IOC entscheidet

Reicht Münchens Endspurt für Olympia 2018?

Am Mittwoch wählt das Internationale Olympische Komitee die Ausrichterstadt der Winterspiele 2018. München gelang mit seiner Bewerbung ein beachtlicher Endspurt.

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Es ist in diesen letzten Stunden vor der Entscheidung auch ein Wettstreit der Bilder. Wer sein Lächeln verliert, der könnte gleich die olympischen Winterspiele 2018 verlieren. Und so tritt Kim Yu-Na, Südkoreas Eiskunstlaufstar, am Dienstag eher zögerlich auf die angeschmolzene Fläche der „Ice-Rink-Eislaufbahn“ in Durban.

Bloß nicht ausrutschen! Keinen Fehler machen! An der Bande steht ein Heer von Kameraleuten und Fotografen. Sie lauern auf Fotos, mit denen sich die Furcht der Südkoreaner vor einer dritten Abfuhr durch das Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Folge illustrieren ließe. Zweimal in Folge hatte sich das Land mit der Stadt Pyeongchang beworben, zweimal war es knapp gescheitert: Die Olympiasiegerin, ausgerutscht, im matten Licht der rot-grün-blauen Scheinwerfer, die ein wenig das Gefühl von Eislaufdiskos der 80er-Jahre verbreiten. Es wäre ein verheerendes Bild so kurz bevor sich Südkorea am Mittwoch auf der IOC-Session in Südafrika gegen München und den Außenseiter Annecy/Frankreich durchsetzen will.

Kim hat sich Schlittschuhe leihen müssen. Auf dem Eis stehen 16 kleine Mädchen, allesamt in engen Eiskunstlaufkleidern. Aufgeregt plappern sie, drehen eine Pirouette nach der anderen vor ihrem Idol. Kim aber lächelt nur höflich, klatscht Applaus, dreht ganz langsam selbst zwei Runden. Alles, nur kein Risiko. „Ich bin aufgeregt, aber gleichzeitig auch ein bisschen nervös. Ich versuche, keine Fehler zu machen.“ Südkorea ist zum Siegen verdammt. Niederlage ausgeschlossen.

Vielleicht ist das der größte Trumpf Münchens, bevor IOC-Präsident Jacques Rogge am Mittwoch, 17.11 Uhr, den Umschlag öffnet, der den Namen der Siegerstadt enthalten wird. Denn die deutsche Delegation präsentiert sich in Südafrika zwar weniger zahlreich und pompös als die Südkoreaner, dafür aber charmanter und mit einem beachtlichen Vorsprung an professioneller Lockerheit. Während die Südkoreaner ihre staatsmännisch inszenierten Pressekonferenzen vom Blatt ablesen, präsentieren sich Vorzeigefrau Katarina Witt und ihre Mistreiter getreu ihres Olympiamottos „Festival of Friendship“ („Festival der Freundschaft“) in lockeren Plauderstunden der Weltpresse.

Dienstagnachmittag zum Beispiel erschien Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) einen Tag nach seinem Geburtstag und einem unruhigen Flug in Plauderlaune auf dem Podium. Er habe unzählige Glückwunsch-SMS bekommen, „aber nach einem Halbsatz ging es dann oft schon um Durban“. So sei es auch im Gespräch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gewesen.

Jeden Montagmorgen um 8 Uhr hat er eine Telefonkonferenz mit ihr, der Termin ist so gut wie unumstößlich. „Noch bevor wir diesmal über den Euro oder Griechenland geredet haben, hat sie viel Glück für die Olympiabewerbung gewünscht“, erzählte Seehofer. Er werde in Durban nun noch einige Gespräche führen um diese „würdige und hochwertige Bewerbung“ zu unterstützen. München verspreche schließlich angesichts der bereits vorhandenen Anlagen die „umweltfreundlichsten Spiele, die je stattgefunden haben“. Den Sport hätten die Bayern ohnehin „im Herzen“.

Neben Seehofer saßen der ehemalige Skiprofi Markus Wasmeier und der Bobfahrer Richard Adjei, die beide Olympia-Erfahrung aufzubieten haben. Sie trugen Lederhosen, Seehofer stellte sie – etwas überschwänglich vielleicht – als „Boygroup“ vor. Wasmeier berichtete von seinen Erfahrungen von zahlreichen Olympischen Spielen. Es gebe Fans, „die das Feuer in sich haben, und die, die es nicht so in sich haben“ – das darf man durchaus als Anspielung auf die Südkoreaner interpretieren, die den Nachweis von wintersportlicher Gänsehautstimmung bislang noch nicht erbracht haben.

Auf der anderen Seite verspricht Südkorea allerdings kaum weniger als die lückenlose Erschließung des Planeten für den Wintersport. Die Nation werde im Falle des Zuschlags 500 Millionen US-Dollar in die Förderung des Wintersports investieren , sagte Sportminister Byoung-Gug Choung: „Wir wollen das Dream-Programm von ganz Südostasien bis in den Mittleren Osten, Lateinamerika und Afrika ausweiten.“

Schon in Durban ist die Präsenz der Südkoreaner, die ganze Hundertschaften an Maßanzugträgern eingeflogen haben, erdrückend. Staatspräsident Lee Myung-Bak hat die Olympischen Spiele zur nationalen Priorität erhoben, er reiste bereits am Samstag an – früher als die meisten der am Mittwoch voraussichtlich 96 abstimmenden IOC-Mitglieder. Die klare Botschaft: Eine erneute Abfuhr wäre eine Brüskierung auf höchstem Level. Fast verständlich, dass die Deutschen ein wenig in Richtung des Hauptkonkurrenten sticheln. „Man kann von allem auch zu viel machen“, sagte Christian Ude (SPD), Münchens Oberbürgermeister. Und Seehofer kommentierte mit einem Schmunzeln, dass selbst die Südkoreaner zumeist mit BMW-Fahrzeugen durch Durban gefahren werden: „Das überrascht mich nicht.“ Am Mittwoch aber endet der Wahlkampf vor und hinter den Kulissen.

Ab 8.45 Uhr wird zu früher Stunde unter anderem Bundespräsident Christian Wulff mit Katarina Witt und Franz Beckenbauer auf der Bühne im Durbaner Kongresszentrum stehen. Eine letzte Möglichkeit, die IOC-Mitglieder vor deren Wahl am Nachmittag zu überzeugen. Am Dienstag bescheinigt Wulff München „eine hervorragende Bewerbung“. Ganz Deutschland fiebere der Entscheidung entgegen – die Zustimmung für München 2018 ergab in Umfragen zuletzt ein deutlich freundlicheres Bild als noch vor Monaten.

Ein Großteil der bayerischen Delegation und 100 eingeflogenen Fans wird die seit Jahren herbeigesehnten Sekunden am Mittwoch im Durbaner Strandlokal Moyo verfolgen, das kurzerhand zum Deutschen Haus umfunktioniert wurde. Direkt davor haben Künstler aus Mosambik und Südafrika ein Schloss aus Sand gebaut. „Es ist zu windig, ich bessere schon den ganzen Tag brüchige Stellen aus, damit es nicht zerfällt“, sagt einer der Männer.

Bildlich gesehen ist seine Aufgabe gar nicht so anders als die des deutschen Bewerberteams, das eine große Idee entgegen aller Probleme und Widerstände am Leben halten muss. Diese aber sieht sich am Mittwoch einer Gewalt ausgesetzt, die weit unberechenbarer als jede Naturerscheinung ist: den IOC-Funktionären.