimalige Olympiasiegerin nicht über den Dingen stand und noch einmal antrat, versuchte Warnatzsch so zu erklären: „Sie wäre nicht mehr besser geworden.“ Ein totaler Black-out, als hätte man vor einem großen Wettkampf den Stecker gezogen – das hat auch Franziska van Almsick schon einmal erlebt. Bei Olympia 2004 in Athen, da war „ich in der Form meines Lebens“, sagte die ARD-Frau und langjährige Frontfrau der deutschen Schwimmerinnen in Shanghai. Aber auf van Almsick lasteten in ihrer aktiven Zeit stets die Erwartungen schwer, von Britta Steffen hatte in China kaum jemand gefordert, dass sie auch nur einen WM-Titel von Rom verteidigen müsse. Den Rückzug der früheren Trainingskollegin habe van Almsick vorausgesehen, sagt sie. Verstehen könne sie ihn weswegen aber noch lange nicht: „Ich kann nicht nachvollziehen, dass sie alles hinschmeißt. Von der Frontfrau des deutschen Schwimmens hätte ich erwartet, dass sie mehr Verantwortung übernimmt.“

Da musste sich schon Lutz Buschkow, Sportdirektor des nationalen Verbandes, in den Staub werfen. Der Startverzicht in der Lagenstaffel werde von Steffens Teamkolleginnen akzeptiert, behauptete Buschkow. Staffelmitglied Daniela Schreiber aus Halle, als Vorlauf-23. noch sieben Plätze schlechter platziert und wahrscheinlicher Steffen-Ersatz, war da weniger einfühlsam. Sie sagte: „Ich kann verstehen, dass sie andere Zeiten gewöhnt ist, aber ich finde es egoistisch zu sagen, ich lasse die Staffel alleine.“

Keine Rede vom Rücktritt

Sollte Steffen geknickt gewesen sein, nahm sie sich nur wenig später zusammen und wurde nachdenklich. „Das ist wie in einer Beziehung, da kann man nicht so leicht eine Antwort finden. An welchem Punkt scheitert eine Beziehung? Wenn man zurückblickt auf eine Liebesbeziehung, da hat was nicht gepasst, hier hat was nicht gepasst“, sagte Steffen. Der WM-Dritte Paul Biedermann hatte sich nach dem desaströsen Auftritt seiner Freundin in der Staffel am Dienstag vorgenommen, sich „mehr um Britta zu kümmern“. Bei den Finals gestern saß er ohne Steffen auf der Tribüne – offenbar auf Anweisung des DSV. Wenigstens ein deutscher Star musste präsent sein.

Steffen versuchte der China-Krise noch etwas Positives abzugewinnen. „Wenn man dann enger zusammenrückt und daraus Größe schöpft, nach Streits und Niederlage noch enger zusammenrückt, wenn eine Niederlage noch einmal ein Hoch vor den Olympischen Spielen anzeigt, bin ich gerne dazu bereit, diese Situation hinzunehmen.“ Von Rücktritt also keine Rede.

Vielleicht ist das mühsam gepäppelte Pflänzchen noch nicht stark genug gewesen für so etwas Mächtiges wie eine Weltmeisterschaft. Anderthalb Jahre hatte Britta Steffen nach den vergangenen Welttitelkämpfen in Rom bei internationalen Wettkämpfen ausgesetzt, 22 Monate kein Rennen auf der Langbahn bestritten. Sie hat pausiert, teils, weil sie für die Uni lernen musste, teils, weil sie krank war. Ihre Fehlleistung im Becken verglich die Studentin des Wirtschaftsingenieurswesens mit einer Klausur, für die man sich sehr gut vorbereitet hat, aber dann das Thema verfehlt. Wie locker und leicht kehrte sie dagegen noch bei den nationalen Meisterschaften Ende Mai in Berlin ins Wasser zurück und ließ wissen, dass sie mit sich im Reinen sei. „Ich habe ja alles erreicht.“

DSV-Mann Buschkow, der die maue Bilanz der deutschen Schwimmer mit nur drei dritten Plätzen verantwortet, bemühte das Bild des Chirurgen, um sie abzustrafen. „Von dem erwartet der Patient auch, dass er auf den Punkt genau das Messer ansetzt, da kann ich von den Sportlern auch erwarten, dass sie auf den Tag genau fit sind.“ Der Vergleich war nicht auf Steffen gemünzt, aber dass sie sich aus der Affäre zog, wird dem Verband nicht schmecken. „Traurig und enttäuschend“, fand Präsidentin Christa Thiel das Aus für das „Aushängeschild des DSV“. Steffen ist mehr als zweimalige Olympiasiegerin, sie ist Werbefigur, Garantin für hohe Einschaltquoten, Sportlerin der Jahre 2008 sowie 2009 und Botschafterin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Sie hat Schülern von ihrem Werdegang erzählt und von einer Tugend, die sie stets beherzigt hat: dass man alles erreichen kann, wenn man nicht aufgibt.

Es mag hart sein, ihr diesen Vorsatz in der Stunde der Schwäche vorzuhalten, aber Sportler ihres Kalibers erfüllen eine besondere Vorbildfunktion. Bisher ist sie der immer gerecht geworden.

Sie ist stolz darauf, „nicht gekniffen“ zu haben, aber genau den Eindruck hat sie in Shanghai hinterlassen. Oder sie war gestern zu verwirrt vom scheinbar Unerklärbaren. „Es gibt Fragen“, sagte Steffen zum Abschluss, „die ich mir selbst gern beantworten würde.“