Geldsorgen

Ralf Rangnick hadert mit der Schalker Wirklichkeit

Schalkes Trainer würde seine Mannschaft gern weiter verstärken, scheitert aber an finanziellen Zwängen. Zuerst müssen die Ladenhüter verkauft werden.

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Ralf Rangnick weiß um seine Stärken, kennt aber auch seine Schwächen. Der Trainer von Schalke 04 ist ein Perfektionist, doch gerade weil er sich nur schwer auf Kompromisslösungen einlassen kann, neigt er auch zu großer Ungeduld. Und dann kann es vorkommen, dass er sich zu unbedachten Äußerungen hinreißen lässt.

Zukünftig soll ihm dies nicht mehr passieren. Gerade nicht auf Schalke, wo das Echo auf Aussagen der Verantwortlichen stets gewaltiger ausfällt als bei anderen Vereinen. Rangnick bemüht sich deshalb um besondere Vorsicht, speziell beim Umgang mit vermeintlichen Reizthemen.

"Es ist doch immer so, dass ein Trainer mit den finanziellen Mitteln zurecht kommen muss, die vorhanden da sind", erklärte der 53-Jährige gestern salomonisch zu Gerüchten, er liege, was den Finanzrahmen für Transfers angeht, mit Schalkes mächtigem Aufsichtsratschef Clemens Tönnies über Kreuz. Vor knapp zwei Wochen hatte sich das noch ganz anders angehört.

Streit zwischen den Alphatieren

Damals, unmittelbar nach einem Testspiel, waren Tönnies, Manager Horst Heldt und Finanzvorstand Peter Peters zu ihm in die Trainerkabine gekommen und hatten ihm in einer 20-minütigen Unterredung eröffnet, dass er weit weniger für neue Spieler ausgeben dürfe, als er sich offenbar ausgemalt hatte. "Vor einigen Wochen bin ich davon ausgegangen, dass wir die 25 Millionen Euro Ablöse für Manuel Neuer wieder investieren können. Das wäre auch normal", hatte Rangnick anschließend der "Bild-Zeitung" gesagt und so den Eindruck erweckt, dass es grundsätzliche Uneinigkeit über den zukünftigen Kurs des finanziell angeschlagenen Traditionsvereins gebe.

Auf der einen Seite Rangnick, der so schnell wie möglich den personellen Umbau der von seinem Vorgänger Felix Magath zusammengestellten Mannschaft vorantreiben möchte. Auf der anderen Seite Tönnies, der die Konsolidierung des mit 216 Millionen Euro verschuldeten Konzerns Schalke 04 in den Vordergrund stellt. Heraus kommt ein Streit, der für Schalke nicht neu ist. Schließlich hatten sich über diesen Punkt bereits Tönnies und Magath genau vor einem Jahr entzweit.

Magath hatte damals gefordert, alle zu erwartenden Einnahmen aus der Champions League, für die sich die Mannschaft überraschenderweise qualifiziert hatte, in neue Spieler investieren zu dürfen. Tönnies jedoch wollte die Hälfte der etwa 35 Millionen Euro für die Tilgung der Schulden verwenden. Das wiederum hatte Magath zum Anlass genommen, seine Forderungen öffentlich zu machen und Tönnies so unter Druck zu setzen.

Scheinbar mit Erfolg: Tönnies knickte ein. Doch am Ende musste Magath die schmerzhafte Erfahrung machen, dass der Preis für diesen vermeintlich gewonnen Machtkampf zu hoch war: Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Alphatieren führte zu einer nachhaltigen Zerrüttung ihres Verhältnisses. Es war – rückblickend betrachtet – wohl der Anfang vom Ende Magaths auf Schalke. Am 13. März wurde er beurlaubt.

Personalplanung noch nicht zu Ende

Es dürfte die Einsicht in die Notwendigkeit des Betriebsfriedens gewesen sein, die Rangnick nun veranlasst hat verbal nicht mehr vorzupreschen. "Die finanzielle Situation ist ernster, als ich gedacht habe", erklärte der Trainer und dokumentierte damit Verständnis für die wirtschaftlichen Zwänge seines Arbeitsgebers. Trotzdem legt er Wert darauf, dass er noch weitere personelle Vorstellungen umgesetzt wissen will.

" Unsere Personalplanung ist noch nicht am Ende. Bislang haben wir ja eher den Kader verkleinert", sagte Rangnick und verwies auf die Aufräumarbeiten, die er und Heldt bereits vorgenommen haben: Der unter Magath zeitweise 36 Spieler umfassende Kader wurde auf aktuell 28 reduziert. Perspektivlose Profis wie Gerald Asamoah, Danilo Avelar, Ciprian Deac, Hao, Ali Karimi, Angelos Charisteas, Vasileios Pliatsikas und Nicolas Plestan wurden aussortiert. Hinzu kamen die Verkäufe von Neuer und Lukas Schmitz sowie der ablösefreie Wechsel von Christian Pander nach Hannover.

Doch die sechs bereits feststehenden Zugänge (Ralf Fährmann, Christian Fuchs, Marco Höger, Lewis Holtby, Jan Moravek und Andreas Weigel) reichen nach Rangnicks Ansicht nicht aus, um den Anforderungen in der neuen Saison entsprechen zu können. Für die Art des schnellen Konterfußballs, die dem Trainer vorschwebt, benötigt er speziell in der Offensive andere Spielertypen.

"Der Geist und die Stimmung, die in der Mannschaft herrschen, sind richtig gut", lobte er zwar die Fortschritte der Mannschaft in der Saisonvorbereitung. Doch zwei Topspieler würde er gern noch verpflichten. Dies war bislang allerdings an für Schalker Verhältnissen zu hohen Ablöseforderungen gescheitert. Torjäger Papiss Cissé beispielsweise, für den der SC Freiburg etwa 15 Millionen Euro fordern soll, scheint ebenso unerschwinglich wie Stürmer Nolan Roux von Stade Brest, für den die Franzosen acht Millionen Euro haben wollen.

Raul steht angeblich nicht zum Verkauf

Solche Investitionen wären nur zu stemmen, wenn es gelingen sollte, den Kader weiter auszudünnen. So hoffen die Schalker beispielsweise darauf, Jermaine Jones, der nach einer halbjährigen Ausleihe von den Blackburn Rovers zurückkehrt, zu verkaufen. Bislang liegen jedoch keine Anfragen für Jones, der ein Jahresgehalt von etwa vier Millionen Euro beziehen soll und noch einen Vertrag bis 2014 hat, vor. Ein von britischen Medien kolportiertes Interesse der Rovers an Schalkes Star Raul ist dem Klub nicht bekannt. Der Spanier stünde ohnehin nicht zum Verkauf.

Nun könnte Rangnick gezwungen sein, bei seinen Wunschvorstellungen Abstriche zu machen. Heldt scheint dem Trainer deshalb die Verpflichtung des beim VfB Stuttgart aussortierten Ciprian Marica nahezulegen. Der Rumäne wäre ablösefrei zu haben. "Wir dürfen keine falschen Transfers machen", sagt Rangnick jedoch: "Wir brauchen etwas mehr Zeit, um sicherzustellen, dass ein neuer Spieler uns auch richtig helfen kann."

Bis dahin muss sich der Schalker Coach in Geduld üben. Und niemand kann ihm nachsagen, dass er derzeit nicht darum bemüht sei.