VfL Wolfsburg

Salihamidzic hat Sehnsucht nach deutscher Disziplin

Im Interview auf Morgenpost Online erklärt Hasan Salihamidzic, warum er nach vier Jahren bei Juventus Turin zu seinem Ziehvater Felix Magath zurückgekehrt ist.

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Das Kind der Bundesliga ist in die Jahre gekommen. Zarte Fältchen umspielen die Augen von Hasan Salihamidzic, mittlerweile 34 Jahre alt. 1995 gab er seinen Einstand in der deutschen Eliteklasse, spielte bis 1998 beim Hamburger SV und dann neun Jahre für den FC Bayern. Anschließend wechselte er zu Juventus Turin. Nun ist er zurück: Der VfL Wolfsburg landete mit der Verpflichtung des Bosniers den Überraschungscoup des Sommers. Er unterschrieb einen Einjahresvertrag.

Morgenpost Online: Herr Salihamidzic, die Öffentlichkeit weiß seit dem vergangenen Montag von Ihrer Rückkehr in die Bundesliga. Seit wann wussten Sie es?

Hasan Salihamidzic: Seit Montag.

Morgenpost Online: Bitte?

Salihamidzic: Es gab vor einigen Wochen ein Gespräch mit Felix Magath. Da haben wir über vieles geredet. Auch, ob ich mir vorstellen könnte, nach Wolfsburg zu wechseln. Ich bin dann erst mal in den Urlaub gefahren. Und am Montag rief Magath wieder an und fragte: „Brazzo wie sieht’s aus? Willst Du oder willst Du nicht?“ Da habe ich gesagt: „Okay, ich bin morgen bei Euch.“

Morgenpost Online: So einfach geht das? Sie haben Frau und drei Kinder.

Salihamidzic: Meine Frau saß bei dem Gespräch neben mir und hat genickt. Wir brauchen da nicht viele Worte, sie trägt alles mit und steht voll hinter mir.

Morgenpost Online: Hatten Sie nach vier Jahren in Italien Sehnsucht nach Deutschland?

Salihamidzic: Ja, absolut.

Morgenpost Online: Was haben Sie vermisst?

Salihamidzic: Disziplin. Hört sich bescheuert an, ist aber so. Ich habe mich nach Pünktlichkeit und Ordnung gesehnt. Das kam in den vergangenen vier Jahren zu kurz.

Morgenpost Online: An Disziplin wird es unter Magath nicht mangeln. Unter ihm begann beim Hamburger SV 1995 Ihre Profikarriere.

Salihamidzic: Er hat mir die Brücke gebaut, die ich benötigt habe. Magath ist ja bekannt dafür, auch jungen Spielern eine Chance zu geben. Die habe ich gebraucht und genutzt. Wer bei ihm mitzieht, bekommt seine Chance. Das ist damals wie heute so. Und wer auf ihn hört, wird sich automatisch weiterentwickeln.

Morgenpost Online: Sie haben auf ihn gehört?

Salihamidzic: Ja, ich denke, ich habe damals nicht viel falsch gemacht. Ich habe als A-Jugendlicher ja schon bei den Amateuren unter ihm gespielt. Da hat alles seinen Lauf genommen.

Morgenpost Online: Das klingt, als wäre er Ihr Ziehvater.

Salihamidzic: Vor allem war er mein Trainer. Aber als Fußballer braucht man immer jemanden, der an einen glaubt. Ich war ja ohne meine Eltern in Deutschland, die mich 1992 wegen des Krieges von Bosnien nach Hamburg geschickt haben. Da war ich 15. Also hat Magath schon eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben gespielt. Aber ich hatte auch nur ein Ziel: mich durchzusetzen und Profi zu werden.

Morgenpost Online: Hat er sich verändert?

Salihamidzic: Magath war immer Magath und wird immer Magath bleiben. Aber als schlauer Mensch hat er sich natürlich weiterentwickelt. Er spricht heute viel mehr mit den Spielern, ist offener geworden. Und in Sachen Außendarstellung liegen Welten zwischen damals und heute. Darin ist er mittlerweile perfekt.

