Schwimmen

Über dem Atlantik beschloss Thorpe sein Comeback

Schwimm-Olympiasieger Ian Thorpe spricht im Interview mit Morgenpost Online über sein Comeback, die Rivalen Phelps und Biedermann und Doping-Verdächtigungen.

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Wenn einem Ian Thorpe, 28, die Hand drückt, verschwindet sie in einer mächtigen Pranke, die fest, aber nicht so kräftig wie erwartet zudrückt. Es besteht kein Zweifel, dass die australische Schwimmikone fit ist für ein Comeback. 20 Kilo hat der fünfmalige Olympiasieger abgespeckt.

Während die Elite ab kommenden Sonntag in Shanghai bei der WM antritt, bereitet er sich – bis er Anfang November gemäß Anti-Doping-Statuten wieder Wettkämpfe bestreiten darf – im schweizerischen Tenero auf Olympia 2012 vor. Streng abgeschottet, denn es war der Rummel um seine Person, der Thorpe 2006 zum Rücktritt verleitet hatte. Dort gab er der „Morgenpost Online“ ein seltenes Interview.

Morgenpost Online: Ist Ihnen der Luxus langweilig geworden, Herr Thorpe?

Ian Thorpe: Mein schönster Luxus war schon immer, Zeit zu haben. Materieller Luxus interessiert mich eher wenig.

Morgenpost Online: Sie flogen als Geschäftsmann durch die Welt, haben Fernsehshows moderiert. Lagen am Strand von Bahia, an Ihrem Wohnsitz in Abu Dhabi liegt Ihnen die Glitzerwelt zu Füßen. Jetzt stehen Sie fürs Training wieder um sechs Uhr morgens auf. Warum tun Sie sich den Stress noch einmal an?

Thorpe: Ich will meine letzte Chance nutzen, im Sport etwas Außergewöhnliches zu erreichen. Es war eine Bauchentscheidung.

Morgenpost Online: Wägt man so einen gewaltigen Schritt nicht zweimal ab?

Thorpe: Nein. Es war vor einem halben Jahr im Flugzeug. Ich flog über den Atlantik von Chicago nach London. Ich habe vorher nicht oft ans Schwimmen gedacht, und plötzlich liefen Szenen aus meiner Karriere wie im Film in meinem Kopf ab. Ich konnte an nichts anderes mehr denken als an Schwimmen. Ich glaube, dass man eine Weile braucht, um zu realisieren, wie großartig ein Leben als Profisportler ist. Michael Schumacher ist das so gegangen und Michael Jordan auch.

Morgenpost Online: Der Rennfahrer Schumacher kehrte zurück, weil er den Kick der Geschwindigkeit sucht. Sind Sie süchtig nach dem Gefühl der Leichtigkeit des Körpers im Wasser?

Thorpe: Ja, das Gefühl im Wasser hat mir immer eine große Befriedigung gegeben.

Morgenpost Online: Bereiten Ihnen die Beispiele Schumacher und Jordan Sorge, dass Sie Ihren Heldenstatus verlieren könnten?

Thorpe: Zum Helden küren einen die Medien. Sie sind es, die Schumacher jetzt zu einem bedauernswerten Gefangenen seiner eigenen Ambitionen machen. Niemand nimmt ihm ab, dass er Spaß hat und gerne Rennen fährt. Das ist sehr schade. Ich finde es großartig, dass er wieder Rennen fährt. Und dass er nur um Platz zehn oder zwölf fährt, ist kein Makel.

Morgenpost Online: Wären Sie zufrieden, wenn Sie in London 2012 ohne Medaillen blieben?

Thorpe: Wenn ich eine persönliche Bestzeit aufstellen würde, wäre auch Platz fünf kein Problem für mich. Ich bin kein Killer im Becken. Ich bin nicht der Wettkampftyp, der seine Gegner zerstört. Ich brauch keinen Sieg gegen Phelps für mein Ego.

Morgenpost Online: Wird in London 2012 mit Ihnen, Michael Phelps, Paul Biedermann , Ryan Lochte und Koreas Star Tae Wan Park das als „Jahrhundertrennen“ betitelte Finale über 200 m Freistil in Athen 2004 übertroffen?

