Werder Bremen

Willi Lemke dreht Trainer Schaaf den Geldhahn zu

Die Sportliche Leitung fordert händeringend Verstärkungen für die neue Saison. Doch dafür muss der Klub erst einen seiner Stars verkaufen.

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Das Ambiente war feierlich, schließlich sollte Einheit demonstriert werden. Als Werder Bremens Geschäftsführung am vergangenen Sonntag auf der Galopprennbahn in der Bremer Vahr in ihren Logen freudig den Renntag beklatschte, vermittelte die Szenerie ein Bild der Geschlossenheit. Doch der Schein trog: Intern ziehen sich tiefe Gräben durch den Klub – mit zwei Verantwortlichen an der Spitze, die sich wie bei einem Wildwestduell gegenüberstehen: Klaus Allofs , der Manager und Vorsitzende der Geschäftsführung, und Willi Lemke, der Vorsitzende des Aufsichtsrates.

Weil Lemke derzeit kein Geld für Zugänge freigibt, kann Allofs keinen neuen Spieler verpflichten. Dabei haben die Bremer insbesondere in der Innenverteidigung noch dringend Verstärkungsbedarf. Per Mertesacker , Sebastian Prödl und Naldo sind noch auf unbestimmte Zeit verletzt, und die Hanseaten besitzen in Zugang Andreas Wolf nur einen bundesligaerfahrenen Abwehrmann für die Zentrale. Lemke beeindruckt das personelle Dilemma allerdings nicht, der erfahrene Politiker verweist lieber auf die Zahlen: Der Klub besitzt keinen finanziellen Spielraum, und bei jeder zusätzlichen Ausgabe würden die Norddeutschen ins Minus wirtschaften.

Manager Allofs bestätigt das. „Morgenpost Online“ sagte er: „Wir besitzen kein Festgeldkonto, auf dem wir Reserven angesammelt haben. Das Geld, das wir jahrelang unter anderem durch die Champions League eingenommen haben, steckt überwiegen in unseren Spielern.“ Deswegen lautet Lemkes Forderung an Allofs: Erst, wenn entweder Torwart Tim Wiese , Mittelfelddribbler Marko Marin oder Per Mertesacker verkauft werden, kann Allofs einen neuen Akteur verpflichten. Auch deshalb wird der Transfer des griechischen Nationalspielers Sokratis Papastathopoulos seit Wochen nicht abgeschlossen.

Allofs wurmt das, weil es bei dem Innenverteidiger im Fall eines Leihgeschäfts dem Vernehmen nach nur um eine Zahlung von rund 850.000 Euro geht – im Profifußball normalerweise keine Summe, die einen wirtschaftlich gesunden Klub zum Zögern zwingt. Der Sportdirektor appelliert derzeit aber weder öffentlich noch intern an Lemke, den Sparzwang zum Wohle der Mannschaft zurück zu stellen, obwohl Allofs schon von Kollegen im Verein dazu aufgefordert wurde. „Ich werde das nicht kommentieren“, erklärte Allofs am Sonntag, als er mit Lemkes Finanzboykott konfrontiert wurde. Dafür sprach ein anderer: Trainer Thomas Schaaf. Er forderte am Freitag in einem Gespräch mit Journalisten neues Personal für seinen Kader und den Aufsichtsrat dazu auf, Geld dafür bereitzustellen.

Andere reden anonym. So bescheinigte ein Verantwortlicher dem Klub gegenüber „Morgenpost Online“ eine „ganz schlechte Außendarstellung“. Der Verein würde unprofessionell in die Saison starten, weil Differenzen nicht mehr nur intern, sondern wegen Schaafs Forderung nun öffentlich ausgetragen werden. Werders traditionelle Stärke, Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Vereinsspitze zu klären, sei kaum mehr als eine schöne Erinnerung.

Auch Allofs öffentliches Eingeständnis, Akteure wie Wiese, Marin oder Mertesacker eventuell zu verkaufen, stieß auf Unverständnis. So drücke der Manager den Preis, lautete der Vorwurf, „weil ja jeder jetzt weiß, dass Werder dringend Geld braucht“. Insgesamt, so das Fazit, ist das Image des einstigen Vorzeigeklubs beschädigt, der es jahrelang vermied, Zwistigkeiten öffentlich auszutragen.

Die Führungskrise, in der die Hanseaten stecken, hat auch mit Lemke zu tun, dessen Einfluss in den vergangenen Jahren gestiegen ist. Nachdem die beiden Geschäftsführer Jürgen L. Born sowie Manfred Müller 2009 die Klubspitze verlassen hatten, wurde in Klaus Filbry nur ein neuer Geschäftsführer im Ressort Marketing eingestellt. Den durch Borns Abgang vakanten Posten „Finanzen und Öffentlichkeitsarbeit“ übernahm Allofs. Es gibt einige im Verein, die Allofs damit überfordert sehen und dem ehemaligen Adidas-Manager Filbry nicht genug Durchsetzungskraft bei internen Diskussionen bescheinigen. Zusätzlich fehlten in Born und Müller zwei Verantwortliche, die ein Gegengewicht zu Lemke bildeten und Allofs den Rücken freihielten, insbesondere bei Transfers.

Als im vergangenen Frühjahr der Bremer Reeder Niels Stolberg wegen der Insolvenz seiner Firma Beluga aus dem sechsköpfigen Werder-Aufsichtsrat ausschied, kippte das Machtverhältnis im höchsten Vereinsgremium endgültig zu Lemkes Gunsten. Zuvor hatte es der ehemalige Bremer Senator schwerer, sich durchzusetzen, weil in Stolberg sowie dem Chef eines Energiekonzerns EWE, Dr. Werner Brinker, zwei Wirtschaftsexperten in dem Rat saßen. Für Stolberg rückte jedoch der vereinstreue Axel Plaat nach. Und da Lemke erstklassige Seilschaften im Verein besitzt, verfügt er nun im Aufsichtsrat über eine unanfechtbare Zweidrittelmehrheit.

Und Lemkes Machtfülle ermöglicht es ihm jetzt, Druck auf Allofs auszuüben. Diesen setzt der 64-Jährige offenbar nicht nur in Form seines Vetos bei Spielerkäufe ein, sondern auch, wenn es um Allofs’ Zukunft geht. Weil der Vertrag des Sportdirektors in einem Jahr ausläuft, bat Lemke, der de facto Allofs Vorgesetzter ist, den Manager in den vergangenen Monaten zu mehreren Vertragsgesprächen. Allofs lehnte diese jedoch unter anderem mit der Begründung ab, erst die Mannschaft für die nächste Spielzeit aufzustellen.

Nun stellt Lemke dem Manager nach „Morgenpost Online“-Informationen ein Ultimatum: Nimmt Allofs den nächsten Termin zu Vertragsgesprächen nicht wahr, sei offensichtlich, dass der Sportdirektor seinen Kontrakt nicht verlängern will. Ist dies so, muss die Zusammenarbeit mit Allofs nicht weitergeführt werden, argumentiert Lemke.