Boxen

Wladimir Klitschko ist froh, dass es Haye gibt

Boxweltmeister Wladimir Klitschko spricht im Interview mit Morgenpost Online über den wichtigsten Kampf seiner Karriere gegen den Engländer David Haye.

Es ist der Schwergewichtskampf, auf den die Fans seit Jahren gewartet haben: Wladimir Klitschko (35) gegen David Haye (30) . Der Ukrainer ist Weltmeister der World Boxing Organization (WBO) und der International Boxing Federation (IBF), der Brite besitzt den WM-Gürtel der World Boxing Association (WBA). Wenn beide am Samstagabend (21.45 Uhr, RTL) im Hamburger Fußballstadion in den Ring steigen, wird der erste Dreifachchampion in der Königsklasse seit 1999 ermittelt.

Morgenpost Online: Herr Klitschko, sind Sie ein Sadist?

Wladimir Klitschko: Wie kommen Sie darauf?

Morgenpost Online: Sie haben geäußert, Haye elf Runden lang mit schweren Schlägen zu traktieren und in der Schlussrunde dann richtig hart zu Boden zu schlagen. Wie Sie das so sagen, klingt das sehr nach lüsterner Quälerei Ihres Herausforderers…

Klitschko: Ich bin kein Sadist, um das klarzustellen. Doch an meinem Kampfplan hat sich seit der ersten Begegnung mit David Haye nichts geändert.

Morgenpost Online: Das war am 13. Dezember 2008 in Mannheim, wo Sie Ihre WM-Titel gegen Hasim Rahman verteidigten und der Brite plötzlich in Ihr Hotel platzte und das Magazin „Men’s Health“ auf den Esstisch knallte. Ganzseitig war dort zu sehen, wie Haye, hemdsärmlig und mit Krawatte, Ihren blutigen Kopf mit der linken Hand hielt.

Klitschko: Im ersten Moment war ich geschockt. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Was muss nur in einem Menschen vorgehen, der auf diese ekelerregende Weise provozieren will? Für mich stand fest, dass er dies nicht ungestraft getan hat. Wenn wir uns im Ring gegenüberstehen sollten, schwor ich mir, werde ich ihm elf Runden lang eine Lektion erteilen und ihn dann in der finalen Runde auf die Bretter schicken. Ich hoffe, dass nichts dazwischen kommt, dass er nicht vorher aufgibt, wie es schon viele meiner Gegner getan haben.

Morgenpost Online: Es wäre Ihr 50. K.o.-Erfolg im 59. Profikampf.

Klitschko: Ein besseres K.o.-Jubiläum als bei diesem Kampf könnte es nicht geben. Ich werde diesen Moment genießen.

Morgenpost Online: Würden Sie Haye bei passender Gelegenheit auch eher k.o. schlagen?

Klitschko: Natürlich. Ich werde nicht rumspielen. Das wäre auch nicht smart. Ein gutes Beispiel ist diesbezüglich für mich die Tour de France 2003, als Jan Ullrich auf den gestürzten Lance Armstrong gewartet hat, der am Ende dadurch die Rundfahrt gewann. Das ist eine gute Geste, doch es geht um Sport, jedes Verzögern könnte mich den Sieg kosten.

Morgenpost Online: Sie wären auch der erste Dreifachweltmeister seit Lennox Lewis . Der Brite besiegte vor zwölf Jahren in Las Vegas den Amerikaner Evander Holyfield und sicherte sich die WM-Gürtel des WBC, der WBA und der IBF.

Klitschko: Die Titel sind zweitrangig für mich. Ich konzentriere mich einzig und allein auf David Haye, über alles andere mache ich mir hinterher Gedanken.

Morgenpost Online: Vermarktet wird der Kampf, für den Sie beide jeweils weit über zehn Millionen Euro kassieren, unter dem Titel „The War“. Fühlen Sie sich tatsächlich so, als würden Sie in einen Krieg ziehen?

Klitschko: Ein reißerisches Kampfmotto gehört nun mal zur Promotion. Mich tangiert so etwas weniger. Ich muss meinen Job ordentlich erledigen, nur das zählt.

Morgenpost Online: Sie wirken unheimlich gelassen und selbstbewusst. Widern Sie Hayes Provokationen nicht an?

