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Das Duell der beiden ungleichen Boateng-Brüder

Jerome und Kevin Boateng haben es von Berliner Bolzplätzen in die Weltelite geschafft. Am Dienstag treffen sie mit dem FC Bayern und dem AC Mailand aufeinander.

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Zu der Aussage gehört Mut. „Ich dachte, Zlatan Ibrahimovic ist ein arroganter Bastard“, erzählte Kevin Prince Boateng (24) kürzlich. Doch seit er mit Schwedens Topstürmer beim AC Mailand spielt, sind die beiden Freunde. Ibrahimovic sei ganz anders als erwartet. Es hat sich gefügt – wie so vieles in Kevin Boatengs Karriere.

Am Dienstag (20.45 Uhr, ZDF) spielt er im Halbfinale des Audi Cups in München gegen seinen Bruder Jerome (22) vom FC Bayern . Beide haben es vom Berliner Bolzplatz zu den Topklubs geschafft. Beide sind Millionäre geworden, Nationalspieler. Sie sind bei Hertha BSC Profi geworden – und doch so verschieden.

Jerome wird am Dienstag für die Bayern zwar nicht in der Startformation stehen, wird aber vielleicht eingewechselt. Er ist das Gegenteil von seinem Bruder. Freche Sprüche macht er nicht. Bei den Bayern schwärmen sie von dem 13,5 Millionen Euro teuren Zugang nicht nur, weil er mit seinen 1,92 Metern und gutem Stellungsspiel die Voraussetzungen für seine Rolle als Abwehrchef erfüllt. Sondern weil er höflich und bescheiden auftritt. In der Integrations-Diskussion spricht er Jugendlichen Mut zu: „Deutschland bietet Menschen aus anderen Ländern gute Möglichkeiten, sofern sie die Sprache annehmen.“

Bei Kevin Prince hingegen gehörten immer Eskapaden dazu. Bei Hertha BSC drohte er Trainer Falko Götz Prügel an, mit dem ehemaligen Mitspieler Patrick Ebert stand er im Verdacht, Autospiegel abgetreten zu haben. 13 Tattoos hat er sich stechen lassen, auch den Schriftzug: „The world is yours“, die Welt gehört dir.

Und dann ist da natürlich das Foul gegen Michael Ballack im englischen Pokalfinale, als er für den FC Portsmouth und Ballack für den FC Chelsea spielte. Ballack fiel danach mit Innenbandriss für die WM 2010 in Südafrika aus – für den Kapitän der Anfang vom Ende in der Nationalmannschaft. Jerome kritisierte seinen Bruder, danach hatten sie wochenlang keinen Kontakt.

Fortan war Kevin Prince Boateng das Feindbild der Fans. Vorher hatte er sich entschieden, für das Heimatland seines Vaters Ghana zu spielen. In der Vorrunde kam es zum Duell mit Jerome, Ghana unterlag Deutschland 0:1, schied aber erst im Viertelfinale gegen Uruguay aus. „Du warst der beste Mann auf dem Platz“, sagte Bundestrainer Joachim Löw ihm.

Kevin Prince Boateng wechselte nach dem Turnier zu Milan und gewann gleich den Meistertitel. „Ich lebe hier meinen Traum“, sagt er. Bei der Meisterfeier im Stadion tanzte er in Gedenken an den verstorbenen Michael Jackson den „Moonwalk“. Zehntausende jubelten ihm zu. Boateng, der Fanliebling. „Sie sehen in mir einen ehrlichen Typen, der es geschafft hat, der sich durchgeboxt hat.“

Milan ist in die Jahre gekommen: Mark van Bommel ist 34, Alessandro Nesta und Clarence Seedorf sind 35, Filippo Inzaghi 37. Die Zukunft heißt Boateng. Der Straßenjunge von einst ist fokussierter geworden. Sagen viele, die ihn kennen. Weniger Party, mehr Familienleben. Er sagt, er sei erwachsen geworden. Tatsächlich ist er in Italien nur mit guten Leistungen aufgefallen. Mit seinem Bruder hat er sich auch wieder vertragen.

Die jüngsten Medienberichte aus Ghana kann er daher verschmerzen. Boateng soll nicht für das Freundschaftsspiel seiner Nationalmannschaft am 9. August gegen Nigeria berufen worden sein. Nationaltrainer Goran Stevanovic ist offenbar wütend auf ihn. Der Grund: Boateng spielte vergangenen Woche in einem Testspiel für Milan, obwohl der Verband davon ausging, dass er sich noch schont.

Boateng lässt sich davon nicht irritieren und konzentriert sich auf die Partie am Dienstag. Sein Vater Prince ist bereits in München. Er trifft sich dort mit seinen Söhnen. Und freut sich, dass er einem von ihnen im Finale am Mittwoch zusehen kann. Der Gewinner könnte im Endspiel auf den FC Barcelona treffen, der spanische Klub spielt im ersten Halbfinale mit Porto Alegre aus Brasilien.

Gegen die Besten der Welt zu spielen, das haben sich die Boateng-Brüder als Ziel gesetzt, damals in Berlin. Sie haben es erreicht. Jeder auf seine Weise.