Triathlon

Olympiasieger Frodeno war letztes Jahr ungenießbar

Triathlet Jan Frodeno spricht mit Morgenpost Online über das Burn-out, die Hilfe der Familie und seinen Olympia-Traum.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Es lief einfach nicht rund bisher. Olympiasieger Jan Frodeno (29) zieht sich gerade aus der ersten sportlichen Krise seiner Karriere – den persönlichen Tiefpunkt mit Burn-out-Syndrom im Vorjahr hat er überwunden. Nach missglücktem Start in die WM-Serie plagten ihn zuletzt Verletzungen, eine Virusinfektion und eine Magen-Darm-Grippe hinzu. Neues Selbstbewusstsein will er sich Samstag in Hamburg holen – bei der einzigen Station der WM-Serie in Deutschland.

Morgenpost Online: Herr Frodeno, 2010 haben Sie den WM-Titel im letzten Wettkampf vergeben. Jetzt ist er bereits vor der vierten von neun Stationen in weiter Ferne. Nagt das an Ihnen?

Jan Frodeno: Die Serie im vergangenen Jahr war eine bittere Erfahrung, aber ich habe das abgehakt. Es hat mir gezeigt, dass ich vielleicht mehr der Olympiatyp bin, derjenige, der sich auf ein Rennen konzentrieren kann und darauf voll und ganz alles ausrichtet.

Morgenpost Online: Sie haben als Triathlet viel erreicht – und dann kam so eine schwierige Saison. Wie gehen Sie damit um?

Frodeno: Das ist gar nicht so einfach, das muss ich gestehen. Ich hatte bisher sehr viel Glück und ständig aufsteigende Ergebnisse. Ich glaube, ich war das eine oder andere Mal ungenießbar. Dieses gewohnt Fröhlich-Leichte, die Unbekümmertheit blieb an so manchem Tag weg.

Morgenpost Online: Wie hilft Ihr Krisenmanagement?

Frodeno: Ich versuche, im Mentaltraining einiges zu machen, und suche auch immer wieder das Gespräch. Ich bin da relativ offen und rede mit meinen Eltern, meinem Trainer oder engsten Freunden – sie alle leben den Sport ja irgendwie mit, und dann meistern wir das im Team.

Morgenpost Online: Bei der ersten Station der WM-Serie waren Sie nur 45. – was war los?

Frodeno: Ich wollte zu viel und habe vorher im Training mit Sicherheit überzockt. Es war so eine Art Revanche für das letzte WM-Rennen 2010. Ich wollte es allen zeigen und am liebsten mit Vorsprung gewinnen, aber irgendwann meldet sich dann der Körper zu Wort und sagt: "Hallo, ich bin auch noch da!"

Morgenpost Online: Danach hatten Sie gesundheitliche Probleme. Wie geht es Ihnen jetzt?

Frodeno: Ich bin auf dem aufsteigenden Ast. Die Kraft ist aber noch nicht ganz wieder da.

Morgenpost Online: Was ist in Hamburg möglich?

Frodeno: Dort ist sicherlich einiges möglich. Es ist irgendwie mein Heimrennen und eines, bei dem unheimlich viel los ist – das macht vielleicht das eine oder andere fehlende Prozent in der Fitness wett.

Morgenpost Online: Vor den Olympischen Spielen in Peking sagten Sie, Sie planen bis Peking. Bis wohin planen Sie jetzt?

Frodeno: Im Moment nur bis zum 7. August.

Morgenpost Online: Das ist der Tag der Olympiaqualifikation für die Spiele 2012.

Frodeno: Genau – und ich habe wenig Ahnung, was ich danach mache. Ich wurde kürzlich gefragt, was ich an meinem Geburtstag vorhabe – da ist mir überhaupt erst eingefallen, dass ich bald Geburtstag habe und dazu noch einen Runden. Im Moment ist mir das aber relativ wurscht. Langfristig konzentriere ich mich auf die Olympischen Spiele 2012, aber jetzt denke ich erst mal an die Qualifikation.

Morgenpost Online: Zweimaliger Olympiasieger würde ja auch nicht schlecht klingen, oder?

Frodeno: Stimmt! Olympiasieger allein ist völlig ausreichend, aber ich würde gern eine zweite Medaille holen.

Morgenpost Online: Nach ihrem Olympiasieg haben Sie festgestellt, dass Ihre Meinung auf einmal Gewicht hat. Sind Sie froh, dass sich der Trubel etwas gelegt hat?

Frodeno: Den müsste ich jetzt nur suchen. Wenn ich wollte, könnte ich in Sachen Medien, Veranstaltungen und Auftritten deutlich mehr machen. Die Einladungen sind da, es ist nicht so, dass ich den Abend alleine verbringen müsste – aber Feiern und auf Sportbälle gehen kann ich nach meiner Karriere immer noch.

Morgenpost Online: Vor einem Jahr waren Sie ausgebrannt – nichts ging mehr. Haben Sie das Nein-Sagen dadurch gelernt?

Frodeno: Ja, ein bisschen stimmt das. Ich lasse es nicht mehr so weit kommen, dass ich ausgebrannt bin. Durch diese Zeit vor einem Jahr bin ich ein offenerer Mensch geworden, der Sachen direkt anspricht. Wenn mir etwas nicht passt, ändere ich es sofort. Wenn mir Termine zu viel werden, merke ich das vorher, und dann lasse ich sie weg. Mein Körper ist extrem belastbar, extrem stark, aber die Sache mit den Duracell-Batterien funktioniert eben nur in der Werbung.

Morgenpost Online: War Ihnen auch das Korsett eines Leistungssportlers, der auf vieles verzichten muss, zu eng geworden?

Frodeno: 40, 45 Stunden Training in der Woche können tierisch viel Spaß bringen! Nur bleibt daneben nicht allzu viel Zeit. Ich bewege mich an den tollsten Orten, verbringe den ganzen Winter in Südafrika, reise zu tollen Rennen in tollen Städten – es ist immer ein Kompromiss, und es gibt Regeln, an die ich mich halten muss, aber ansonsten habe ich viele Freiheiten.

Morgenpost Online: Welche sind das?

Frodeno: Ich bin keinem Rechenschaft schuldig. Wenn es vom Kopf mal nicht geht oder ich so fertig bin, dass ich keinen Bock habe, ist das ein Signal, zu mir selbst zu sagen: "Junge, geh ins Freibad oder im Wald spazieren!"

Morgenpost Online: Kein schlechtes Gewissen?

Frodeno: Diese Freiheit oder auch Selbstsicherheit, mal auszusetzen, habe ich über die Jahre mitgenommen – nur leider am Anfang der Saison missachtet.