Morgenpost Online: Ist Wolfsburg Ihre letzte Station?

Salihamidzic: Ja, ich glaube, da gibt es kein Vertun. Fünf Jahre werde ich bestimmt nicht mehr spielen. Aber vielleicht sind im nächsten Jahr ja beide Seiten zufrieden und ich hänge hier noch ein Jahr dran. Die vielen Jahre im Profifußball haben schon ihre Spuren hinterlassen, das ist nicht zu leugnen, aber derzeit ist körperlich alles in Ordnung. Ich will jetzt unbedingt die Vorbereitung voll durchziehen. Nach einer Vorbereitung unter Magath kann einem ja nicht mehr viel passieren. Das schützt gegen Verletzungen.

Morgenpost Online: Auch bei den Bayern war Magath Ihr Trainer. Als Sie 2007 nach Turin wechselten, entließ er Sie mit den Worten: „In Italien werden sie Dich zur Taktik zwingen“.

Salihamidzic: Er hat Recht behalten. In der Serie A wird sehr viel im taktischen Bereich gearbeitet, mehr als in der Bundesliga. Das soll aber keine Wertung sein. In Deutschland wird angegriffen, man spielt auf Torerfolg. In Italien wird vor allem auf Torverhinderung gespielt. Darunter leidet die Attraktivität des Spieles sehr. Die Bundesliga ist viel attraktiver als die Serie A. Vor fünf Jahren mag das anders gewesen sein. Jetzt ist es viel schöner, in der Bundesliga zu spielen.

Morgenpost Online: Seit Sie den FC Bayern verlassen haben, ging es dort rund. Trainer wie Klinsmann und van Gaal kamen und gingen. Haben Sie manchmal gedacht: Gut, dass ich da weg bin?

Salihamidzic: Nein, um Gottes Willen. In Italien war doch noch viel mehr Trubel. Ich war sehr, sehr gern beim FC Bayern. Und habe ja auch in einer supererfolgreichen Zeit dort gespielt. Der Klub wird immer in meinem Herzen bleiben. Und nach Karriereende werden meine Familie und ich wieder nach München zurückkehren.

Morgenpost Online: Nach dem HSV, Bayern München und Juventus Turin sind Sie nun in Wolfsburg. Ein Abstieg?

Salihamidzic: Gegenfrage: Wie viele Spieler haben ihre Karriere denn bei Real Madrid oder Manchester United beendet? Es ist doch normal, dass man zum Ende der Karriere noch mal eine Herausforderung sucht bei einem Verein, der vielleicht nicht zu den Top ten in Europa gehört. Aber der VfL Wolfsburg ist ein spannender Klub, ein interessantes Projekt mit einem tollen Trainer. Und natürlich ehrt es mich, dass Felix Magath an mich glaubt.

Morgenpost Online: Was entgegnen Sie jenen, die sagen, dass Sie am Ende der Karriere nur noch einmal richtig abkassieren wollen?

Salihamidzic: Denen sage ich, dass sie Schwachsinn reden. Um Geld geht es mir bei dem Wechsel überhaupt nicht. Ich hätte auch in den Nahen Osten wechseln können, aber ich wollte unbedingt noch einmal richtig Fußball spielen. Ich möchte der Mannschaft helfen.

Morgenpost Online: Wären Sie auch ohne Magath da?

Salihamidzic: Die Frage stellt sich nicht, weil wir ja nicht über das Gegenteil reden können. Ich kann nur sagen: Zu vielen Bundesliga-Klubs wäre ich nicht gegangen.

Morgenpost Online: Wenn man Ihre Karriere betrachtet, findet man eine Menge Titel, aber genau null Skandale. Sind Sie so brav – oder nur cleverer als die Kollegen?

Salihamidzic: Ich bitte Sie: Ich habe eine Frau und drei Kinder. Für Skandale habe ich gar keine Zeit. Im Ernst: Ich habe dem Fußball immer alles untergeordnet. Ich liebe es zu spielen und habe nie riskiert, meinen Traumjob aufs Spiel zu setzen.