Moderner Fünfkampf

Berlinerin Schöneborn ist EM-Favoritin

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Sebastian Arlt

Foto: Getty Images

Bei der EM im Modernen Fünfkampf geht Olympiasiegerin Lena Schönborn aus Berlin als Favoritin ins Rennen. Gewinnen kann die 25-Jährige aber nur, wenn sie Qualitäten als "Pferdeflüsterin" zeigt.

Ein Pferd hat eben seinen ganz eigenen Kopf. Da kann Lena Schöneborn ihm so gut zureden, wie sie will. Immer im falschen Moment trottet das Tier ein paar Meter nach vorn, Schöneborn, mit dem Zügel in der Hand, hat da keine Chance. Die anderen lachen schon über das Duo beim gemeinsamen Fototermin für die Deutsche Sporthilfe. Immer wieder heißt es wegen des widerspenstigen Vierbeiners: neuer Versuch. Olympiasieger, Welt- und Europameister aus diversen Sportarten posieren vor und in einem englischen Doppeldeckerbus. Vor dem Berliner Olympiastadion soll symbolisiert werden: Wir sind auf dem Weg nach London! Dort beginnen in exakt einem Jahr die Olympischen Spiele.

Lena Schöneborn dürfte dort so gut wie sicher dabei sein, auch wenn sie noch nicht endgültig qualifiziert ist. Olympia – für sie war der 22. August 2008 der größte Tag in ihrer Karriere, als sie in Peking die olympische Goldmedaille im Modernen Fünfkampf gewann. Beste war sie, Meisterin der Vielseitigkeit in den Disziplinen Schießen, Fechten, Schwimmen, Springreiten und 3000-Meter-Lauf. In dieser Reihenfolge waren damals die Herausforderungen an einem Tag noch zu absolvieren. Inzwischen sind Schießen und Laufen zu einer Disziplin („Combined Event“) als Abschluss zusammengelegt worden.

Daher sieht sich die 25-Jährige in London auch nicht als Titelverteidigerin. „Eigentlich ist das jetzt ein komplett anderer Wettkampf geworden.“ Was nicht heißt, dass die gebürtige Bonnerin, die seit 2005 in Berlin lebt, nicht auch jetzt top ist, auch wenn ihr besagte Umstellung „doch etwas schwer gefallen ist“. Knapp drei Wochen ist es her, dass sie das Weltcupfinale in London gewonnen hat. Und bei der am Freitag in Medway (England) beginnenden Europameisterschaft gehört sie natürlich zu den Favoritinnen. Auf ein Ziel will sie sich am liebsten nicht festlegen, dann erklärt sie aber zumindest: „Eine Einzelmedaille wäre schon was Feines.“ Nur keine großen Ansagen. „Es kann so viel passieren.“

Beim Fechten kann man patzen, beim Schwimmen, Schießen oder Laufen ebenfalls. Und dann Reiten. Lena Schöneborn hat da so ihre Erfahrungen mit den Pferden, die jeweils von den Veranstaltern gestellt und den Teilnehmern zugelost werden. 20 Minuten haben Ross und Reiter Zeit, um sich aneinander zu gewöhnen, dann geht es ab in den Parcours. Da sind „Pferdeflüsterer“-Qualitäten gefragt. „Es gibt keine schlechten Pferde“, sagt Schöneborn. „Bloß manchmal passen eben Pferd und Reiter einfach nicht zusammen.“

Kürzlich in London waren Zweibeiner und Vierbeiner wieder einmal nicht unbedingt eine Einheit, dennoch reichte es zum Sieg. Ganz daneben ging es bei der WM 2009 in Leipzig. Heute kann Lena Schöneborn über ihren kapitalen Sturz lachen. „Ich habe mich ausgerechnet in das Hindernis gelegt, an dem mein neuer Sponsor geworben hat.“ So kamen Schöneborn und das Logo des Geldinstituts „groß raus im Fernsehen. Dem Sponsor habe ich bestimmt einen prima Gefallen getan“.

Schöneborn betreibt eine sehr aufwendige Sportart, bis zu 25 Stunden trainiert sie pro Woche. Dass der Moderne Fünfkampf eine Randsportart ist, stört sie nicht. Natürlich freut sie sich, dass sich langsam etwas tut. Durch den „Combined Event“ hat die Sportart an Attraktivität gewonnen. Die 25-Jährige warnt aber auch vor weiteren Neuerungen: „Es darf nicht dazu führen, dass die Sportart total verändert wird.“ Vorher müsse man alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen, zum Beispiel im Marketingbereich.

Die junge Frau weiß, wovon sie spricht. Im Frühjahr 2010 hat sie an der Hochschule für Wirtschaft und Recht ihren Bachelor in „Business Administration“ gemacht, ein halbes Jahr danach hat sie mit dem Master-Studiengang in „International Marketing Management“ begonnen. Die Berlinerin hat ein volles Programm.

Seit Peking habe sich ihre Situation, was Sponsoren betrifft, „positiv entwickelt“, erzählt sie. Schöneborn ist mehr im Gespräch geblieben als so mancher Olympiasieger aus Peking, der vorher unbekannt war und es – nach einem kurzen Popularitätsschub – anschließend auch geblieben ist. Wer erinnert sich denn noch an Ole Bischof? Oder an Alexander Grimm? Sie holten Gold im Judo und im Kanuslalom. Die aparte und eloquente Lena Schöneborn hatte erst kürzlich einen TV-Auftritt in ganz anderer Rolle: Sie kochte im ZDF-„Fernsehgarten“.