Tour de France

Schleck gegen Contador als Duell Gut gegen Böse

Das Duell Andy Schleck gegen Alberto Contador prägt die Tour de France – die Sympathien der Zuschauer sind klar verteilt.

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Gleich auf der ersten Etappe der Tour de France hat ein gelbes Trikot eine wichtige Rolle gespielt für den ungeliebten Favoriten Alberto Contador (28). Getragen wurde es von einer trantütigen Zuschauerin, die gar zu nah am Straßenrand stand und neun Kilometer vor dem Ziel in Les Herbiers am Samstag von einem Profi aus dem Astana-Team touchiert wurde. Er kam anschließend zu Fall und schlug eine Schneise ins rasende Fahrerfeld, woraufhin Contador am Ende 1:14 Minuten auf den Vorjahreszweiten Andy Schleck (26) einbüßte . Zwar war der Luxemburger selber gestürzt, jedoch ohne zeitliche Konsequenz in der neutralisierten 3-km-Zone vor dem Ziel.

Unabhängig von der nach wie vor virulenten Frage, ob der 2010 positiv getestete dreimalige Gesamtsieger Contador hier (moralisch) überhaupt startberechtigt ist und der dringenden Empfehlung, herausragenden Rundfahrtleistungen von Tourfahrern stets mit Misstrauen zu begegnen, hätte der Start der 98. Frankreich-Rundfahrt nicht besser laufen können für die Organisatoren. Es wurde wieder über Sport gesprochen – oder zumindest über dessen Risiken und Nebenwirkungen.

„Nicht gerade ein Glückstag, Alberto“, spöttelte am Sonntag die Sportzeitung „L’Equipe“, offizielles Leitmedium während der nächsten drei Wochen, weil aus demselben Hause stammend wie die Rennorganisation (ASO). Contador selbst sagte niedergeschlagen: „Es tut weh, Zeit zu verschwenden. Es wird schwer sein, jede einzelne Sekunde zurück zu gewinnen.“ Auf der Theaterbühne Tour sind die Rollen längst klar verteilt: Contador ist der Böse, Schleck der Gute. Deutlich wurde das nicht nur während der Präsentation der 22 Mannschaften vor vier Tagen, als Tausende den Spanier ausbuhten und -pfiffen. Auch eine repräsentative Umfrage im Auftrag eines Radiosenders ergab, dass 63 Prozent der Franzosen Contadors Anwesenheit ablehnen.

Auf einen Mitleidseffekt angesichts des unverschuldeten Rückstands vor dem Mannschaftszeitfahren am Sonntag durfte der Kapitän von Bjarne Riis’ Saxo-Bank-Team also nicht hoffen. Zu wenig wohlgelitten ist der eigenwillige, im Auftreten linkische Contador im Volke am Wegesrand. Andy Schleck, Typ Schwiegermuttis Liebling, profitiert davon. Und nicht zuletzt sind gegen ihn ja noch keine konkreten Dopingvorwürfe laut geworden, geschweige denn hat es einen positiven Test gegeben. Jedoch ist unübersehbar, das er es ebenso wie weiland Jan Ullrich, als Lance Armstrongs positive Dopingroben aus dem Jahr 1999 bekannt wurden, an offener Kritik an seinem Hauptkonkurrenten mangeln lässt.

„Es ist eine extra Motivation für mich, die Leute hinter mir zu wissen. Ich mag das“, sagt stattdessen der jüngere der beiden Schleck-Brüder. Um sie herum hat Riis’ einstiger Pressesprecher Brian Nygaard unter kräftiger finanzieller Mithilfe des luxemburgischen Immobilieninvestors Flavio Becca voriges Jahr den Rennstall Leopard-Trek neu gegründet.

Dass der mit 26 noch immer juvenile Kapitän bisweilen als schlampiges Genie auffällt, gefällt den Fans. Während der laufenden Spanien-Rundfahrt vorigen Herbst verbannte ihn sein damaliger Teamchef Riis nach einer angeblichen nächtlichen Zechtour. „Mensch, Andy! Mit Feten gewinnt man keine Tour!“, lästerte mit Wonne die heimische Boulevardzeitung „Lëtzebuerg Privat“ und schlussfolgerte: „Es macht den Anschein, als hole Andy mit 25 Jahren seine Jugend nach.“

Fränk (31), der ältere Bruder, lobt Andys Eigenschaft, „den Schalter in seinem Kopf umlegen zu können, wenn er will“. Und Cyrille Guimard, früher Andy Schlecks sportlicher Leiter, sagt: „Er hat absolut alles um die Tour zu gewinnen, es fehlt ihm an nichts – außer vielleicht, wirklich Lust dazu zu haben“.