Schwimm-WM

Hausding aus Berlin hat Medaillen fest im Blick

Springer Patrick Hausding kann bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Schanghai vom Turm seine erste Medaille holen. In China gewann er auch schon Olympia-Silber, bei den Spielen 2008 in Peking.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Wasserspringer Patrick Hausding ist in Schanghai ganz oben angekommen. Höher geht es nicht. „Das war gewaltig. So etwas werde ich so schnell nicht noch einmal erleben“, schwärmt der 22-jährige Vorspringer der deutschen Mannschaft von diesem speziellen Moment in der chinesischen Metropole, dem Austragungsort der Weltmeisterschaften.

Um den Sport ging es dabei nicht. Den hatte der Berliner für eine Weile aus seinen Gedanken verbannt. Als Tourist hatte sich der sechsmalige Europameister aufgemacht, den Blick vom Schanghai World Financial Center zu genießen. Die Aussichtsplattform 474 Meter über den Straßen der Stadt ist die höchste der Welt. Irgendwo unter ihm lag auch die Schwimmhalle mit dem Sprungturm. Zu klein, um sie zwischen den ganzen Wolkenkratzern zu entdecken. Am Sonntag kann Hausding genau dort die erste WM-Medaille seiner Karriere holen, im Synchronspringen vom Zehn-Meter-Turm mit Sascha Klein (Riesa). Aus der Ruhe bringt ihn das nicht.

WM-Atmosphäre können Hausding und Klein schon am Sonnabend schnuppern, wenn die Titelkämpfe mit dem Synchronspringen der Frauen vom Drei-Meter-Brett beginnen. Während die Wasserballer am Montag und die Freiwasserschwimmer am Dienstag in die WM starten, müssen die Beckenschwimmer um Doppelolympiasiegerin Britta Steffen noch auf den 24. Juli warten. 14 Medaillen will der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) holen, vier davon sollen die Wasserspringer gewinnen. Vor zwei Jahren mussten sie ohne Edelmetall die Heimreise antreten. „Einmal Silber und dreimal Bronze“, konkretisiert Lutz Buschkow, Leistungssportdirektor des DSV und Sprung-Bundestrainer in Personalunion, die Zielvorgabe.

Fünfmal Edelmetall bei einer EM

Der Sprung ganz nach oben scheint bei der starken Konkurrenz, vor allem der Übermacht der chinesischen Kunst- und Turmspringer, ein mehr als schwieriges Unterfangen. Medaillen hingegen sind nicht nur bloße Träume, sondern realistische Vorhaben. Hausdings Name fällt dann zwangsläufig, wenn von den größten deutschen Hoffnungsträgern die Rede ist. Bei der EM vor einem Jahr in Budapest hatte der junge Mann als erster Springer bei internationalen Titelkämpfen in allen fünf Disziplinen eine Medaille geholt, darunter zweimal Gold und dreimal Silber. Ob vom Einmeter-Brett oder vom Turm – der Sportsoldat kommt immer nah an die Perfektion. Ungewöhnlich, da sich die Szene zumeist in Kunstspringer (Ein- und Drei-Meter-Brett) und Turmspringer teilt.

Das volle Programm hat sich Hausding in Schanghai jedoch nicht aufgehalst – sondern neben dem Synchronspringen vom Turm noch jenes vom Dreimeterbrett (Dienstag) und den Einzelwettbewerb vom Dreimeterbrett. „Ich möchte unbedingt mit einer Medaille nach Hause kommen – welche, ist mir egal“, sagt er. „Ich bin ja nicht hier, um einfach nur mitzuspringen.“ Die wohl größte Chance hat er mit dem 25 Jahre alten Klein, der selbst bereits sieben EM-Titel vorweisen kann. Dass die WM-Medaillen in China vergeben werden, ist eh ein gutes Omen für die beiden: In Peking jubelten sie 2008 über Olympia-Silber. Der 22-Jährige fühlt sich wohl in Schanghai. „Die Chinesen sind ein super Organisationsvolk und sehr freundlich“, sagt er und freut sich auf die gigantische Kulisse bei den Wettkämpfen, anstatt sie zu fürchten. Denn vor so einem großen Publikum wie in China springen die Athleten sonst nicht. „Hier bringt es echt Spaß. Das Publikum ist zudem sehr neugierig und loyal“, sagt der Berliner.

Auch die Knieprobleme, die ihn seit März plagen, bringen ihn nicht aus der Ruhe. Die Patellasehnenentzündung im linken Knie wäre schlimm genug gewesen, aber durch Fehlhaltung und Überbelastung schmerzte bald auch das rechte. „Ich bin hier viel beim Physiotherapeuten und habe ein mobiles Stromgerät dabei“, sagt er, „ab und zu habe ich noch Schmerzen, aber das beeinflusst mich nicht.“

Und ein Hinderungsgrund für seine kleine Sightseeing-Tour waren die Knie auch nicht. Dass er die Badehose gegen das Touristen-Outfit oder die Ruhe im Hotel gegen den Großstadtlärm eingetauscht hatte, war auch kein verzweifelter Versuch, kurz abschalten zu können. „Ich bin da gelassen, denke nicht immer nur an den Sport. Gerade in außergewöhnlichen Städten nutzen wir die Zeit, auch mal etwas zu sehen. Das gehört doch auch zum Allgemeinwissen“, sagt Hausding.

Mit seinen beiden Synchronpartnern – vom Drei-Meter-Brett springt er mit Stephan Feck – ist er sich da einig. Nur selten muss der eine den anderen beruhigen. „Wir versuchen, es lässig anzugehen“, sagt Hausding. „Wir machen uns nicht so eine Platte, was um uns herum passiert.“ Es ist ein Mix aus jugendlicher Lässigkeit und einer Menge Erfahrung – trotz seiner erst 22 Jahre. Immerhin ist Wasserspringen bereits seit 15 Jahren seine Leidenschaft.