Sport verbindet

Kinder aus Israel und Palästina spielen für den Frieden

Obwohl ihre Eltern verfeindet sind, spielen Kinder aus Israel und Palästina in gemeinsamen Teams. Sie nutzen den Sport als Brücke zu neuen Freundschaften.

Foto: Naftali Hilger

Fares ist in seiner Stadt ein Star. Er ist größer und kräftiger als die meisten Palästinenser. Seine Hautfarbe ist schwarz. Er spricht hervorragend Englisch. Und er ist ein Idol, nicht nur für die Kinder, die sonst kaum Idole haben in diesem ältesten Ort der Welt, der so ziemlich von allem verlassen ist, außer von Gott.

Jericho hat nicht allzu viel zu bieten, eigentlich sind es nur zwei Dinge: Die Höhlen im „Berg der Versuchung“, in die sich Jesus vier Wochen lang zurückzog, um zu beten und zu fasten. Sie sind für die wenigen Touristen und Pilger, die sich hierher wagen, über eine Seilbahn erreichbar. Und Fares Sweti, den Basketballspieler.

Der gute Hirte unterm Korb

„The good shepherd“ heißt sein Team, übersetzt „der gute Hirte“. Sweti ist Center, der Mann unter dem Korb. Er sieht nicht nur aus wie ein Held aus der amerikanischen Profiliga, tatsächlich ist er der Beste hier, ein Nationalspieler. Das war er zumindest lange und könnte es jederzeit wieder sein. Doch Sweti hat beschlossen, Mädchen das Basketballspielen beizubringen, auch jüdischen, und das sehen sie in Palästina nicht gern. Also haben sie ihn zur Strafe aus der Nationalmannschaft geworfen.

Auf dem Hinterhof einer Organisation, die sich in Jericho um Frauen und deren Rechte bemüht, trainiert Sweti den arabischen Teil seines Teams. Der Steinboden ist dreckig. Jeder Ball, der hier auftippt, wirbelt den Staub bis zur Nasenspitze der kleinen Spielerinnen hinauf und nimmt ihnen für eine Sekunde das Lächeln. Die Luft ist heiß, trocken und trostlos. Auf der einen Spielfeldhälfte fehlt der Basketballkorb, auf der anderen das Netz am Ring. Ein rot leuchtender Feuerbaum verleiht diesem Ort eine bizarre Schönheit.

Morgen wird Sweti nach Israel fahren und dort die anderen Mädchen trainieren. Demnächst treten sie dann wieder gemeinsam als Team an. Das Spiel findet wie immer in Israel statt. Die palästinensischen Mädchen bekommen für die Einreise ein Tagesvisum. Fares Sweti besitzt ein permanentes, denn er ist seit acht Jahren Teil eines Projektes des „Peres Center for Peace“, benannt nach dem Nobelpreisträger Shimon Peres, das den Sport als Brücke für ein neues Miteinander nutzen möchte. Kinder aus Partnerschulen in Palästina und Israel bilden dafür gemeinsame Teams und spielen dann gegeneinander. Es ist das sogenannte „Twinned School Program“, das finanziell von der „Laureus Sport for Good Foundation“ unterstützt wird, deren Kopf der ehemalige Weltklassehürdenläufer Edwin Moses ist. Mehr als 2000 Kinder nehmen an dem Projekt bereits teil, und es werden ständig mehr.

Hanen Balo und Maram Jalayka sind 13 und spielen seit drei Jahren in Swetis Basketballteam. Sie reden nicht gern darüber, denn sie fürchten, dass dies alles nur ein Traum sein könnte, den sie mit Worten gefährden würden. Kürzlich waren sie eine ganze Woche mit ihrer Mannschaft in Israel und fanden es dort einfach nur wundervoll. „Im Vorfeld hatten wir große Angst“, sagt Hanen. „Im Fernsehen hatten wir so viel Grauenvolles von den Israelis gehört. Sie würden Gasbomben werfen und Palästinenser schlagen oder erschießen.“ Inzwischen glauben die beiden ihren heimischen Nachrichten nicht mehr alles. „Wir haben in Israel wirklich nette Menschen kennengelernt, alle waren so herzlich“, sagt Maram. „Es hat sich ein Familiengefühl für die Israelis entwickelt.“ Sie ist überzeugt, dass dieses Gefühl „für immer“ bleibt.

