Wimbledon

Sabine Lisicki wandelt auf Steffi Grafs Spuren

Die Berliner Tennisspielerin Sabine Lisicki ist mit einem sensationellen Sieg gegen die Französin Marion Bartoli ins Halbfinale von Wimbledon eingezogen. Dort erwartet sie die russische Grand-Slam-Gewinnerin von 2004 - Maria Scharapowa.

Über dem heiligen Tennisgrund ging eine wahre Sintflut nieder, mit Sturm, Blitz und kübelweise Regen. Und während draußen das Ende der Welt anzubrechen schien, sorgte Sabine Lisicki mit einem der größten Donnerschläge in der Wimbledon-Geschichte auch für den bisher strahlendsten Moment ihrer noch jungen Karriere: Mit fast irritierender Selbstverständlichkeit siegte die 21-jährige Berlinerin 6:4, 6:7 (4:7) und 6:1 auch gegen Marion Bartoli (Frankreich).

Zwölf Jahre nach Steffi Grafs letztem Grand-Slam-Auftritt, der mit einer Finalniederlage gegen Lindsay Davenport auf dieser Grün-Anlage endete, rückte mit Lisicki erstmals wieder eine Deutsche in das Halbfinale eines Major-Wettbewerbs vor – und damit auch in Reichweite eines Titelcoups. „Es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Dieses Turnier übertrifft meine kühnsten Träume“, sagte die von Freudentränen überwältigte Blondine, die als überhaupt erst zweite Spielerin in der 125-jährigen Historie der Offenen Englischen Meisterschaften mit einer Wild Card in die Vorschlussrunde stürmte.

Erinnerungen an Ivanisevic

Auch das Drama dreier vergebener Matchbälle im zweiten Satz steckte die Himmelsstürmerin mit Eiseskälte weg („Ich habe einfach weitergemacht und mich nicht stören lassen“) und wertete ihren Sieg mit diesem Bravourstück noch zusätzlich auf. „Das war einfach nur Weltklasse. Ich ziehe nur den Hut vor Sabine“, sagte Fedcup-Chefin Barbara Rittner. Nächste Gegnerin von Lisicki ist am Donnerstag Maria Scharapowa (Russland), die sich gegen Dominika Cibulkowa 6:1, 6:1 durchsetzte. Scharapowa ist die einzige im Turnier verbliebene Spielerin, die bisher einen Grand-Slam-Titel holte. Im März hatte die Wimbledon-Championesse des Jahres 2004 das einzige Duell mit Lisicki in Miami 6:2 und 6:0 gewonnen.

Bewegte sich Lisicki gar auf den verrückten Spuren des Kroaten Goran Ivanisevic, der vor genau zehn Jahren mit einer „Freikarte“ (Wild Card) zum sensationellen Pokalgewinner aufgestiegen war?

„Für Lisicki ist hier nichts unmöglich“, sagte BBC-Kommentatorin Davenport nach dem neuesten Erfolg für die Deutsche, die von Weltranglistenplatz 62 in den traditionellen Höhepunkt des Tennisjahres gestartet war, nun aber mit dem Einzug in den exklusiven Halbfinal-Klub wieder einen Platz unter den besten 25 Spielerinnen der Welt sicher hatte. Mit der besten Grand-Slam-Gesamtleistung einer deutschen Tenniskraft seit der goldenen Ära von Steffi Graf und Anke Huber übertraf Lisicki auch die bisherige Vorzeigefrau des DTB, die Darmstädterin Andrea Petkovic, die sowohl in Melbourne wie in Paris das Achtelfinale erreicht hatte.

Das Match von Beginn an diktiert

„Lisicki hat ganz sicher das Zeug, bald in den Top Ten zu stehen“, sagte Altmeister John McEnroe, „mich überrascht wirklich ihre mentale Stärke, ihre Abgeklärtheit, ihre Aggressivität, wenn es wirklich brenzlig wird auf dem Platz.“

Und tatsächlich: Zwei Jahre nach ihrem ersten Viertelfinalauftritt im All England Club als unbeschwerte Teenagerin zeigte Lisicki nun eine neue spielerische Reife und mehr taktisches Feingefühl. Fräulein Bum-Bum spielte, wann immer sie dazu aufgefordert war in den letzten neun Turniertagen, auch mit Köpfchen und Kreativität, mit Ideen und Intuition. „Sie kann nicht nur Powertennis, sondern auch schlaues Tennis“, sagte Fedcup-Teamchefin Barbara Rittner, deren Vorgabe für das Match gegen Bartoli eins zu eins von Lisicki umgesetzt wurde: Sie bot der stolzen Bezwingerin von Serena Williams von der ersten Sekunde an die Stirn, ließ sich von den Ticks und Zappeleien der kapriziösen Französin nicht im geringsten aus dem Rhythmus und dem Gleichgewicht bringen. Sie diktierte das Match. Geradliniges, schnörkelloses Tennis mit regelmäßigen Überraschungsmomenten, mit Stopps oder eleganten Winkelschlägen. „Sie lässt Bartoli überhaupt nicht Bartoli sein“, sagte Beobachterin Davenport über Lisicki, die als erst fünfte Deutsche in Wimbledon die Runde der letzten Vier erreichte, nach Cilly Aussem, Hilde Krahwinkel, Bettina Bunge und Steffi Graf.

Während der Regen so stark auf das Dach prasselte, dass Schiedsrichterin Lynn Welsh die Spielstände regelrecht in die Halle brüllen müsste, blieb Lisicki im bisher wichtigsten Spiel ihrer Karriere punktgenau auf die Aufgabe fixiert. Selbst kleinere und größere Rückschläge steckte sie mit einer nervlichen Kühle weg, die einfach nur imponierte. In der Auftaktphase des ersten Satzes sicherte sie sich nach zwei Breaks und einem eigenen Aufschlagverlust eine Führung, die sie zum Ende des ersten Akts nicht mehr abgab. Wann immer sie in Bedrängnis geriet, halfen zunächst Asse und direkte Gewinnpunkte. Das galt umso mehr für die kritische Phase im zweiten Satz, als sie einen 1:3-Rückstand zum 3:3 wettmachte und dann bei einer 5:4-Führung erstmals zum Matchgewinn aufschlug.

Drei Siegpunkte ließ Lisicki dann im nächsten Spiel aus, hatte Riesenpech, als ein Stoppball nur zwei Zentimeter unterhalb der Netzkante hängen blieb. Als dann auch noch der Tiebreak wenig später mit 7:4 an die Französin ging, schien der Spielfilm auf dem Centrecourt eine dramatische Wendung zu nehmen – gegen Lisicki und ihre Träume vom Halbfinaleinzug. Doch welcher Mumm und welche innere Kraft in der Berlinerin stecken, zeigte sie im dritten und letzten Akt des Duells, in der Paraderolle von Fräulein Courage. „Ich bin schon immer eine Kämpferin gewesen, eine, die nie, nie, nie aufgibt“, sagte Lisicki später. Statt eines Einbruchs und Untergangs der Deutschen erlebten die 15.000 Zuschauer so eine von allem Malheur unbeeindruckte, durch und durch unverdrossene Fighterin, die in knapp zehn Minuten zu einer 3:0-Führung rauschte und sich den Vorsprung dann auch nicht mehr nehmen ließ. Der Kraftakt war vorbei, mit einem Happy-End.