Schwimm-WM

Britta Steffen erntet herbe Kritik von van Almsick

Nach dem Vorlauf-Fiasko hat Britta Steffen alle Starts bei der Schwimm-WM in China abgesagt. Damit hat sie viele enttäuscht. Ihre Kollegen nennen sie "egoistisch".

Als Britta Steffen nach ihrem WM-Untergang vor der Fernsehkamera verzweifelt nach Erklärungen suchte, wollte Paul Biedermann sie ganz schnell erlösen. Der doppelte Bronzemedaillengewinner lotste seine Freundin an den Journalisten vorbei, nahm sie tröstend in den Arm und verschwand mit ihr.

Doch die Doppel-Olympiasiegerin wollte in der schwersten Stunde ihrer Karriere nicht einfach davonlaufen und kehrte zurück. „Ich habe alles gegeben, was drin war. Es ging nicht mehr - leider“, sagte die 27-Jährige noch immer völlig ratlos. „Ich würde gerne Antworten liefern, aber ich habe selbst keine.“ Dann erlöste sie ihr Trainer. „Sie wird keine weiteren Wettkämpfe mehr bestreiten. Wir müssen sie schützen“, sagte Norbert Warnatzsch und zog einen Schlussstrich unter die völlig missglückte Doppel-Titelverteidigung des deutschen Schwimm-Stars in Shanghai.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. „Ich finde es egoistisch zu sagen: Ich starte nicht und lasse die Staffel alleine da stehen“, sagte ihre Teamkollegin Daniela Schreiber, als sie von Steffens vorzeitigem WM-Ende erfahren hatte: „Von uns wird auch immer Teamgeist verlangt.“ Mit der Freistil-Weltrekordlerin hätte die Lagenstaffel am Samstag deutlich bessere Chancen - trotz der erschreckend schwachen 54,86 Sekunden, die Steffen nach den Vorläufen über 100 m lediglich Platz 16 einbrachten.

Dass sie daraufhin nicht nur auf das Halbfinale, sondern auch auf die 50 m und die Staffel verzichtete, rief auch Ex-Weltmeisterin Franziska van Almsick auf den Plan. „Ich kann verstehen, dass es ihr im Moment nicht gut geht. Aber ich kann nicht nachvollziehen, dass sie alles hinschmeißt“, sagte die 33-Jährige, die als ARD-Expertin in Shanghai ist: „Ich hätte erwartet, dass sie als Frontfrau des Deutschen Schwimm-Verbandes Verantwortung übernimmt und sich die Beine rausreißt, um die Lagenstaffel zu den Olympischen Spielen zu bringen. Man muss manchmal auch die Arschbacken zusammenkneifen.“

Auch DSV-Präsidentin Christa Thiel war vom Rückzug der Vorschwimmerin, die sie auch telefonisch nicht erreichen konnte, nicht begeistert. „Ihr Nicht-Erscheinen ist nicht gut, das ist traurig“, sagte die Anwältin am Abend. „Es gibt keinen im deutschen Schwimmsport, der das nicht bedauern würde. Aber man muss es akzeptieren.“

Steffen wollte „jetzt erst mal die Augen zumachen, die Ohren zumachen“. Zu groß war die Enttäuschung über den plötzlich Absturz. „Ich habe wahnsinnige Höhen erlebt“, sagte sie, „jetzt bin ich halt mal abgetaucht.“ Es hatte sich bereits nach der Staffel-Bronze am vergangenen Sonntag abgezeichnet, dass die schnellste Schwimmerin der Welt hinter den eigenen Ansprüchen zurückbleiben würde. Doch die 54,51 Sekunden vom Sonntag überbot sie am Donnerstagmorgen im WM-Becken noch einmal deutlich.

„Es ist unerklärlich. Ich war in einer Superform und sehr zuversichtlich“, sagte sie. Die Trainer bestätigten immer wieder, dass sie bei der unmittelbaren WM-Vorbereitung in Berlin herausragende Zeiten erzielt habe und nach ihren langen Zwangspause nach der WM 2009 wieder die Alte sei. Auch eine Erkrankung kam als Erklärung nicht infrage. „Ich bin super gesund“, betonte sie.

Mentale Probleme, die sie vor ihrem doppelten Olympia-Triumph von Peking immer wieder in entscheidenden Wettkämpfen zurückwarfen, konnte Steffen selbst nicht feststellen. „Ich war 100 Prozent fokussiert, vom Kopf her sehr klar, nur der Körper hat nicht mitspielen wollen“, sagte die Berlinerin, die sich früher selbst als „Psycho“ bezeichnet hatte, „aber der Mensch besteht nun mal aus Körper und Geist, das kann man nicht radikal trennen. Es wird beides sein.“

Steffen und ihr Trainer hatten schon nach der schwachen Staffel-Zeit über einen Verzicht auf weitere Starts nachgedacht. „Sie ist angetreten und hat nicht gekniffen“, sagte Warnatzsch. Sie selbst war „auf jeden Fall sehr zufrieden und glücklich, dass ich mich gestellt habe und nicht einfach gesagt habe: Ich bin krank, ich kann nicht.“

Dass sie nach dem Vorlauf-Debakel dann doch genau diese Konsequenz zog, konnte zumindest DSV-Leistungssportdirektor Lutz Buschkow verstehen. „Es ist für uns nachvollziehbar, dass man jetzt sagt: Wir machen hier einen Stopp“, sagte er: „In Vorbereitung auf die Olympischen Spiele 2012 muss man einen Sportler, der in der Vergangenheit so große Erfolge für den deutschen Schwimmsport erbracht hat, auch mal schützen.“