Wimbledon

Novak Djokovic schafft eine neue Tennis-Weltordnung

Novak Djokovic feierte mit dem Erfolg im Finale seinen 48. Erfolg im 49. Match in diesem Jahr. "Der 3. Juli 2011 ist eine Zäsur im Tennis", sagt Boris Becker.

Foto: Getty Images/Getty

Als Novak Djokovic im Frühling seine Siegesserie in dieser Paradesaison gerade beschleunigte, da nahm er sich in Los Angeles mal Zeit für ein ausgedehntes Fotoshooting. Bald darauf war der serbische Star in Hochglanzmagazinen rund um die Welt zu sehen: als cooler Playboy in einem alten Chevy-Cabriolet, als leicht verwegener Rockertyp auf einer Harley-Davidson und auch in gespielt arroganter Pose als römischer Feldherr.

Und so wie er sich da der Welt zum schönen Schein präsentierte, wie eine Kampfmaschine ohne Angst und Furcht, die bereit ist, es mit ganzen Heerscharen von Gegner aufzunehmen, so erscheint er nun auch im Tenniszirkus.

Djokovic, der Wimbledon-Champion und neue Ranglistenerste , ist der fast unangreifbare Imperator – und der Mann, der dem Tourbetrieb seine Macht und spielerische Herrlichkeit aufzwingt. "Der Djoker ist der Kopf einer neuen Weltordnung", titelte der "Independent" am Tag nach dem Vier-Satz-Sieg über den ratlosen Rafael Nadal im All England Club, dem 48. Erfolg im 49. Match 2011.

Daheim in Serbien ist Djokovic, der Held des Davis-Cup-Sieges vom vergangenen Jahr über Frankreich, nun endgültig zum modernen Nationalheiligen aufgestiegen. "Das ist der größte Tag in der neueren serbischen Geschichte", jubilierte Außenminister Vuk Jeremic am Sonntag auf der Terrasse des Spielerzentrums, "Novak ist der beste Botschafter, den wir sich vorstellen können. Er hat unserem Land ein sympathisches, erfrischendes Gesicht gegeben."

Für die Wiedersehensfeier mit dem Wimbledon-Champion wurden Hunderttausende Menschen in Belgrad erwartet. Staatspräsident Boris Tadic, ebenfalls Augenzeuge des historischen Triumphes, kündigte "eine besondere Ehrung" und "eine rauschende Party" an: "Wir sind einfach nur stolz auf diesen jungen Mann. Er macht den Menschen in Serbien so viel Freude."

Der Tenniswelt dagegen jagt er Angst und Schrecken ein, seit er sich als Profi auch professionell organisiert hat und jetzt mit einem Spitzenteam aus Dienstleistern um die Welt jettet. Cheftrainer, Physiotherapeut, Konditionstrainer und Ernährungsberater leistet sich der millionenschwere Himmelsstürmer inzwischen, der früher gern mal Fünfe gerade sein ließ und seinen Mangel an Ernsthaftigkeit mit bitteren Niederlagen bezahlen musste.

Seine Servicetruppe, zuweilen auch durch persönlichen Schlägerbespanner verstärkt, half ihm entscheidend mit auf dem Weg nach oben. Doch die letzten, alles entscheidenden Schritte konnte er nur gehen, weil er realisierte: Um zu den Titanen Roger Federer (Schweiz) und Rafael Nadal (Spanien) aufzuschließen, musste er selbst einer werden mit eiskalten Nerven, überragender Physis und Konstanz auf höchstem Niveau.

Getäuscht hatte er sich da nicht. Um sich sein altes Karriereziel zu erfüllen, den Sprung auf Platz eins, musste er tatsächlich im ersten Halbjahr 2011 diesen unglaublichen Triumphzug über Kontinente und Turnierschauplätze hinlegen. Historisch war das allemal, nie nämlich hatte ein Spieler zu diesem Zeitpunkt der Saison nun so viele Ranglistenpunkte wie Djokovic, der ins seriöse Fach gewechselte Spaßvogel.

Auch Nadal und Federer versetzte er – selbstgewiss auf der Überholspur brausend – regelmäßige Hiebe. Acht von neun Matches gewann er 2011 gegen die Granden, scheiterte nur im Pariser Halbfinale am Schweizer. "Roger und Rafa – das haben wir jahrelang gehört. Jetzt ist alles Novak, Novak, Novak", sagte Djokovics Mutter Dijana am Sonntagabend.

Da klangen noch Frust und Bitternis der vergangenen Jahre nach, eine Zeit, in der Djokovic als "dritter Mann" abgekanzelt worden war, der es niemals mit den Großmeistern würde aufnehmen können. "Ich bin oft hingefallen, aber stärker aufgestanden", sagte Djokovic am Sonntagabend. Und: "Ich bin dafür geboren, weitere Titel zu gewinnen." Beim abendlichen Talk in der BBC-Kultsendung "Today at Wimbledon" nahm Boris Becker , der deutsche Star der Vergangenheit, diesen Ton auf: "Der 3. Juli 2011 ist eine Zäsur im Tennis. Djokovic ist jetzt das Maß der Dinge. Und er wird noch viele große Siege feiern. Auch hier in Wimbledon."