Kaum direkter Kontakt

Die Bilder, die Palästinenser und Israelis voneinander haben, stammen überwiegend aus dem Fernsehen, ein paar aus Erzählungen. Kontakt zueinander haben die wenigsten, und doch fühlen sie sich zur Feindschaft verpflichtet. Auch Fares Sweti hatte früher niemals persönliche Kontakte. Er ist in Jericho geboren, Muslim, klingelt sein iPhone, singt eine Stimme nach dem Koran. Nach der Grundschule ging er wegen des Basketballspielens auf eine amerikanisch-palästinensische Highschool, daraus resultiert sein gutes Englisch. Als Trainer bekommt er jetzt 250 Dollar im Monat, das ist ihm nicht wichtig, sagt er. Sweti möchte ein Bote des Friedens sein. „Was die Leute in Jericho über Israel sagen, stimmt nicht. Schlechte Menschen gibt es überall, auch bei uns.“

In Palästina steht Sweti für seine Ansichten sehr unter Druck. Er sagt: „Es gibt viele Leute, die nicht wollen, dass wir etwas gemeinsam mit Israelis tun, so lange sie unser Land besetzen. Manche begreifen einfach nicht, dass am Ende dieses Projektes der Frieden stehen wird.“

In unserer friedlichen Welt hat das Wort Frieden ganz andere Bedeutungen. Wir kümmern uns um unseren Betriebsfrieden, Hausfrieden oder Seelenfrieden. Für Israelis und Palästinenser ist ?Frieden ein Wunsch, dem sie schon bei der Begrüßung Ausdruck verleihen. Israelis sagen „Schalom“, das beinhaltet ?„im Frieden“. Schalom ist eng mit dem arabischen „Salam“ verwandt, das „Mit jemandem Frieden halten“ bedeutet. ?Die Realität, das weiß auch der Basketballspieler Fares Sweti, sieht leider anders aus.


Von einem Querschläger getroffen

In Ramallah starb Fadi, der Bruder seines besten Freundes Josef. Er war auf dem Weg nach Hause, als ihn versehentlich eine Kugel traf, ein Querschläger, heißt es. Fadi war gerade 17. Der Schütze soll ein israelischer Soldat gewesen sein, erzählen sie in Ramallah. „Ich habe viel Zeit bei Fadis Familie verbracht, wir haben sehr viel gesprochen“, sagt Sweti. „Sie sind gute Menschen und möchten nicht, dass sein Tod sinnlos gewesen ist. Deshalb wollen sie keine Rache, sondern wünschen sich Frieden, mehr denn je.“

Sweti ist weiter als die meisten Palästinenser. Er hat Freunde gefunden in Israel, seine engsten heißen Jonathan und Shakar. Sie sind Trainer wie er, ??und wenn sie sich in Tel Aviv zum Essen treffen, diskutieren sie darüber, wie man Frieden am besten lehren kann. Sie möchten den Mädchen mehr beibringen als das Basketballspielen. Sie möchten ihnen vor allem eines schenken: Hoffnung.

Welche Bilder haben wir vor Augen, wenn wir an Hoffnung denken? Das der zarten Blume, die sich irgendwo aus vertrockneter, toter Erde quält? Das eines Sonnenaufganges? Einer Kerze in der Dunkelheit? Eines Regenbogens? Eines Neugeborenen? Ich habe in Tel Aviv ein ganz neues Bild der Hoffnung gesehen: Auf einem modernen Fußballplatz in Jaffa, südlich des Zentrums, spielen 250 Kinder auf mehreren kleinen Feldern Fußball. Gerade findet der „Mini Soccer World Cup“ statt, das große Finale einer Fußballsaison aller dem Projekt angeschlossenen Schulen. Hier spielen Israelis und Palästinenser in gemischten Teams mit- und gegeneinander. Jede Mannschaft bekommt ein Land zugeordnet, damit es eine Identität und einen Namen hat.

Mit 14 schon ein bisschen weise

Qusay Barahmeh etwa spielt für Japan. Sein Vater Ahmet arbeitet als Stadionverwalter in Jericho, er ist großer Fußballfan und wollte unbedingt, dass auch sein Sohn spielt. Gegen das Veto der sieben Onkel meldete er Qusay vor acht Jahren beim Schulprojekt an. Inzwischen ist der Junge ein trickreicher Stürmer, der Stolz des Vaters und mit seinen 14 Jahren schon ein bisschen weise. „Alle waren anfangs dagegen, dass ich mit Israelis spiele. Meine Freunde in Jericho haben mich dafür gehänselt, und meine Onkel warnten mich vor Ausflügen nach Israel“, erzählt Qusay. Fares Sweti, sein baumhoher Freund und Nachbar, steht ihm oft zur Seite, wenn er mal wieder Mut und Argumente sucht. Qusay sagt: „Jetzt bringe ich meinen Leuten bei, dass nicht stimmt, was sie über Israel denken. Ich habe das Gefühl, langsam begreifen sie.“

Qusay lebt in einem zweistöckigen Haus an einer staubigen Straße im Herzen Jerichos. Unten befindet sich ein kleiner Lebensmittelladen, gegenüber ein Friseur. In seinem Zimmer hängen Poster seiner Lieblingsspieler Eto’o und Messi. „Viele Israelis schwärmen für dieselben Spieler, manche haben Mailand als Lieblingsteam“, erzählt Qusay. „Wie ich!“ Das Wichtigste in seinem Zimmer ist der Fußball, das Zweitwichtigste der Computer. Über Facebook tauscht man sich aus. Hier gibt es keine Mauern, kein Misstrauen oder Hass. Die Themen unter den Teenagern in Israel und Palästina sind die gleichen: Fußball, Musik und nervende Eltern. An diesem Tag leben sie ihre Freundschaften auf dem Fußballplatz aus, sie trösten einander, liegen sich vor Freude in den Armen. Qusays Team spielt richtig gut und wird am Ende Zweiter.

