Golf

Kaymer kämpft bei British Open gegen die Formkrise

Martin Kaymer geht mit großem Optimismus in sein Lieblingsturnier. Topfavorit der British Open ist alledings der neue Golf-Star Rory McIlroy aus Nordirland.

Foto: Getty Images / Getty Images/Getty

Er ist eine Legende des Golfsports. Seit 1975 steht der Schotte Ivor Robson bei den British Open hinter seinem grünen Pult und sagt die Spieler an. Jeden Tag. Zehn Stunden lang. Ohne Pause. Wenn Robson Dienst schiebt, isst und trinkt er nicht, und er geht auch nicht zur Toilette. Er spricht. Seine Stimme gehört zum Golf wie die von Michael Buffer zum Boxen. Auch von Donnerstag (14.7.2011) an ist sein unverwechselbarer, britisch distinguierter Singsang wieder zu hören. Dann beginnt in Sandwich/England die 140. Auflage der British Open – dem im Jahr 1860 erstmals ausgerichteten, ältesten Turnier der Welt. Und um 14.21 Uhr Ortszeit wird Robson in höchster Tonlage näseln: "Now on the tee, this is game number 42." Kurzes Päuschen. "From Germany, Martin Kaymer." In Lautsprache: Moarten Koimer.

Dieser Koimer, Deutschlands bester Golfer, hat sich viel vorgenommen für das dritte Majorturnier des Jahres. Zwar verlief seine Saison anfangs erfolgreich – einem frühen Turniersieg folgten acht Wochen auf Platz eins der Weltrangliste –, doch in den vergangenen Monaten kamen keine weiteren Erfolge hinzu. Zwar spielte der Rechtshänder nach wie vor weit über dem Schnitt, eroberte einen dritten und einen vierten Platz, bei den Großereignissen aber erfüllte er die Erwartungen nicht. Beim ersten Major des Jahres, dem Masters, scheiterte Kaymer am Cut. Beim zweiten, den US Open, kam er abgeschlagen auf dem 39. Platz ein. Von einem Weltklassespieler wird anderes erwartet.

Kaymer wechselte den Caddie

Auch Kaymer erwartet anderes von sich. Deshalb hat er ein paar Dinge geändert. Zum einen hat er Änderungen am Schwung vorgenommen, zum anderen die vielleicht sensibelste Position im Umfeld eines Profispielers neu besetzt. Kaymer hat einen neuen Taschenträger. Bereits im Mai hatte Kaymer seinen schottischen Caddie Craig Connelly entlassen. Nun entschied er sich für einen prominenten Nachfolger. Der Engländer Christian Donald, älterer Bruder des Weltranglistenersten Luke Donald, ist seit Ende Juni der neue Mann an Kaymers Seite.

Die meisten Spieler sehen ihre Caddies weit öfter als ihre Frauen, die Angestellten dienen als Ratgeber und Freunde. "Ich brauche jemanden an der Tasche, der motiviert, der mich pusht", sagt Kaymer und lobt den einstigen Profispieler Donald: "Beim Lesen der Puttlinie ist er ein Genie."

Tatsächlich kam Kaymer mit seinem neuen Caddie zuletzt wieder besser in Form. Bei den Open de France in Paris spielte er vor zwei Wochen um den Sieg mit. "Ich hätte gewinnen müssen", haderte Kaymer zwar, dürfte mit Rang vier und 150.000 Euro Preisgeld dennoch ganz zufrieden gewesen sein. Sein Trainer Günter Kessler, mit dem er vorige Woche zu Hause im Rheinland trainierte, hält ihn jedenfalls wieder für siegfähig. 100 Pfund würde er auf einen British-Open-Erfolg seines Schützlings wetten, gab Kessler nach den gemeinsamen Übungseinheiten zu Protokoll, denn: "Sein Schwung wird immer runder, es geht weiter vorwärts." Kaymer scheint diesen Optimismus zu teilen. "Ich fühle mich wieder viel besser", sagt er, "ich hatte ein paar Probleme in den vergangenen zwei, drei Monaten, aber die letzten Turniere waren wieder gut."

Nun also die Open. "Das ist mein Lieblingsturnier", sagt der Deutsche. Er hoffe inständig, es eines Tages gewinnen zu können. Im Vorjahr wurde Kaymer, der an den ersten beiden Tagen mit Vorjahressieger Louis Oosthuizen aus Südafrika und dem amerikanischen Star Phil Mickelson auf die Runde geht, immerhin Siebter. Ein Ergebnis, das bei diesem Turnier für die nächste Auflage allerdings wenig Aussagekraft hat.

Die British Open werden auf wechselnden Kursen gespielt. Nach der 139. Auflage 2010 im schottischen St. Andrews baut Ansager Ivor Robson sein Pult diesmal an der südostenglischen Küste im Royal St. George’s Golf Club auf. Wie immer bei den Open kommt es auch hier nicht nur auf das beste Spiel, sondern auf den richtigen Zeitpunkt der Runde an. Während am Vormittag noch die Sonne scheint, können die Ergebnisse schon am Nachmittag durch Wind und Regen beeinflusst werden. So musste im Vorjahr in Schottland die zweite Runde über eine Stunde lang unterbrochen werden, weil die Bälle auf den Grüns nicht mehr ruhig liegen blieben. Für die jetzige Turnierwoche sind Temperaturen unter 20 Grad und gerade am Wochenende häufige Schauer und Böen mit bis zu 50 km/h vorausgesagt.

"Es ist ein großartiger Kampf, du darfst nie aufgeben. Ich genieße diese Herausforderung", beschreibt Kaymer den Reiz des Unvorhersehbaren, der sich auch darin äußert, dass sein Trainer noch eine kleine Einschränkung bei seiner Wettabgabe machte: "Ich würde auch noch auf 30 andere Spieler 100 Pfund setzen", sagt Günter Kessler.

McIlroy mit der besten Quote

Eine Konsultation der professionellen Buchmacher ergibt folgendes Bild: Mit einer Quote von 21:1 belegt Kaymer beim Anbieter Mybet Rang vier der Favoritenliste. Drei weitere Europäer liegen vor ihm: die Engländer Donald (16:1) und Lee Westwood (11:1) sowie der neue Überflieger der Branche, Rory McIlroy, mit einer Quote von 7:1. Der 22-jährige Nordire hatte im Juni die Verwandlung vom Wunderkind zum Superstar geschafft, als er bei den US Open einen überlegenen Start-Ziel-Sieg herausspielte. Der Hype war seither immens. McIlroy galt schnell als Nachfolger des nach wie vor verletzten Tiger Woods. Er eilte von Fernsehauftritt zu Sponsorentermin, und sein Agent Chubby Chandler kündigte an: "Rory wird eine unglaubliche Menge Geld verdienen."

Bei den British Open bekommt der Sieger zunächst einmal gut eine Million Euro. Für McIlroy wird es das erste Turnier seit den US Open. Er sah sich gezwungen, Bodyguards anzuheuern, um dem Interesse an seiner Person Herr zu werden. Sie werden ihn zum Abschlag geleiten. Dort wird es am Donnerstag um 9.09 Uhr Ortszeit den größten Jubel geben. Wenn Ivor Robson die magischen Worte spricht: "Now on the tee, this is game number 15." Kurzes Päuschen. "From Northern Ireland, Rory McIlroy."