Fußball

Ballack beleidigt - Zickenkrieg um Nationalelf

Jetzt kommt der Schmutz: Michael Ballacks Verabschiedung wächst sich zu einem veritablen Zickenkrieg aus. Der anscheinend schwer beleidigte Ex-Nationalmannschaftskapitän behauptet nicht weniger, als dass er belogen wurde.

Das Video konnte nicht gefunden werden.

Beim Trainingsauftakt von Bayer Leverkusen enthält der Ex-Nationalspieler sich jeden Kommentars zu seienm Abschied aus der Nationalelf.

Video: Reuters
Beschreibung anzeigen

Jetzt ist es ein schmutziges Scheidungsdrama geworden: Michael Ballack soll nicht mehr Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sein – über die Art, wie dies mitgeteilt wurde, streitet der „Capitano“ mit dem deutschen Fußballbund (DFB) und mit Bundestrainer Jogi Löw. Leider öffentlich, weshalb zu befürchten steht, das sowohl Ballack wie auch Löw und der DFB in der Außenwahrnehmung Schaden nehmen könnten. Und man mag sich auch ausmalen, was das für die innere Verfassung der Nationalmannschaft bedeuten könnte, wenn deren Chef in Form des Bundestrainers von einem vielfachen Nationalspieler nicht weniger als Lüge vorgeworfen wird.

Ballack hatte am Sonntag eine „persönliche Erklärung“ abgegeben, in der er Löw eine „Hinhaltetaktik“ vorwarf und DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach wegen angeblich unwahrer Aussagen angriff. „Ich finde es schade, jetzt erneut Aussagen lesen zu müssen, die nicht der Wahrheit entsprechen und auf die ich reagieren muss“, verkündete Ballack in einer langen Presseerklärung, die von seinem Arbeitgeber Bayer Leverkusen verschickt wurde. Niersbach sei bei keinem der Gespräche dabei gewesen, die er mit dem Bundestrainer geführt habe, erklärte Ballack. „Wenn der Bundestrainer Wolfgang Niersbach erzählt haben sollte, er habe bei unserem Gespräch am 30. März zu mir gesagt: ’Micha, das war’s für dich und lass das jetzt mal sacken’, oder ’Ich plane nicht mehr mit dir’, dann ist das schlichtweg nicht wahr. Das genaue Gegenteil war der Fall.“

Löw konterte umgehend und bekräftigte, er bleibe bei seiner Darstellung: Ich habe die Erklärung von Michael gelesen und kann nur wiederholen: Ich stehe weiterhin zu meinen Aussagen“, sagte Löw. Zuvor hatte Niersbach den 98-maligen Nationalspieler bereits ungewöhnlich deutlich attackiert. Schon seit dem 30. März wisse Ballack, dass Löw ohne ihn plane, teilte der DFB-Spitzenfunktionär via Verbands-Homepage mit.

Ballack behauptet das Gegenteil. Löw habe in dem Gespräch vermittelt, „dass er mich nach meinen Verletzungen wieder auf einem guten Weg sieht und durchaus daran glaubt, dass ich es in jedem Fall noch einmal schaffen kann, in die Nationalmannschaft zurückzukehren“. Löw habe ihn „motiviert und aufgefordert, nicht hinzuschmeißen“. Die „Hinhaltetaktik des Bundestrainers“ habe nicht zu Löws Aussagen gepasst. Zudem habe Teammanager Oliver Bierhoff im Frühjahr in einer TV-Sendung „sinngemäß“ gesagt, „dass man sich nicht alle Türen zuschlagen wolle und Michael Ballack noch sehr wichtig werden könne“. Ballack erklärte erstmals öffentlich, dass er sich im Mai entschlossen habe, zurückzutreten, was er Löw und Niersbach auch mitgeteilt habe. „Wir vereinbarten, dass ich in der Sommerpause meinen Rücktritt selbst bekanntgeben dürfe. Ein genaues Datum, geschweige denn eine Frist, stand dabei nie zur Debatte“, so Ballack.