Thorpe: Das sind nichts als übersteigerte Erwartungen. Es ist schön zu wissen, dass die Leute glücklich sind, dass ich wieder zurückkomme. Aber, hey, ich habe noch nichts geleistet für London 2012. Es wird brutal schwierig. Der Sport hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Technisch gesehen in der Zeit der Wunderanzüge nicht zum Vorteil. Es war ja nur noch Kraftmeierei. Nicht mein Stil.

Morgenpost Online: Bei der WM 2009 brach Paul Biedermann Ihren Weltrekord über 400 m Freistil, ein bis dahin gut gehüteter Schatz des Schwimmens. Was empfanden Sie, als dieser Deutsche im Wunderanzug die Marke unterbot?

Thorpe: Ich war erleichtert. Das klingt merkwürdig, aber Sie können sich nicht vorstellen, wie oft ich mit dieser Zeit konfrontiert wurde. Wann bin ich sie noch einmal geschwommen? 2000, 2001?

Morgenpost Online: Am 30. Juli 2002.

Thorpe: Ich weiß nur, dass mich diese Zeit immer an meine Vergangenheit erinnert hat. Für mich war der Rekord eine Last. „Weltrekord für die Ewigkeit“ und so ein Unfug, das war mir viel zu pathetisch.

Morgenpost Online: Sie haben bald Gelegenheit, Revanche zu nehmen.

Thorpe: Ich finde das, was Biedermann bei der WM 2009 geleistet hat, phänomenal. Er ist ein kraftvoller Schwimmer, er passt von der Physiognomie gut zur Ära der Anzüge. Ich bin gespannt, wie er sich in Shanghai schlägt, er wird es nicht einfach haben. Jetzt kommt es wieder mehr auf Technik an.

Morgenpost Online: Biedermann würde gern mit Ihnen eine Woche gemeinsam trainieren. Was können Sie voneinander lernen?

Thorpe: Stilistisch nicht sehr viel. Jeder hat seinen eigenen Armzug, seine eigene Wasserlage. Nur weil ich jetzt bei Gennadi Turetski trainiere, werde ich nicht so schwimmen wie sein ehemaliger Schüler Alexander Popow. Davon abgesehen würde mir eine Woche mit Biedermann Spaß machen.

Morgenpost Online: Sie waren stilbildend fürs Schwimmen. Wollen Sie mit Ihrem Comeback beweisen, dass es im Schwimmen mehr auf Technik als auf Kraft ankommen sollte?

Thorpe: Ich will nur mir selbst etwas beweisen.

Morgenpost Online: Warum sind Sie 2006 so überraschend drei Monate vor Ihrer Heim-WM in Melbourne zurückgetreten?

Thorpe: Mich hat es fertig gemacht, unter ständiger Beobachtung zu stehen. Jeder wollte wissen, was ich mache, rund um die Uhr.

Morgenpost Online: Ihr erstes Karriereende wurde auch mit einer verdächtigen Dopingprobe in Zusammenhang gebracht. Letztendlich wurden sie freigesprochen. Haben Sie aber mit Ihrer Annahme, dass Ihre Karriere immer befleckt bleiben wird, Recht behalten?

Thorpe: Weil ich in der Öffentlichkeit kaum mehr darauf angesprochen werde, nehme ich an, dass die Sache aus dem Fokus der Leute verschwunden ist. Ich aber trage die Verdächtigungen immer mit mir herum. Sie sind in meinem Kopf. Ich denke fast täglich daran.

Morgenpost Online: Das Abstreiten von Doping bei auffällig gewordenen Profisportlern wird als Reflex wahrgenommen, die Unschuldsvermutung fällt schwer. Bei Ihnen waren zwei Werte auffällig.

Thorpe: Es war eine Probe, und sie wurde dreimal negativ getestet. Normalerweise wäre das Ergebnis der Probe nie öffentlich gemacht worden, aber irgendjemand hat es den Medien gesteckt.

Morgenpost Online: Hat nicht der Schwimm-Weltverband Fina mit seiner laxen Anti-Doping-Politik dazu beigetragen, dass man als Betrachter kritisch sein muss? Bei den letzten Großveranstaltungen wurden keine Bluttests durchgeführt.

