Yuki Nagasato

"Ich habe keine Angst vor den Deutschen"

Vor dem Viertelfinale spricht Yuki Nagasato von Turbine Potsdam mit Morgenpost Online über Japans Chancen gegen die DFB-Elf und ihr Leben in Deutschland.

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Morgenpost Online: Yuki Nagasato, waren Sie denn bis jetzt so etwas wie die Reiseleiterin im japanischen Team?

Yuki Nagasato: Sie meinen, ich mit dem Regenschirm vorneweg und alle anderen hinterher (lacht)? Nein, von unseren bisherigen Spielorten Bochum, Leverkusen und Augsburg kannte auch ich nur Leverkusen, jetzt kam Wolfsburg dazu. Der Rest war auch für mich neu.

Morgenpost Online: Dafür können Sie Ihren Kolleginnen sicher einiges erzählen vom Gegner im Viertelfinale.

Nagasato: Ich kann da sicher helfen, weil ich die deutschen Spielerinnen kenne – natürlich allen voran meine Freundinnen von Turbine Potsdam, Babett Peter etwa oder auch Lira Bajramaj. Es war mein Traum, gegen Deutschland zu spielen , weil die Atmosphäre dann toll sein wird. Natürlich wäre es mir im Endspiel lieber gewesen. Aber ich habe keine Angst vor den Deutschen! Wir können gegen sie gewinnen.

Morgenpost Online: Auf welche Weise? Welche sind die Stärken der japanischen Mannschaft?

Nagasato: Ich will damit nicht sagen, dass wir in der Defensive Probleme hätten, aber die Offensive ist unsere Stärke. Wenn es uns gelingt, unser Kombinationsspiel zu entwickeln, sind wir schwer zu stoppen. Dazu haben wir eine klare Taktik.

Morgenpost Online: Verraten Sie sie uns?

Nagasato: Das ist top secret (lacht)! Es weiß einfach jede Spielerin zu jeder Zeit, was sie zu tun hat. Wir können uns aufeinander verlassen.

Morgenpost Online: Fürchten Sie nicht die Größe der deutschen Spielerinnen?

Nagasato: Unterschätzen Sie uns nicht. Wir mögen nicht groß sein, aber wir wissen, wie wir hoch springen können. Und Fußball ist nicht nur physische Kraft, wir können uns auch anders durchsetzen.

Morgenpost Online: Sie sagten sogar, Japans Ziel sei der WM-Titel.

Nagasato: Das ist auch so. Wir sind 2008 bei Olympia in Peking Vierter geworden, haben uns seitdem noch gesteigert. Aber ich denke, dass deutscher Fußball richtiger Fußball ist.

Morgenpost Online: Das müssen Sie uns erklären.

Nagasato: Japanischer Fußball ist schöner Fußball: laufintensiv, aber variabel. Mal schneller, mal langsamer, aber schön. Deutscher Fußball ist komplett anders, körperbetont, immer schnell, auf Kraft und Tempo ausgelegt. Und ehe Sie jetzt fragen: Ich mag japanischen Fußball lieber als den deutschen.

Morgenpost Online: Zumindest bis ins Viertelfinale geführt haben beide Wege. Sind Sie zufrieden?

Nagasato: Teilweise. Gegen Mexiko und Neuseeland haben wir gespielt, was wir uns vorgenommen haben. Da waren wir zufrieden. Gegen England hatten wir schon oft Probleme, aber in diesem Spiel – das waren nicht wir selbst. Wir waren nervös, konnten uns nicht durchsetzen.

Morgenpost Online: Hat England uns Deutschen mit seinem robusten Spiel vorgemacht, wie Japan zu schlagen ist?

Nagasato: Hoffentlich nicht. Es stimmt, ein wenig ist ihr Fußball mit dem deutschen vergleichbar. Vielleicht war es deshalb auch ganz gut, dass wir gegen sie 0:2 verloren haben. Wir wissen nun, wo wir uns noch verbessern müssen, denn an sich glaube ich, dass wir momentan sogar etwas besser als die Deutschen sind.

Morgenpost Online: Sie spielen seit eineinhalb Jahren in Deutschland. Was haben Sie bei Turbine Potsdam gelernt?

Nagasato: Auf alle Fälle bin ich besser geworden. Ich habe mich als Mensch und auch als Spielerin weiterentwickelt. Deshalb wollte ich auch unbedingt nach Deutschland wechseln.

Morgenpost Online: Welchen Stellenwert hat der Frauenfußball in Japan?

Nagasato: Fußball steht insgesamt an Nummer zwei. Bei den Männern ist Baseball populärer, bei den Frauen Volleyball. Unsere Spiele bei dieser WM werden alle live übertragen. Leider läuft zurzeit parallel die Copa America, für deren Spiele interessieren noch mehr Leute.

Morgenpost Online: Sind Sie in Japan ein Star, werden Sie auf der Straße erkannt?

Nagasato: Manchmal. In Potsdam immer, im Supermarkt rufen die Leute: „Yuki, Yuki.“ Aber ich mag das, es ist typisch für euch Deutsche.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Nagasato: Ihr seid uns Japanern gar nicht so unähnlich. Ihr seid ordentlich, höflich, fleißig, freundlich, nett.

Morgenpost Online: Vielen Dank!

Nagasato: Aber ihr trinkt zu viel Bier und esst mehr als wir Japaner, vor allem zu fett, zu viele Kalorien (lacht).

Morgenpost Online: Sie kennen die Deutschen tatsächlich schon recht gut. Haben Sie gedacht, dass Ihnen auch die Gewöhnung an den deutschen Fußball so schnell gelingen würde?

Nagasato: Ich musste so denken. Ich bin kein Mensch, der zweifelt. Ich will meine Ziele immer schnell erreichen. Zum Beispiel will ich nächste Saison Torschützenkönigin in der Bundesliga werden.

Morgenpost Online: Kann das gelingen, obwohl oder gerade weil Potsdams Offensive kommende Saison auf den deutschen Superstar Lira Bajramaj verzichten muss?

Nagasato: Es ist schwer, so gut zu werden wie sie. Aber ich will das schaffen. Jetzt wechselt sie nach Frankfurt, sicher ergeben sich dadurch mehr Platz und mehr Gelegenheiten für mich.

Morgenpost Online: Die Zeitungen in Deutschland sind inzwischen voll von Bajramaj. Sorgen Sie in Japan auch für Schlagzeilen?

Nagasato: Früher war das überhaupt nicht so, aber mit meinem Wechsel nach Europa hat sich das verändert. Bei allen Spielen von Turbine sind japanische Journalisten akkreditiert, die in die Heimat berichten. Vor allem von Champions-League-Spielen .

Morgenpost Online: Was hören Sie umgekehrt aus Japan, wie ist das Leben dort inzwischen?

Nagasato: Lebensmittel sind immer noch oft knapp. Aber sonst gehen die Dinge wieder ihren Gang, glaube ich. Ich habe aber absichtlich nur wenig die Nachrichten verfolgt. Es würde mich immer noch traurig machen.

Morgenpost Online: Was dachten Sie, als Sie an jenem 11. März die Bilder aus der Heimat sahen?

Nagasato: Ich dachte: Das ist Japan? Ich habe sofort zu Hause angerufen, bei meinen Eltern, ihnen ging es gut. Meine Familie lebt westlich von Tokio, also nicht in der am schlimmsten betroffenen Region. Wo sie leben, gab es keine Schäden. Inzwischen sind die meisten Menschen schon wieder positiv gestimmt. Aber so sind die Japaner: Wir denken immer nach vorn.