"Frieden" auf dem T-Shirt

In einer Ecke des Stadions steht eine junge israelische Soldatin. Sie spürt, dass sie eigentlich nicht hierher passt, um sie herum liegen kleine rote Sporttaschen, jedes Kind besitzt eine, und auf allen ist der Aufdruck Peace. Die Frau steckt Mütze und Jacke in einen schwarzen Rucksack und setzt sich in die Mitte der kleinen Tribüne. Weil sie Soldatin ist, darf sie nicht mit mir sprechen, sagt sie. Weil sie es dennoch tut, nenne ich sie einfach Limor, so heißt eine hübsche Israelin, die ich kenne. Limor erzählt, dass ihr kleiner Bruder mitspielt. Dort drüben, im Team USA. Der Kleine trägt ein dunkelblaues Shirt, auf dem Rücken steht das Wort Frieden. Er ist zum ersten Mal dabei, deshalb will sich Limor das einmal angucken, sie kam extra aus Netanya, nördlich von Tel Aviv. Ihr gefällt, was sie sieht, die Kinder seien ja tatsächlich aus ganz Israel gekommen, stellt sie fest. Ich sage: Und aus Palästina. Doch darauf antwortet sie nicht.

Fares Sweti beobachtet uns. Ich kann ihn von Weitem lächeln sehen. Später sagt er: „Dass sie überhaupt hier ist, ist toll.“ Und er zeigt mit dem Finger auf das große Turnierbanner, das hinter den Toren am Zaun hängt und auf dem die israelische und die palästinensische Fahne gedruckt sind. Die junge Soldatin ist so etwas wie ein großer Regenbogen über diesem Turnier. Hoffnung.

Im Alter von 18 Jahren müssen Israelis zum Militär, Frauen gleichermaßen wie Männer. Dr. Ron Pundak, der Generaldirektor des Peres Center for Peace, sagt: „Der Militärdienst ist ein Problem, keine Frage. Aber wir stellen fest, dass er nicht das Ende der neugewonnenen Freundschaften bedeutet. Diese Kinder werden Botschafter des Friedens. Ihre Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse sind stärker als jede Militärzeit.“


Aufgewachsen, im Keller zu leben

Daran glauben auch Amit Biton, 15, und sein bester Freund Saad abu Hamid, 16. Die beiden sind bei dem Turnier als Schiedsrichter eingesetzt. Amit kommt aus Kiryat Gat, ganz im Süden Israels. „Ich bin damit aufgewachsen, im Keller zu leben. Sirenen und Luftangriffe der Palästinenser gehörten bei uns zum Alltag“, sagt er. Sein Dorf war während des Gaza-Krieges eines der meist attackierten Ziele, Amit lebte in Angst. Bei einem Raketenangriff kam sein Onkel ums Leben.

Saad stammt aus Hebron, von dort kamen viele tödliche Raketen. Dass sie Freunde wurden, hält Amit noch immer für ein kleines Wunder. Und für einen großen Glücksfall zugleich. „Es tat gut, dass wir uns austauschen konnten. Wir haben viel über unsere Ängste und Gefühle gesprochen. Schlechte Menschen gibt es überall. Die Palästinenser, die ich kennengelernt habe, sind keine schlechten Menschen. Sie wollen Frieden – wie ich.“

2006 fuhren die beiden mit ihrer Mannschaft im Rahmen der Fußball-WM nach Deutschland. Eine Woche lebten sie in der Sportschule Hennef bei Köln, Amit und Saad waren die ersten, die sich für ein gemischtes Doppelzimmer bewarben. Nach der ersten Nacht erzählte der junge Araber seinem Trainer, welch seltsame Rituale er am Morgen beobachten konnte. Beim Frühstück ließ der Coach Amit über das Schacharit, das israelische Morgengebet, reden. Seitdem sprachen sie sehr viel über Religionen und Kulturen.

Hoffnung kann man nicht kaufen. Hoffnung findet man am Ende eines Tunnels vieler Enttäuschungen. Diese Kinder, deren Eltern, Freunde und Verwandte haben die Enttäuschungen hinter sich gelassen und den Mut gefunden, die Botschaft des Friedens weiterzutragen. Im Hebräischen ist der Engel ein Bote. Juden, Christen, Muslims – sie alle sehen ihn als Assistenten Gottes. Noch bevor der Ball der kleinen Engel von Jaffa mit einem großen Grillfest zu Ende geht, sagt Amit Biton zu mir: „Meine Generation wird uns Frieden bringen. Dafür lohnt es, von kleinauf zu kämpfen.“ Dann wuschelt er mit einer Hand die Haare seines arabischen Freundes durcheinander. Genau so sieht Frieden aus.