Thorpe: Ich weiß nicht, wie die Fina während meiner Abwesenheit kontrolliert hat. Ich weiß aber, dass Bluttests wichtig für einen glaubwürdigen Antidopingkampf sind.

Morgenpost Online: Jetzt ist der schnellste Mann der Welt, Cesar Cielo, aufgeflogen. Er wurde positiv auf das Doping verschleiernde Mittel Furosemid getestet. Ist sauberer Ausdauerspitzensport generell eine Illusion?

Thorpe: Es steht mir nicht zu, über andere zu urteilen. Ich kann nur von mir sagen, dass ich nicht dope und nie gedopt habe und dass ich mich immer für scharfe Kontrollen eingesetzt habe. Das große Übel ist, dass jede Nation ihre Sportler unterschiedlich streng testet. Und jede Nation rühmt sich, die wirkungsvollsten Kontrollen zu haben. Es gibt da eine gewisse Scheinheiligkeit. Man zeigt mit dem Finger auf die anderen.

Morgenpost Online: Sie waren 17, als Sie zum ersten Mal Olympiasieger wurden, und das auch noch in Ihrer Heimat. Inwieweit hat dieser frühe Ruhm Ihr Leben verändert?

Thorpe: Ich bin früh daran gewöhnt worden und habe darauf geachtet, eine klare Grenze zwischen meinem Privatleben und meinem öffentlichen Leben zu ziehen.

Morgenpost Online: Michael Phelps setzte 2008 seine Karriere aufs Spiel. Er rauchte Marihuana, der Fall wurde öffentlich. Sind solche Handlungen nachvollziehbar, wenn jemand wie Phelps durch das harte Training Teile seiner Jugend beraubt wurde?

Thorpe: Er hat seine Teenagerzeit nicht verloren. Michael und ich gehören zu den ganz wenigen Auserwählten auf diesem Planeten, die dank ihres Talents und mit harter Arbeit Großes im Stande sind zu leisten. Er hat eingesehen, dass er sich schlecht verhalten hat und sich dafür öffentlich entschuldigt. Das sollten wir akzeptieren. Das Problem ist, dass erfolgreiche Sportler oft als Übermenschen dargestellt werden. Alle Sportler sollten gute Vorbilder sein für die Jugend. Manchmal ist es aber schwierig, den Anforderungen gerecht zu werden, wenn der Heiligenschein über einem schwebt.

Morgenpost Online: Sie fielen bisher noch nie aus dem Rahmen. Wann sorgen Sie für den ersten Skandal?

Thorpe: Och, der kommt noch (lacht). Ich habe ja noch genügend Zeit, für welche zu sorgen. Ich habe mich entschlossen, auch nach den Olympischen Spielen 2012 weiterzumachen.

Morgenpost Online: Wird Michael Phelps bei der WM ähnlich auftrumpfen wie bei Olympia 2008?

Thorpe: Er hat eine neue Ära im Schwimmen begründet, unseren Sport auf einen hohen Level der Professionalität gebracht. Was er erreicht hat, ist einzigartig und wird auf Jahre hinaus unerreicht sein. Aber er hat auch eine ganze Reihe von Herausforderern. Park, Lochte, Yang – sie werden Phelps das Leben schwer machen.

Morgenpost Online: Am 11. September 2001 hatten Sie eine Verabredung auf dem New Yorker World Trade Center, kehrten aber um, weil sie Ihren Fotoapparat im Hotel vergessen hatten. So entgingen Sie den Terroranschlägen. Glauben Sie an Schicksal?

Thorpe: Oh ja. Ich glaube, dass wir von irgendetwas gelenkt werden, das wir nicht beeinflussen können.

Morgenpost Online: Was hat diese Einstellung mit Ihrem Comeback zu tun?

Thorpe: Absolut nichts. Mein Glaube ans Schicksal heißt nicht, dass ich die Hände in den Schoß lege und warte, was passiert. Ich musste immer hart arbeiten für das, was ich erreicht habe. Jetzt geht es wieder nur in kleinen Schritten voran. Das ist manchmal frustrierend, aber ich weiß, auf was ich mich eingelassen habe.