Kanu

Olympia-Comeback - "Fischers Zeit ist abgelaufen"

Die deutsche Kanu-Szene diskutiert über die Comeback-Ankündigung Birgit Fischers für Olympia 2012. Nicht jeder ist begeistert von den Plänen der 49-Jährigen, wieder Kanurennen zu fahren

Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Ulrich Feldhoff (73) kann sich noch gut an diesen Frühsommermorgen im Mai 2004 in Posen erinnern. Der Deutsche war damals Präsident des Kanusport-Weltverbandes und als solcher früh auf den Beinen. Sieben Uhr kamen Feldhoff auf dem Weg zur EM-Regattastrecke polnische Streckenarbeiter entgegen. Seit einer Stunde schon paddele auf dem Wasser ein deutsches Boot, darin dick vermummte Frauen – wer die denn seien, wollten die Männer wissen.

Feldhoff erkundigte sich hernach im deutschen Trainerteam. Im Boot saß – natürlich – Birgit Fischer. „Es war in ihrem Comebackjahr, und sie hatte damals als Bedingung durchgesetzt, am Wettkampftag morgens um sechs zum Einpaddeln rauszufahren“, erinnert sich der langjährige Chef des Deutschen Kanu-Verbands (DKV), in dessen Amtszeit Fischer zweimal den Rücktritt vom Rücktritt wagte (1991, 2003). Er sagt: „Wenn Birgit Fischer etwas anpackt, dann nicht aus einer Laune heraus.“

"Eine außergewöhnliche Athletin"

Auch Christa Thiel, die für den Leistungssport verantwortliche Vizepräsidentin im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), nimmt Fischers Ansinnen „positiv zur Kenntnis. Sie ist eine außergewöhnliche Athletin. Es spricht für sie, dass sie ihr Alter nicht gelten lässt, die Herausforderung sucht und sich die Leistungen noch zutraut“.

Auf „Morgenpost Online“ hat die 49-Jährige angekündigt, womöglich zum dritten Mal ein Comeback zu wagen – zweimal war ihr schon auf außergewöhnliche Weise eine Rückkehr gelungen. „In den vergangenen Jahren kribbelte es vielleicht noch nicht stark genug. Jetzt steht eben auch wieder Olympia vor der Tür“, sagte Fischer. „Ich mache es für mich, weil ich in mir so eine stetige Unruhe spüre, die ich nicht wegkriege. Irgendwie zieht es mich ins Rennboot.“ Derzeit klopft Deutschlands erfolgreichste Olympionikin die Rahmenbedingungen für eine Mission „London 2012“ ab.

Im DKV sind sie gleich hellhörig geworden angesichts von Fischers erstaunlichen Plänen. Cheftrainer Reiner Kießler (59) sagte „Morgenpost Online": „Ich finde es erst mal gut, das belebt unsere Sportart. Und Konkurrenz ist immer gut. Einen Stammplatz hat bei uns keiner.“ Dennoch warnt Kießler Fischer: „Es wird aber schwer für sie, denn wir haben leistungsfähige junge Sportlerinnen.“ Eine Nominierung der dann 50-Jährigen würde der Trainer trotzdem nicht von vornherein ausschließen. „Birgit hat immer ihre Chance“, sagt Kießler.

DKV-Präsident Thomas Konietzko betrachtet Fischers Pläne unterdessen „einerseits mit Respekt, aber auch mit einer gehörigen Portion Skepsis“. Allerdings sagt auch er: „Bei Birgit ist alles möglich. Sie muss aber wie alle anderen Sportler die Nominierungskriterien erfüllen.“

Dass ein Comeback im Kanurennsport auch noch mit 49 Jahren und eine Olympiateilnahme mit dann 50 Jahren – die Mutter zweier erwachsener Kinder feiert am 25. Februar Geburtstag – im Bereich des Möglichen wären, davon geht Wilfried Kindermann aus. Der 70-Jährige reiste bei acht Sommerspielen als Arzt mit der deutschen Olympia-Mannschaft, er sagt: „Ich halte es nicht für ganz unmöglich. Die Technik hat Birgit Fischer ja, daran ändert sich nichts. Sicherheit haben gerade ältere Athleten, das zeigen die anspruchsvollen Wurfdisziplinen in der Leichtathletik wie Diskus- oder Hammerwerfen. Entscheidend sind die konditionellen Voraussetzungen.“

Start nur über 500 m sinnvoll

Im Kanu seien dies: Kraft, Ausdauer, anaerobe Kapazität, also die Toleranz des Körpers gegenüber Belastungen, die ohne Sauerstoffaufnahme bewältigt werden müssen. Vor allem im Sprint ist letztere Fähigkeit sehr wichtig, weswegen ein Start von Birgit Fischer für Kindermann wenn, dann nur über die 500-Meter-Distanz sinnvoll erscheint.

„Der Abfall der Ausdauer des menschlichen Körpers, gemessen an der maximalen Sauerstoffaufnahme, ist hingegen bis zum 50. Lebensjahr relativ gering. Das sind meist nur wenige Prozent, die sie, meines Erachtens, durch eine gute Technik kompensieren kann.“ Mit Blick auf die Muskelkraft erklärt Kindermann: „Die entscheidende Zäsur tritt dort erst zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr ein.“ Jedoch dauere die Regeneration mit zunehmendem Alter länger.

Als prominentes Erfolgsbeispiel nennt der Sportmediziner Jeannie Longo-Ciprelli, Frankreichs unermüdliche Radsportlerin, die seit 1984 nie Olympia versäumte. Erst am vergangenen Wochenende gewann die 52-Jährige auf der Bahn ihren 59. nationalen Titel, die Bronzemedaille im olympischen Straßenzeitfahren in Peking 2008 verpasste sie nur knapp. Auch Longo erwägt einen Start bei den Spielen 2012 – „wenn es die Mühe lohnt…“ Und auch die einst für Deutschland startende Josefa Idem, die heute für Italien paddelt, hat mit 46 Jahren als Silbermedaillengewinnerin in Peking im Einer unter Beweis gestellt, dass sie bei ihren siebten Olympischen Spielen noch nicht zum alten Eisen gehörte.

Erst müssen die Formalien erledigt sein

Der Generalsekretär des internationalen Kanuverbandes ICF, Simon Toulson, teilte auf Anfrage mit: „Birgit Fischer ist eine der Größten im Kanusport, und natürlich würden ICF und unser Sport ihre Rückkehr begrüßen.“ Zunächst müsse die Deutsche dafür jedoch Formalien wie die Aufnahme in den Doping-Testpool erledigen.

Andreas Dittmer (39), Deutschlands erfolgreichster Canadierfahrer, glaubt zwar, Birgit Fischers Comeback könnte gut für den DKV sein, sagt aber gleichzeitig: „Ich denke, ihre Zeit ist abgelaufen. Ich halte es für unmöglich, dass es noch einmal klappt. Schon ihr Experiment vor acht Jahren wäre fast gescheitert. Aber ich bin gespannt. Bei Birgit weißt du ja nie.“ Er selbst, fügt Dittmer noch lachend hinzu, werde „bestimmt nicht wieder anfangen“.

Am Ende ist es wohl so, wie Feldhoff es formuliert: „Für ein solches Comeback, wie Birgit es plant, musst du ein wenig verrückt sein. Aber welcher Topathlet ist das nicht?“