Boxen

Hucks Sieg war ein überlebenswichtiger Knock-out

Der souveräne Erfolg des 26-jährigen Cruisergewichtlers gegen den Argentinier Garay rettet die Zukunft des Sauerland-Boxstalls.

Ulli Wegner (69) hatte gehofft, dass keiner seine Tränen sehen würde. Schließlich verbietet es sich für den disziplinfanatischen Boxlehrer, Gefühle öffentlich zu zeigen. Sie könnten als Schwäche ausgelegt werden und womöglich Respekt kosten. Das aber darf nicht sein, so sein Credo, denn er möchte ja weiter so erfolgreich als Trainer arbeiten wie in den zurückliegenden 15 Jahren. Der sich so hartgesotten gebende Mann ist aber auch nur ein Mensch – wie sich zeigte. So sehr er sich auch bemühte, die Tränen zu unterdrücken, es gelang nicht. Zu überwältigend war die Erleichterung, die er am frühen Sonntagmorgen in der Münchener Eishalle nach der überzeugenden Titelverteidigung von Cruisergewichtler Marco Huck (26) spürte.

„Entschuldigung, es übermannte mich ganz plötzlich“, stammelte Wegner und fügte krächzend hinzu: „Keiner kann sich wirklich vorstellen, was sich in den letzten Wochen für Druck aufgebaut hat, und das nicht nur bei Marco.“

Näher erläutern wollte der Chefcoach des Berliner Sauerland Boxstalls seine Äußerung nicht. Das war auch nicht notwendig, denn das Horrorszenario blieb ja aus. Nächtelang hatte Wegner nach eigenem Bekunden nicht richtig schlafen können, weil ihn der „furchtbare Gedanke“ einer möglichen Niederlage seines Schützlings einfach nicht aus dem Kopf ging: „Ich wusste, dass Marco super vorbereitet ist und war überzeugt, dass er seinen Titel verteidigen wird. Trotzdem bleibt natürlich immer ein Restrisiko.“

Wegner ist erleichtert

Jetzt, wo alles gut gegangen ist, Huck seinen großmäuligen argentinischen Herausforderer Hugo Hernan Garay in der zehnten Runde ausgeknockt hat, möchte Wegner nicht weiter darüber spekulieren, welche Auswirkungen es hätte haben können, wenn sein schlagstarker Schützling das Duell um den Titel der World Boxing Organization (WBO) verloren hätte. Zumindest wäre dadurch seine beeindruckende Serie gerissen. Zum ersten Mal seit dem 24. Oktober 1998 hätte er ohne Weltmeister dagestanden. Sven Ottke hatte sich damals in Düsseldorf gegen Charles Brewer (USA) den Titel der International Boxing Federation (IBF) erkämpft. Er war Wegners erster Titelträger bei den Profis.

Aber nicht nur Wegner, sondern auch sein traditionsreicher Boxstall wäre ohne Weltmeister gewesen. Nach den Titelverlusten von Mittelgewichtler Sebastian Sylvester, Schwergewichtler David Haye und der Titelniederlegung von Arthur Abraham wegen des Aufstiegs vom Mittel- ins Supermittelgewicht, wäre das der „Supergau“ (Wegner) gewesen. Eingeläutet hatte die ungebrochene Titel-Ära der Sauerland-Firma einst Halbschwergewichtler Henry Maske, als er am 20. März 1993 ebenfalls in Düsseldorf durch einen Punktsieg den Amerikaner Charles Williams als IBF-Weltmeister entthronte.

"Ich wollte eine gute Show abliefern"

Hucks Titelverteidigung war für seinen Arbeitgeber überlebenswichtig. Ohne Weltmeister wäre es für Promotor Wilfried Sauerland nahezu unmöglich, mit der ARD über eine weitere Vertragsverlängerung zu verhandeln. Das derzeit bestehende Agreement, das erst unlängst um ein Jahr bis 2014 und eine beträchtliche Millionensumme gekappt wurde, ist in den Entscheidungsgremien des öffentlich-rechtlichen Senders heftig umstritten. „Ich hoffe, ich konnte mit dem Kampf die TV-Macher überzeugen, dass sie mit Boxen aufs richtige Pferd setzen. Ich wollte eine gute Show abliefern, und das ist mir auch gelungen“, befand Huck zu Recht.

Ein boxerischer Stilist wird der hitzköpfige Serbe mit deutschem Pass nicht mehr. Die Hoffnung hat sein Trainer auch aufgegeben. Spektakulär ist Hucks Kampfstil aber allemal. Die 3500 Zuschauer in der Arena und 3,91 Millionen an den Bildschirmen dürften ihr Aufbleiben bis nach Mitternacht nicht bereut haben. Einen K.o.-Schlag, wie ihn Huck gegen den angriffslustigen Südamerikaner zeigte, indem er ihn mit seiner Rechten ans Kinn von den Beinen holte, ist von deutschen Boxern nur höchst selten zu sehen.

Am liebsten würde Huck seine gefürchtete Schlagkraft, durch die er 24 seiner 33 Profikämpfe vorzeitig gewann, künftig gegen Schwergewichtler ausprobieren. Dagegen sperrt sich jedoch Sauerland. Der Promotor hegt mit seinem Zugpferd andere Pläne, als es im Schatten der Klitschko-Brüder womöglich zu verheizen. Ein Vereinigungskampf gegen den polnischen WBC-Weltmeister Krystof Wlodarczyk sei bereits in Arbeit, die Verhandlungen weit gediehen, sagte Sauerland-Geschäftsführer Chris Meyer.

Zunächst aber wird Huck seine 20 Jahre alte Verlobte Amina, die er im Frühjahr kennengelernt hat, zum Traualtar führen. Am 30. Juli geben sie sich in seiner serbischen Heimat das Ja-Wort. 1000 Gäste sind geladen. Natürlich auch sein Trainer. Vielleicht bekommt Wegner dann wieder feuchte Augen – vor Freude. Ausschließen mag er das nicht.