Liga-Total-Cup

HSV-Rasselbande muss sich gegen Bayern beweisen

Der HSV vollzieht einen Umbruch. Beim Liga-Total-Cup gegen Bayern präsentiert der Klub heute sein neues Team mit einem Durchschnittsalter von 22,54 Jahren.

Ein Lächeln konnte sich Frank Arnesen nicht verkneifen, denn mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet. Wie hoch denn seine Telefonrechnung sei, wollte ein Reporter wissen, nachdem der Sportdirektor des Hamburger SV am Montagmorgen mit dem Handy am Ohr aus dem Auto gestiegen war und sich auf den kurzen Fußweg in die Geschäftsstelle des Vereins machte.

„Oha, das möchte ich lieber gar nicht wissen“, antwortete der 54-Jährige und berichtete, dass er jeden Tag „vier bis fünf Stunden“ damit beschäftigt sei, mit Spielern, Beratern und Verantwortlichen anderer Klubs zu verhandeln: „Und zwischendurch muss ich mich ja auch bei der Familie melden.“

Ende Mai übernahm Arnesen die Verantwortung für den personellen Umbruch beim HSV. Von Anfang an sei er mit einem „Riesenberg“ Arbeit konfrontiert gewesen, den es nun Stück für Stück abzutragen gelte. Alles begann mit der Vorgabe des Vorstandsvorsitzenden Carl-Edgar Jarchow, die Gehaltskosten für den Profikader um ein Viertel zu senken.

Nachdem das 48 Millionen Euro teure Aufgebot zum zweiten Mal in Folge die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb verpasst hatte, sahen sich die Hamburger zu einem radikalen Sparkurs gezwungen. „Wir waren zuletzt sportlich nur Durchschnitt in der Bundesliga, haben unsere Spieler aber auf Champions-League-Niveau bezahlt“, sagte Jarchow und betonte, dass dies künftig „nicht mehr zu bewältigen“ sei.

Obwohl Arnesen auf dem Papier noch an den englischen Spitzenklub FC Chelsea gebunden war, traf er konsequente Entscheidungen.

Die Verträge einiger Stammkräfte wurden nicht verlängert oder gar aufgelöst, allen voran die Topverdiener Ze Roberto , Ruud van Nistelrooy (beide vier Millionen Euro pro Saison), Frank Rost (2,5 Millionen Euro), Joris Mathijsen und Piotr Trochowski (beide zwei Millionen Euro) wurden davon in Kenntnis gesetzt, dass der HSV nicht mehr mit ihnen plane. Insgesamt wurden 13 Profis verkauft oder verliehen.

Auf der anderen Seite verpflichtete Arnesen in Jeffrey Bruma, Michael Mancienne , Gökhan Töre, Jacopo Sala (alle Chelsea) und Per Ciljan Skjelbred (Rosenborg Trondheim) fünf Zugänge für rund vier Millionen Euro.

„In der vergangenen Saison hatten wir die älteste Mannschaft der Bundesliga. Jetzt schicken wir eine der jüngsten ins Rennen“, stellte der frühere dänische Nationalspieler fest.

Mit der personellen Situation sei er „sehr zufrieden“, dennoch hat Arnesen Verständnis dafür, dass der HSV im Vorfeld der kommenden Spielzeit als „Wundertüte“ betrachtet wird: „Die Leute fragen sich: Ist das gut, was die in Hamburg machen? Oder ist das schlecht? Ich bin natürlich absolut davon überzeugt. Wir unterschätzen nicht, dass wir große Spieler abgegeben haben, dass wir mit diesem Konzept ein Risiko eingehen. Aber ich sehe darin die Chance, etwas zu entwickeln.“

Beim Liga-Total-Cup in Mainz trifft der HSV am Dienstag (20.30 Uhr, Sat 1 live) auf den FC Bayern, das Duell mit dem deutschen Rekordmeister bezeichnet Trainer Michael Oenning als „erste wichtige Standortbestimmung“ für sein Team. In David Jarolim (32) gehört nur ein Profi aus der Generation „über 30“ zur Startformation. Das Durchschnittsalter der ersten Elf beträgt 22,54 Jahre.

„Wer die Mannschaft beobachtet, der sieht, dass sie mit Herz und Begeisterung bei der Sache ist. Die Stimmung ist hervorragend, gleiches gilt für die Arbeitsmoral. Die Jungs lassen sich bewegen, ohne zu murren. Jeder bringt sich voll ein“, berichtete Oenning, der sich jedoch nicht zu einer sportlichen Prognose hinreißen lassen will: „Wir haben eine Spielidee im Kopf, die wir auf dem Platz umsetzen wollen. Die wichtigsten Faktoren sind Fitness und Teamgeist. Daran wurde hart gearbeitet, und ich habe den Eindruck gewonnen, dass alle verinnerlicht haben, was wir erwarten. Aber ob dieser Zusammenhalt Bestand hat, wird sich erst in schwierigen Phasen herausstellen. Bis dahin sind wir eine unbekannte Größe, für die Konkurrenz, aber auch für uns selbst“, sagte der Trainer.

Obwohl die Mannschaft tragende Säulen wie Rost, Ze Roberto, van Nistelrooy oder Mathijsen verloren hat, blicken die übrig gebliebenen Stammkräfte der vergangenen Saison optimistisch nach vorn.

„Wir fangen bei null an. Der Vorstand hat die Entscheidung getroffen, einen neuen Weg zu gehen, einen großen Schnitt zu machen – und das wird konsequent umgesetzt. Ich bewerte das positiv“, sagte Nationalspieler Dennis Aogo. „Vielleicht war es ja so, dass wir zu viele gestandene Leute hatten. Jetzt werden sich andere besser entfalten können.“

Diese Meinung teilt auch Kapitän Heiko Westermann: „Es ist deutlich zu spüren, dass sich die Atmosphäre deutlich verbessert hat. Einige von uns fühlen sich jetzt wohler und kommen aus ihrem Schneckenhaus heraus.“

Einen großen Anteil daran hat Arnesen, der die Nähe zum kickenden Personal sucht und um einen intensiven Austausch mit Trainer Oenning und den Profis bemüht ist.

Angreifer Mladen Petric, dessen Vertrag der Sportdirektor möglichst zeitnah über die kommende Saison hinaus verlängern möchte, fühlt sich in den Arbeitsprozess eingebunden: „In der Vergangenheit gab es einen Graben zwischen Vorstand und Mannschaft. Aber das hat sich in der neuen Konstellation zum Glück komplett geändert. Alle ziehen an einem Strang – und das ist eine Voraussetzung für den Erfolg.“