Klitschko: Was er alles getan hat, ging weit unter die Gürtellinie. Hat er mich persönlich getroffen? Ja. Ich glaube, kein Elternpaar möchte die abgeschnittenen Köpfe seiner sehen.

Morgenpost Online: Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Klitschko: Sie haben keine andere Meinung als ich. Sie finden das abscheulich. Meine Mutter wollte sich nicht weiter äußern. Vater sagte nur, egal, was er gesagt und getan hat: Ihr trefft euch im Ring, und da wird es die entsprechende Antwort geben.

Morgenpost Online: Haye behauptet, erst durch ihn sei der Kampf zu einem weltweiten Ereignis geworden. Sie müssten ihm dafür die Füße küssen.

Klitschko: Ich bin schon froh, dass es David Haye gibt. Er ist schon ein guter Promotor. Doch er redet viel Schwachsinn und lügt dazu noch. Inzwischen habe ich damit kein Problem mehr, im Gegenteil: Mich motiviert er damit nur noch zusätzlich.

Morgenpost Online: David Haye stammt aus einer heruntergekommenen Gegend im Londoner Stadtteil Bermondsey. Viele Jugendliche, mit denen er aufgewachsen ist, sind inzwischen tot oder sitzen im Gefängnis. Erklärt das eventuell sein widerliches Verhalten?

Klitschko: Im tiefsten Inneren glaube ich, dass Haye gar kein so schlechter Junge ist. Wir müssen den Boxer und den Menschen David Haye getrennt voneinander betrachten. Als Mensch verhält er sich so, weil ihm der Erfolg zu Kopf gestiegen ist. Er ist verdammt arrogant und denkt, bereits der Größte zu sein. Doch da irrt er sich gewaltig. Ich werde seinen Kopf wieder in die richtige Richtung drehen und ihn am Samstag zu einem besseren Menschen machen.

Morgenpost Online: Und wie sehen Sie ihn als Boxer?

Klitschko: Da schätze ich ihn sehr. Ich habe großen Respekt vor ihm. Ich bin mir sicher, er wird viel besser vorbereitet in den Ring steigen als bei seinen anderen Kämpfen. Das war bei meinen Rivalen immer so. Ich habe das genau analysiert. Gegen mich waren sie immer stärker als gegen andere Rivalen. Was nicht verwundert, schließlich bietet sich ihnen die Chance ihres Lebens, die Chance, den besten Boxer zu besiegen.

Morgenpost Online: Was erwarten Sie von Haye?

Klitschko: Schwer zu sagen. Er ist für mich wie eine Maus im Dunkeln . Du weißt, dass die Maus da ist, aber du kannst sie nicht fassen. Ich gehe davon aus, dass er von Beginn an ohne Angst in den Kampf geht. Er hat sehr schnelle, schwere Hände, da gilt es für mich, höllisch aufzupassen.

Morgenpost Online: Emanuel Steward, Ihr Trainer, sagt, für Sie stehe mehr auf dem Spiel, deshalb sei der Druck auf Sie auch wesentlich größer.

Klitschko: Emanuel hat recht. Wenn Haye verliert, sagen alle, das Normale ist eingetreten. Von mir aber wird erwartet, dass ich gewinne. Der Sieg krönt meine Karriere. Alles andere wäre ein Desaster. Doch damit beschäftige ich mich nicht.

Morgenpost Online: Vor jedem Kampf behaupten Sie, den besten Gegner Ihrer Karriere zu boxen. Im Ring aber dominieren Sie seit Ihrer Niederlage gegen Lamon Brewster im April 2004 meist nach Belieben. Was soll noch kommen, wenn das auch gegen Haye passiert?

Klitschko: Ich denke momentan nur bis zur 12. Runde gegen David Haye. Lassen Sie uns nach dem Kampf darüber reden!

Morgenpost Online: Wird es eine Rache Ihres Bruders Vitali geben, der den WBC-Titel hält?

Klitschko: Das hieße ja, ich verliere. Nein, die gibt es nicht. Ich werde alles klären.

Morgenpost Online: Werden Sie nach dem Kampf mit Haye Freundschaft schließen?

Klitschko: Nein, das wird niemals passieren.