Frauenfussball-WM

Neid setzt auf Gesprächstherapie für den Gruppensieg

Die deutschen Weltmeisterinnen stehen im Viertelfinale der WM, aber überzeugen konnten sie gegen Nigeria nicht. Jetzt soll eine Psychologin auf die Sprünge helfen.

Der vorzeitige Einzug ins WM-Viertelfinale hinterließ nicht nur sichtbare Spuren: Übersät mit blauen Flecken stiegen die deutschen Fußballerinnen am Freitag um 13.38 Uhr in den ICE von Frankfurt/Main nach Düsseldorf, doch kuriert werden musste nach dem Kraftakt gegen Nigeria vor allem das angekratzte Selbstbewusstsein.

„Die Spielerinnen wirkten gehemmt, einfach nicht frei, das war mehr Krampf und Kampf“, sagte Bundestrainerin Silvia Neid nach der schwachen Vorstellung beim 1:0 (0:0) im zweiten WM-Spiel gegen den Afrikameister und kündigte eine Gesprächstherapie an: „Ich werde viele Einzelgespräche führen und hoffe, dass es im nächsten Spiel besser wird.“

Die 47-Jährige hatte während der Partie an der Seitenlinie wahrscheinlich mehr Meter gemacht, als manche ihrer verunsicherten Spielerinnen.

Wütend, schreiend, gestikulierend hatte sie das Fehlpassfestival ihrer Schützlinge verfolgt und musste dann noch die Verletzung von Melanie Behringer verdauen, deren Einsatz im letzten Gruppenspiel am Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) gegen Frankreich in Mönchengladbach nach der Außenbanddehnung am Sprunggelenk fraglich ist.

Auslöser für den wenig glanzvollen Auftakt bei der Jagd nach dem Titel-Hattrick im eigenen Land sei wohl der Druck, so Neid: „Das hängt dann doch mit dem Kopf zusammen und den hohen Erwartungen.“

Neben 48.817 Fans im Stadion hatten 16,39 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern das Spiel verfolgt - Rekord für ein Frauenspiel. Diese Begründung wollten die Spielerinnen, für die der Zug gen Westen einen Extrahalt am Frankfurter Stadion einlegte, aber nicht unterschreiben. „Ich glaube nicht, dass das an den Menschenmassen liegt. Das waren wohl Unkonzentriertheiten“, sagte Kim Kulig.

Wollen die Titelverteidigerinnen im Kampf um den Gruppensieg gegen „Les Bleus“ nicht noch einmal ihr blaues Wunder erleben, müssen sie aber schnell zur nötigen Konzentration zurückfinden. Denn auch wenn in der Defensive nach dem 2:1-Auftakt gegen Kanada einiges besser lief, ist das Spiel nach vorne derzeit alles andere als weltmeisterlich.

Ein Prädikat, von dem vor allem die Spielführerin weit entfernt ist. Wütend und frustriert reagierte Birgit Prinz auf ihre Auswechslung kurz nach der Pause. Ihre letzte WM droht für die 33-Jährige zum „Unhappy End“ zu werden. Neid nahm Prinz zwar in Schutz („Sie war nicht die Einzige, die nicht ihren besten Tag erwischt hat“), ließ aber offen, ob die Rekord-Nationalspielerin die DFB-Auswahl auch am Dienstag aufs Feld führen wird: „Das schauen wir mal.“

Für den Sieg in Gruppe A und das Ticket zum Viertelfinale gegen den Zweiten der Gruppe B in Wolfsburg benötigen die DFB-Frauen (3:1 Tore) unbedingt einen Dreier gegen Tabellenführer Frankreich (5:0). Auf den zweiten Platz zu spekulieren, um damit einem möglichen Halbfinale gegen den Topfavoriten USA zu entgehen, sei nicht der Plan.

„Wir sind keine Mannschaft, die rechnet und schaut, ob sie Erster oder Zweiter werden will“, erklärte Simone Laudehr, die mit ihrem erlösenden Tor (54.) den vorzeitigen Einzug in die K.o.-Runde möglich gemacht hatte.

Um die Köpfe der Spielerinnen zu befreien, setzt Neid neben Gesprächen auf Trainingsinhalte, „die Spaß machen und mit Kombinationsspiel und Torabschluss zu tun haben“. Zumal in der Equipe Tricolore ein weiterer harten Brocken wartet. „Sie sind sehr zweikampfstark, technisch versiert und haben ein gutes Kombinationsspiel“, warnte Neid. Kulig hofft, dass der Gegner anders als Nigeria mehr mitspielt: „Ihre Spielweise könnte uns entgegenkommen.“

Auch wenn Frankreich nach dem 4:0 gegen Kanada die Tabelle anführt - die Gejagten bleiben laut Neid die Deutschen: „Kanada war gegen Frankreich nicht das Kanada, gegen das wir am Sonntag gespielt haben. Gegen uns gibt jeder Gegner immer 170 Prozent, weil wir der amtierende Weltmeister sind. Von daher sind wir weiter in der Favoritenrolle und wir nehmen diese auch an.“