Schwimm-WM

Nach einem Party-Jahr ist Phelps wieder zurück

Michael Phelps will es wieder wissen. Bei der Schwimm-WM in Shanghai nimmt der 14-malige Olympiasieger Anlauf für die Spiele 2012 in London.

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Michael Phelps ist zurück. Nach einem Jahr Wettkampfpause. Schlägt bei der WM in Shanghai, wo am Sonntag die Beckenwettbewerbe beginnen, wieder die große Stunde des US-Superstars, des 14-maligen Olympiasiegers? Erste Wettkampfpraxis holte sich der 26-Jährige in Santa Clara/Kalifornien im Juni, dann kam der Canada Cup in Montreal. Es waren erste Versuche, beide Male konnte er nicht überzeugen. Über 200 m Schmetterling kassierte er die ersten Niederlagen seiner Karriere. Aber was heißt das schon? Phelps hat immer bewiesen, dass er voll da ist, wenn es drauf ankommt – auch jetzt in Shanghai?

Obwohl die Titelkämpfe in China nur Zwischenstation sind. Viel schneller will der Amerikaner bis Olympia 2012 in London werden. Für Phelps wären es die vierten Spiele. „Unfassbar, wie sich ein Athlet in diesem Sport mental so häufig und so gut motivieren kann“, staunt Michael Bohl, Trainer von Weltrekordlerin Stephanie Rice (Australien), schon jetzt.

Tatsächlich schien es zumindest eine Zeit lang so, als hätte der beste Schwimmer der Welt mit dem Sport, der ihn zum mehrfachen Millionär machte, abgeschlossen. Nach den acht Goldmedaillen von Peking wirkte Phelps ausgebrannt. Die Schlagzeilen, die er nach Olympia lieferte, waren dann auch eher blechern denn mit Edelmetall bestückt. Partys in Las Vegas, Marihuana-Pfeifen am Pool. Alkohol und leichte Mädchen. „Ich habe ein bisschen meine Jugend nachgeholt“, sagt er.

Phelps lernte in den vergangenen 16 Jahren die Kacheln auf dem Boden seines Heimat-Schwimmbeckens in Ann Arbor besser kennen als einige seiner Familienmitglieder. „Ich habe jahrelang fünf Stunden am Tag trainiert. Sieben Tage die Woche“, sagt Phelps. „Da kommt irgendwann mal ein kleiner Burn-out, das ist doch völlig normal.“


Nun allerdings hat er, so sagt er selbst, „wieder Blut geleckt“. Er möchte „noch einmal angreifen, beweisen, dass ich noch nicht zum alten Eisen gehöre“.

Und dafür trainierte der Mann, der täglich acht- bis zehntausend Kalorien in sich hineinfuttert, nur um sein Gewicht von 84 Kilo zu halten, für die WM wie Sylvester Stallone im Kinofilm „Rocky“. Höhentraining in den Rocky Mountains, Crosstraining in New Mexico. Kontrolle der Blutwerte noch im Wasser, angebliche Nickerchen in einem Sauerstoffzelt. Geheime nächtliche Trainingseinheiten mit Langzeit-Coach Bob Bowman in seinem alten Pool an der University of Michigan. „Michael ist hoch konzentriert. So habe ich ihn schon lange nicht mehr gesehen“, plaudert Bowman am Beckenrand. Wohl wissend, dass die Konkurrenz selbstverständlich zuhört.

Die Konkurrenz, das ist allen voran der Deutsche Paul Biedermann. Zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung außerhalb Chinas. Bei der WM 2009 in Rom verwies Biedermann Phelps über 200 m Freistil auf Rang zwei. Nun werden sich beide wieder messen, nach dem von Phelps geforderten Verbot der Hightechanzüge aber unter anderen Vorzeichen. Biedermann (24) ist derzeit Dritter in der Weltjahresbestenliste über die Distanz, Phelps ist Sechster. Und so stapeln sich im Gastgeberland alle Erwartungen auf dem Erstplatzierten, dem Schnellsten über 200 Meter: Yang Sun, Chinese, 19 Jahre alt, und 2011 mit 1:44,99 Minuten bislang schneller als Biedermann (1:45,72) und Phelps (1:46,27).

Phelps ist also gewarnt und kennt seine physischen Grenzen. Nur vier Mal steigt er in Shanghai in den Einzeldisziplinen ins Becken, drei Mal soll er in der Staffel ran. In London wird es 2012 wohl auch nicht öfter werden. Die 400 m Lagen, so etwas wie der Zehnkampf zu Wasser, wird er streichen. „Warum sollte er auch noch einmal achtmal an den Start gehen?“ sagt Trainer Bowman. „Den Mount Everest hat er schon mal bestiegen, ein zweites Mal muss er sich das nicht antun.“

Spitz' Comeback ist kein Vorbild

Von großen Comebacks scheint Phelps ohnehin nicht allzu viel zu halten. Auf die Rückkehr des Australiers Ian Thorpe (2012) angesprochen, lächelt Phelps vorsichtig. „Ich freu mich drauf, aber von mir werdet ihr das sicherlich nicht sehen. Wenn ich mal durch bin mit dem Schwimmsport, dann bin ich durch. Dann ist Feierabend.“ Basta. Phelps will nicht wie einst Mark Spitz nach mehreren Jahren Abstinenz noch einmal ins Wasser steigen, nur um dann von jungen Hüpfern nass gemacht zu werden.

Aber bis dahin ist ohnehin noch ein bisschen Zeit. Und die will er nutzen, um sich für London in Topform zu bringen. „Wenn es einer schaffen kann, dann Michael“, sagt Teamkollege und Herausforderer Ryan Lochte. „Der Typ hat einen Drive, der nur mit einem 100-m-Sprinter oder Porsche 911 zu vergleichen ist.“ Michael Phelps reloaded: Die Welt wartet auf weitere Heldentaten.