Moderne Spielweise

Japan ist Deutschland technisch ebenbürtig

Für die Japanerinnen geht es bei der WM um Siege, aber auch um einen moralischen Beitrag zum Wiederaufbau ihres Landes nach der Katastrophe von Fukushima.

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Yuki Nagasato kann sich noch gut daran erinnern, wie sie am 11. März, 6.46 Uhr, in ihrem Badezimmer vor dem Spiegel stand.

„Es war ein Freitagmorgen, und ich kam gerade aus dem Bett“, sagt die japanische Nationalspielerin, die seit einem Jahr bei dem Fußball-Bundesligaverein Turbine Potsdam unter Vertrag steht. „Ich war in meiner Potsdamer Wohnung.“ Nach einer kurzen Pause, in der Yuki Nagasatos Blick von ihrem Gesprächspartner weg ins Nichts wandert, ergänzt sie: „Zum Glück.“

Die 23-Jährige erfuhr wenig später aus dem Internet von dem verheerenden Tohoku-Erdbeben vor der japanischen Küste , am Abend wusste sie, dass keiner ihrer Familienangehörigen der Katastrophe zum Opfer gefallen war.

Viertel vor drei Uhr Ortszeit riss auf 400 Kilometern Länge die Erdkruste auf. Als sie sich wieder schloss, wurde unvorstellbare Energie frei. Wenige Minuten später raste eine zehn Meter hohe Tsunami-Welle über die Hauptinsel hinweg und riss Häuser, Fabriken, Städte mit sich. Mehr als 15.000 Menschen starben, die Atomanlage in Fukushima wurde beschädigt und verstrahlte das Umland radioaktiv.

Seit diesem Tag ist in Japan nichts mehr wie es war. Deshalb spielt die Frauen-Nationalmannschaft, die am Samstagabend (20.45 Uhr, ZDF) im Viertelfinale auf Deutschland trifft, bei der Weltmeisterschaft der Frauen um mehr als nur Punkte und Tore. Es geht auch darum, einen moralischen Beitrag zum Wiederaufbau Japans zu leisten. Der Heimat ein paar Glücksmomente zu schenken in dieser unglücklichen Zeit.

Vor jedem ihrer WM-Spiele tragen die Spielerinnen ein riesiges Plakat auf den Rasen, auf dem sie sich für die globale Unterstützung bedanken. Nach dem 11. März hatte die Weltgemeinschaft eine dreistellige Millionensumme gespendet, noch heute helfen Experten und Freiwillige von jedem Kontinent dabei, Trümmer abzutragen und tausenden Japanern, die noch in Notunterkünften hausen müssen, die Rückkehr in ein normales Leben zu ermöglichen.

Von den Rängen der deutschen Stadien fliegen dem Viertplatzierten der Olympischen Spiele 2008 in Peking die Sympathien der Zuschauer zu, die auf diese Weise Anteil nehmen am Schicksal Japans, das zugleich das Schicksal der Fußball-Nationalmannschaft ist. Denn unter den Folgen des Unglücks litt auch die WM-Vorbereitung der „Nadeshiko“, der Nelken.

In der L-League, der höchsten Spielklasse der Frauen, in der 90 Prozent des japanischen WM-Aufgebots aktiv sind, konnte zwei Monate lang nicht gespielt werden. Zu viele Stadien waren bei dem Erdbeben beschädigt worden, zu tief saß bei allen Beteiligten der Schock über das Erlebte.

Ebenso unmöglich waren Testspiele auf heimischem Boden. Ihr Trainingslager schlugen die Japanerinnen deshalb in den USA auf. Steffi Jones, die Chefin des WM-Organisationskomitees, bereiste im Frühjahr 15 von 16 Teilnehmernationen – alle, bis auf Japan. Die Angst vor radioaktiver Strahlung war zu groß, den Besuch in Tokio holte sie erst kurz vor Turnierbeginn nach.

„Es war für uns eine Herzensangelegenheit, der japanischen Fußballfamilie knapp drei Monate nach der schrecklichen Katastrophe in Fukushima unsere uneingeschränkte Unterstützung auszusprechen“, sagte Jones nach ihrer Rückkehr. Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), und Joseph Blatter, der Präsident des Weltverbandes Fifa, ließen ihre Grüße sicherheitshalber per Videobotschaft ausrichten.

„Vor der WM war die Erdbebenkatastrophe ein großes Thema innerhalb der Mannschaft“, sagt Yuki Nagasato, „aber jetzt konzentrieren wir uns nur noch auf die Spiele.“

Das mag besonders für ihre Mannschaftskollegin Aya Sameshima gelten, die bis vor kurzem noch für den japanischen Erstligaklub Tepco Mareeze spielte, dem Werksklub des heftig kritisierten Kraftwerksbetreibers von Fukushima. Wie sie den 11. März erlebt hat und wie es ihren Angehörigen geht, möchte sie nicht sagen: „Ich spreche nur über Fußball.“ Nach der Weltmeisterschaft wechselt die Linksverteidigerin jedenfalls nach Boston/Massachusetts in die USA. Sicher ist sicher.

All das macht die bisherigen Leistungen Japans umso bemerkenswerter. Technisch und taktisch können allenfalls die deutsche und die US-Auswahl mit ihrer modernen Spielweise mithalten. Gegen Mexiko und Neuseeland gewann die Elf von Trainer Norio Sasaki, auch gegen England ließ sie den Ball vorbildlich zirkulieren, nutzte allerdings ihre Chancen nicht und rutschte deshalb nach der Niederlage (0:2) noch auf Gruppenplatz zwei zurück. Dennoch sagt Sasaki: „Unser Ziel bleibt das Finale der Weltmeisterschaft, auch wenn wir jetzt mit Deutschland einen starken Gegner vor uns haben.“

Homare Sawa, der beim 4:0-Erfolg über Mexiko der erste Dreierpack des Turniers in Deutschland gelang, glaubt an die verbindende Kraft der Katastrophe: „Seither sind wir zu einem echten Team zusammengewachsen. Fukushima hat uns noch stärker gemacht.“ Noch nie konnten Japans Frauen bei einer WM das Viertelfinale erreichen. Nun hat sie ihre Mission genau dorthin geführt.

Yuki Nagasato, Potsdams Angreiferin, geht gar noch einen Schritt weiter: „Ich spiele lieber jetzt gegen Deutschland als im Finale. Im Moment haben sie noch nicht endgültig ihren Rhythmus gefunden und sind zu besiegen.“ Dann fügt sie mit einem verschmitzten Grinsen an: „Das Spiel der Japaner ist klüger als das der Gegner.“