Tour de France

Deutsche Rad-Profis strampeln für ein besseres Image

Zwölf Deutsche fahren bei der am Samstag gestarteten Tour de France mit. Sie kämpfen um Erfolge und gegen den schlechten Ruf des Radsports

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Am Samstagmittag um 12 Uhr, war das Licht gleißend auf der Avenue de l’Estacade, vom nahe gelegenen Strand in Fromentine wehte eine Brise den Geruch von Algen, Schlick und Salzwasser herüber. Rolf Aldag lehnte am Teamfahrzeug des Radrennstalls HTC-Highroad, ein Auge zugekniffen, das andere halb geschlossen. Der Sportdirektor blinzelte in die Sonne, hinter ihm schlängelten sich Rennfahrer auf ihren Rädern an Bussen, Autos und Gaffern vorbei zum Start der ersten Etappe über die Passage du Gois .

Aldag, 43, kennt das Gewusel. Er hat selber zehnmal an der Tour de France teilgenommen, und eine westfälische Grundgelassenheit ist ihm ohnehin zueigen. Dennoch verhehlte selbst ein Routinier wie er nicht eine gewisse Ungeduld. Wie die nächsten drei Rennwochen wohl werden, wurde er gefragt. „Spannend“, prophezeit Aldag, „schwer, abwechslungsreich, interessant.“

Als früherer Telekom-Profi und zumal als Deutscher hat er gleichwohl schon bessere Jahre erlebt. Seit der Skandaltour 2006, als Jan Ullrich und andere Topfahrer unter Dopingverdacht vom Hof gejagt wurden, hat sich die Beziehung der Deutschen zum Straßenradsport, nun ja, verkompliziert. „Bei uns zu Hause ist sein Image schwer ramponiert, international wird er zumindest hinterfragt“, sagt Aldag. Und er kann es „den Leuten nicht einmal verdenken“.

Kein deutscher Rennstall mehr

So kommt es, dass in den kommenden drei Wochen zwölf Deutsche im 198-köpfigen Starterfeld der Tour recht unbehelligt durch pittoreske Gegenden Frankreichs radeln werden. Seit der Abwicklung des Milram-Teams Ende vergangenen Jahres existiert kein deutscher Radrennstall mehr in der höchsten Kategorie Pro-Tour, das Zweitligateam Netapp darf erst mittelfristig auf einen Aufstieg oder eine Einladung zum nach wie vor wichtigsten und lukrativsten Rennen der Welt spekulieren.

In ihren neuen Mannschaften haben ehemalige Milram-Fahrer wie Linus Gerdemann (28/Leopard-Trek), Gerald Ciolek (24/Quick Step) oder Christian Knees (30/Sky) ihre eigenen Ambitionen deutlich reduzieren müssen. Sie ackern nun als Domestiken für ausländische Kapitäne und fühlen sich offensichtlich nicht einmal unwohl in der neuen Situation, ja mitunter sogar wie befreit von der Last, als Deutsche in einer deutschen Mannschaft fortwährend deutsche Radsportkritiker vom Guten in schlechten Zeiten überzeugen zu müssen. Und außerdem, findet Gerdemann, sei es auch als Helfer für den Tour-Mitfavoriten Andy Schleck, 26, „ja nicht verboten, eigene Erfolge zu erringen, wenn sich die Gelegenheit ergibt“.

Sollte es dazu kommen, werden solche zum vorerst letzten Mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen live zu sehen sein. ARD und ZDF erfüllen nur noch in diesem Jahr ihre vertraglich vereinbarten Sendeverpflichtungen, von 2012 an ist dann Schluss damit – eine politische Entscheidung, murren Mitarbeiter dieser Tage in der Vendée hinter vorgehaltener Hand. Manch einer grübelt bereits, die Meinung der Programmmacher könnte kippen, würde Aldags ambitionierter Rundfahrer Tony Martin, 26, bloß einige Tage im Gelben Trikot fahren und so Einschaltquoten und Marktanteile in der Heimat in die Höhe treiben.

