Frauen-WM

Neue Weiblichkeit, Patriotismus, Partyotismus

Der Frauenfußball lockt mehr Leute hinter dem Ofen hervor als erwartet. Football is coming home – und Deutschland feiert seine Fußball-Frauen.

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Was hat es nicht alles für Witzchen gegeben im Vorfeld dieser Frauenfußball-Weltmeisterschaft. Frauenfußball, das sei ja wie Pferderennen mit Eseln, etwa. Oder: Frauenfußball, das könne ja ganz in Ordnung sein, wenn man sich die Spiele aufzeichne und anschließend im Schnelldurchlauf anschaue. Und überhaupt verhalte sich Frauenfußball zum Männerfußball wie Cola light zu Cola.

Fragen wurden gestellt: Ist es nun ein Fortschritt oder ein Rückschritt für die Emanzipation, wenn Fußballerinnen halb nackt für ein Männermagazin posieren? (Die Frage, ob es politisch korrekt ist, wenn David Beckham für Unterhosen wirbt, wurde in diesem Zusammenhang nicht gestellt).

Und dann die Mutter aller Überlegungen: Berauben sich Frauen nicht eigentlich ihrer Weiblichkeit, wenn sie sich auf dem Rasen benehmen wie Männer, wenn sie kämpfen, schwitzen, treten?

Quoten höher als erwartet

Die Wahrheit ist: Seit die WM begonnen hat, sind all diese Fragen in den Hintergrund gerückt. Es ist zwar nicht gerade so, dass die Mannschaftsaufstellung von Silvia Neid oder die Tore von Marta das beherrschende Kantinenthema wären.

Wir erleben auch keinen Boom des Public Viewing wie beim Sommermärchen 2006, als das öffentliche Leben praktisch vier Wochen zum Erliegen gekommen ist.

Aber es geschieht Erstaunliches. Die Einschaltquoten im Fernsehen übertreffen alle Erwartungen; die deutschen Fußballfrauen sind mit über 50 Prozent Marktanteil die absoluten Quotenköniginnen. Namen wie Garefrekes, Laudehr und Bajramaj gehen den Reportern genauso flüssig über die Lippen wie Lahm, Müller oder Özil. Die deutsche Bundeskanzlerin wird in dem Vorrundenspiel (!) USA gegen Schweden jubelnd auf der Tribüne gesichtet.

Und die Stadien sind, allen Bedenken zum Trotz, allesamt ausverkauft. Die WM ist ein Ereignis für die ganze Familie. Mütter kommen mit Söhnen, Väter mit Töchtern, es kommen Schulklassen, Cliquen, ganze Sportvereine. Als vergangen Sonntag Brasilien gegen Norwegen in Wolfsburg spielte, war es die Mädchenkurve, die dem Dauerregen trotzte und dem fröstelnden Publikum ein ums andere Mal mit der La-Ola-Welle einheizte.

Die neue Weiblichkeit im Fußball

Die neue Weiblichkeit in den Stadien tue dem Fußball gut, meint DFB-Präsident Theo Zwanziger. „Der Wunsch, völlig gewaltfrei pure Freude erleben zu wollen, scheint mir bei Frauen stärker ausgeprägt zu sein als bei Männern.“ Und die Herren? Machen sich ein Bier auf und gucken mit. Die Bundesliga hat ja ohnehin Sommerpause.

Fußball-WM, das ist einfach ein Event, egal, ob Männer oder Frauen auf dem Spielfeld stehen. Und je individualisierter eine Gesellschaft wird, desto stärker scheint das Bedürfnis, sich zu bestimmten Anlässen zu verbrüdern und gemeinsam zu feiern.

„Weil vieles in der Lebenswelt vor allem junger Menschen virtuell geworden ist, spielen Events eine große Rolle“, meint der Philosoph Richard David Precht. „Aus Patriotismus ist gewissermaßen Partyotismus geworden.“ Für Fußball-Puristen muss so eine Entwicklung natürlich ein Graus sein. Aber darauf können wir gerade keine Rücksicht nehmen. Football is coming home.