Rekordmeister

Bayern-Fans lieben Neuer auch ohne Friedensgipfel

Bayern-Torwart Manuel Neuer fehlte bei dem Runden Tisch mit den Fans, der seinetwegen organisiert wurde. Trotzdem bekommt er den größten Beifall aller Spieler.

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Dass es vor den Herbergen, in denen der FC Bayern München nächtigt, nicht immer ruhig zugeht, liegt an der weltweiten Popularität des deutschen Rekordmeisters. Am Samstagabend war es vor dem Hotel „Du Lac“ in Riva del Garda allerdings schon laut, obwohl die Mannschaft noch gar nicht angereist war. Zwar waren die Willkommensschilder schon aufgebaut, und auf dem Marktplatz wurden die letzten Vorbereitungen für die Präsentation der prominenten Trainingslagergäste getroffen. Doch der Radau vor der Luxusanlage war nicht eingeplant: Laut singend torkelte dort ein Junggesellenabschied aus einem Minibus. Der Bräutigam in spe war dabei klar auszumachen: Er trug eine nackte Gummipuppe auf dem Rücken.

Ähnliches wird das Sicherheitspersonal ab sofort zu verhindern wissen. Seit Sonntagnachmittag bereiten sich die Münchner am Gardasee auf die Rückeroberung der Bundesliga-Spitze vor. Für Manuel Neuer ist es die erste Dienstreise für seinen neuen Arbeitgeber. Der Nationalspieler stand in der vergangenen Saison noch bei Schalke 04 unter Vertrag; jenem Verein, dem er mit fünf Jahren beitrat und deshalb eng verbunden ist. Und genau da lag auch das Problem: Seine große Nähe zum Ligakonkurrenten machte ihn für Teile der Münchener Fanszene untragbar. Als er mit Schalke in der Allianz-Arena spielte, wurde er von tausenden „Koan Neuer“-Plakaten empfangen, seine Verpflichtung wurde plötzlich zum Politikum.

Als ein Zerwürfnis mit den Anhängern drohte und Präsident Uli Hoeneß ebenfalls aus der Fankurve angefeindet wurde, beriefen die Bayern einen Friedensgipfel ein. Am Samstag wurde zum Runden Tisch gebeten, moderiert wurde er von einem Anti-Terrorexperten. Wolfgang Salewski (68) war früher Polizeipsychologe und verhandelte in seiner Karriere bei 66 Geiselnahmen, unter anderem 1977 bei der Entführung der Lufthansa-Maschine nach Mogadischu.

Einen derart geschulten Vermittler einzuschalten, mag übertrieben erscheinen, zeigt aber die Brisanz, die die Vereinsverantwortlichen dem Thema beimessen. So traten neben Hoeneß auch der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge und Mannschaftskapitän Philipp Lahm an, um sich mit zehn Fanvertretern auseinanderzusetzen.

Überraschenderweise fehlte Neuer bei dem Treffen. „Es war schon klug, ihn da nicht reinzusetzen. Man wusste ja nicht, wie sich das Ganze entwickelt. Man muss die Zusammenarbeit nicht belasten, bevor es losgeht“, sagte Hoeneß der „Bild am Sonntag“. Was genau er befürchtet hat, führte er nicht aus, und so bleibt im Verborgenen, warum die Chance vergeben wurde, Neuer beim persönlichen Treffen mit den Kritikern an Profil gewinnen zu lassen.

Neuers Medienberater Bernhard Schmittenbecher sagte am Sonntag: „Dass er nicht mehr bei dem Gespräch dabei war lag daran, dass man in der Vorbereitung des Rundes Tisches gemerkt hat, dass seine Person gar nicht mehr das große Thema war. Es gab eher Gesprächsbedarf bei anderen Dingen.“ Für den Torwart wäre es kein Problem gewesen, teilzunehmen, sagte Schmittenbecher.

Tatsächlich scheint die heiße Luft raus zu sein aus dem Ballyhoo. Hatten einige Fans vorher so getan, als ob die Münchner den Teufel persönlich aus Gelsenkirchen geholt hätten, sah das Ganze bei der offiziellen Mannschaftspräsentation am Samstag im Stadion schon ganz anders aus – es setzte sogar eine Art Gegenreaktion ein. Mehr noch als bei den Stars Franck Ribery, Arjen Robben oder Mario Gomez brandete der Applaus auf, als Neuer in seinem neuen, weißen Torwart-Outfit aufgerufen wurde und einlief . Als er anschließend im Trainingsspiel einige Bälle parierte, jubelten die Fans, als ob er gerade den entscheidenden Elfmeter die Meisterschaft festgehalten hätte.

„Ich war schon angespannt, weil ich nicht wusste, was mich erwartet. Jetzt bin ich erleichtert. Das war ein richtig schöner Tag, die Fans haben ihr Bestes gegeben“, sagte der 25-Jährige und bewies, dass er die Münchner Klaviatur schon nach wenigen tagen im Dienst beherrschte: „Ich will gleich in meinem ersten Jahr Meister werden.“ Sogar über eine Verlängerung seines Fünfjahresvertrags denkt er bereits nach: „Ich weiß nicht, ob es bei fünf Jahren bleiben wird. Es geht mit Sicherheit noch weiter, denke ich.“ Auch Rummenigge zeigte sich erleichtert über den Ausgang der Gespräche: „Das Thema ist beendet. Über die sportliche Wertigkeit von Manuel herrschte ohnehin mehr als Einigkeit. Er ist einer der besten Torhüter der Welt.“

Ob der Frieden ohne Gipfel für Neuer Bestand hat, wird sich allerdings erst in der Liga zeigen. Beim Stadionfest war die Arena mit rund 30.000 Zuschauern nicht einmal zur Hälfte gefüllt, bei kostenlosem Eintritt waren vor allem Familien gekommen. Jene Teile der Anhänger, die sogenannte Ultra-Bewegung, auf deren Konto die Stimmungsmache gegen Neuer geht, dürfte kaum zahlreich vertreten gewesen sein. So wird sich wohl erst am 7. August zeigen, ob der neue Torwart wirklich vorbehaltlos akzeptiert wird von den eigenen Fans. Dann startet der Branchenprimus mit einem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach in die neue Bundesliga-Saison.