Völlig undenkbar ist das nicht. Einerseits, weil Paris-Nizza-Gewinner Tony Martin („Mein Ziel sind ganz klar die Top Ten“) vor zwei Jahren schon einmal beeindruckend konstant in die Pedale trat – im Zeitfahren wie am Berg – und beinahe das Weiße Trikot des besten Profis unter 25 Jahren gewonnen hätte. Andererseits, weil manche Fachleute eine zarte Wiederannäherung der Deutschen an die sich selbst in unschöner Regelmäßigkeit selbst diskreditierende Sportart beobachten.

„Die provokante These ‚Der Radsport ist tot‘ würde ich heute nicht mehr ohne Weiteres unterschreiben“, sagt etwa Stephan Schröder vom Marktforschungsinstitut Sport+Markt, auch wenn er Sponsoren derzeit nicht ohne Weiteres einen Einstieg raten würde. Doch immerhin: „Mein Eindruck ist, die Leute warten momentan ab, wie sich der Profisport entwickelt.“

Mit der Skepsis arrangiert

Berufsrennfahrer wie Martin arrangieren sich mit der fortwährenden Skepsis ihrer Landsleute. Vor einer Woche etwa bei den deutschen Meisterschaften in Thüringen „standen wieder einige Dopingbanner. Aber das sind wir mittlerweile gewohnt. Es gibt immer dumme Menschen, die alles verallgemeinern müssen und die sich über Sachen eine Meinung bilden, von denen sie keine Ahnung haben“, sagt der hessische Polizist. Es klingt ein bisschen verbittert.

Berufsoptimisten wie der unverwüstliche Jens Voigt – im September feiert er seinen 40. Geburtstag – werben unerschütterlich um Vertrauen. „Wir hatten das Problem“, sagt der Mecklenburger und glaubt: „Inzwischen haben aber die meisten erkannt, dass Doping kein Kavaliersdelikt ist und nehmen Abstand davon. Es ist ein schmerzhafter Prozess. Jeder positive Fall ist zwar nicht schön, zeigt aber, dass unser Sport besser wird. Es wäre wohltuend für die Seele, wenn wir solche Dinge auch mal hören und lesen würden.“

Anlass zum Misstrauen sät die Elite jedoch selber. Dass Alberto Contador , 28, sich am Samstag auf die 3430 Kilometer lange Reise nach Paris machte, stößt selbst den meisten Kollegen im Peloton sauer auf. Während der Tour 2010 positiv auf Clenbuterol getestet und mit Weichmachern im Blut aufgefallen – ein Indiz für illegale Transfusion – ist der spanische Gewinner des Giro d’Italia nur deshalb startberechtigt, weil der Internationale Sportgerichtshof Cas noch kein Urteil gefällt hat. „In unserer aktuellen Situation helfen offene Verfahren nicht wirklich“, greint Sportdirektor Aldag vom Konkurrenzteam HTC-Highroad.

Zu allem Übel verhageln weitere bedenkliche Vorgänge die Vorfreude auf das dreiwöchige Spektakel, dem ohne den hinreichend belegten Dopingverdacht ja durchaus eine große Faszination innewohnen würde. Nachdem unter der Woche der frühere belgische Tourstarter Wim Vansevenant, 39, als VIP-Chauffeur des Teams Omega-Pharma-Lotto in den Verdacht geraten war, Dopingpräparate durch die Gegend zu kutschieren, geriet Freitagnachmittag das nächste belgische Team ins Visier der Fahnder. Gendarme ließen den Bus der Equipe Quick Step nach verbotenen Substanzen durchsuchen. Nach fünf Stunden gaben sie ihn wieder frei – ohne fündig geworden zu sein. „Reine Routine“, mühte sich Teamchef Wilfried Peeters anschließend zu beschwichtigen.

Gut denkbar, dass diese Aktion vor allem als warnendes Zeichen an die Betrüger im Peloton zu verstehen ist. Im Juli bei ihrem liebsten Großereignis drücken die Franzosen eben nicht mehr ohne Weiteres ein Auge zu. Eitel Sonnenschein kann auch blenden.