Damit ist der Zickenkrieg in vollem Gange. Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler hatte zuvor die Hoffnung geäußert, man könne sich vielleicht noch irgendwie gütlich einigen. Vor dem Trainingsauftakt sagte Völler: „Ich weiß, wie stur Michael Ballack ist. Ich habe mit Michael gesprochen und die Hoffnung auf ein versöhnliches Ende noch nicht aufgegeben.“ Doch dann kam die längliche Erklärung, in der Ballack austeilt. „Als Joachim Löw mich im Urlaub letzte Woche nicht erreichte, musste ich plötzlich von Wolfgang Niersbach eine Stunde vor Veröffentlichung der Pressemitteilung des DFB per SMS erfahren, dass der Bundestrainer ’nicht mehr mit mir plant’. Drei Tage vor meinem Urlaubsende, wissend, dass ich danach wieder uneingeschränkt erreichbar bin und man genügend Zeit hat, bis die Bundesliga-Saison wieder beginnt, hat man konträr zu unserer Absprache diese Pressemitteilung verfasst“, ließ Ballack verbreiten – und warf dem DFB vor, gegen die Abmachung seines selbst zu verkündenden Rücktritts verstoßen zu haben. Und nun sei Schluss, heißt es in dem Ballack-Communiqué: Er wolle das Thema abschließen und sich „voll und ganz auf meine Ziele mit Bayer 04 Leverkusen konzentrieren“.

Der DFB bestreitet Ballacks Darstellung. Niersbach hatte bereits am Sonnabend in einem Interview auf der DFB-Homepage auf Ballacks erste Vorwürfe reagiert hatte. „Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis, schon gar nicht für Begriffe wie ‚Scheinheiligkeit’ und ‚Farce’, die er in diesem Zusammenhang gewählt hat“, sagte der Generalsekretär. „Aus meiner Sicht sind alle Gespräche absolut korrekt und fair verlaufen.“ Detailliert stellte dafür Niersbach die DFB-Sicht dar, wie und wann die Treffen mit dem langjährigen Kapitän stattfanden. „Es wurde gemeinsam – ich betone: gemeinsam – vereinbart, zunächst Stillschweigen zu bewahren, Michael auch Zeit zu geben, nochmals in aller Ruhe nachzudenken, um dann in einem abschließenden Gespräch mit Joachim Löw festzulegen, wie die Entscheidung letztlich kommuniziert werden sollte“, sagte der Generalsekretär.

Nach den Länderspielen zum Abschluss der Saison gegen Uruguay, Österreich und Aserbaidschan Anfang Juni habe sich Ballack laut Niersbach äußern wollen. Doch habe es seitdem keinen Kontakt mehr gegeben. Am Donnerstag teilte Löw dann über den DFB mit, dass er künftig auf den einstigen Leitwolf verzichten werde. Einen Tag später warf Ballack dem Bundestrainer „Scheinheiligkeit“ vor und lehnte ein Abschiedsspiel gegen Brasilien am 10. August als „Farce“ ab.

„Es ist schade, dass er jetzt so reagiert. Wir haben in den vergangenen Wochen wirklich gute und offene Gespräche geführt“, sagte Niersbach. „Danach konnten wir davon ausgehen, dass es durchaus auch in seinem Interesse lag, noch einmal als Kapitän der Nationalmannschaft aufzulaufen.“ Der DFB habe Ballack angeboten, sowohl gegen Uruguay Ende Mai als auch gegen Brasilien zu spielen, um somit auf 100 Länderspiele zu kommen. Das wollte Ballack aber nicht, „weil ihm die Zahl nicht so wichtig war, dass er sie unter allen Umständen erreichen wollte – so jedenfalls hat er es mir vermittelt“, berichtete der Funktionär. Ballack hatte sein letztes Spiel im DFB-Trikot am 3. März 2010 beim 0:1 gegen Argentinien bestritten, die anschließende WM verpasste er wegen einer Fußverletzung. Beim Turnier in Südafrika und in der Zeit danach unterstrich das junge DFB-Team mit seiner Spielweise, dass es Ballack als „Capitano“ nicht mehr braucht.

Am Sonntag startete das Training für Ballack: Er gehörte zu dem 16 Spieler umfassenden Team, das vor 700 Zuschauern erstmals unter Trainer Robin Dutt auf einem Nebenplatz des Bayer-Stadions eine lockere Einheit absolvierte. Rudi Völler, Ex-Bundestrainer und Leverkusens Sportdirektor, sagte zum Zickenkreig: „Keiner der Beteiligten hat sich mit Ruhm bekleckert.“ Bundestrainer Joachim Löw, der bei Bayer Leverkusen unter Vertrag stehende Michael Ballack und Wolfgang Niersbach, der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hätten es an ehrlicher Kommunikationsbereitschaft zur Lösung des Konflikts mangeln lassen.