Segeln

America's Cup – BMW Oracle beendet Alinghi-Ära

Am Ende ging plötzlich alles ganz schnell: Nach einer zähen Woche des Wartens gewannen die Amerikaner von BMW Oracle den America's Cup, die älteste Segeltrophäe der Welt. Damit ging die zehnjährige Erfolgsära des alten Rivalen Alinghi zu Ende. Oracle-Besitzer Russell Coutts will nun den Modus ändern.

Foto: REUTERS

Alinghis America’s Cup-Ära ist nach zehn Jahren beendet. Russell Coutts ist endlich König seiner Lieblingsdisziplin Cara a cara. Face to face. Von Angesicht zu Angesicht. So war es auf hunderten Plakaten im America’s Cup-Hafen von Valencia zu lesen. So hatten es sich Fans und Segler nach zweieinhalbjähriger Gerichtsschlacht um den America’s Cup für das Duell der Cup-Giganten vor Valencia gewünscht. Dass der Showdown zwischen Alinghi und BMW Oracle Racing nach einer zermürbenden Woche des Wartens dann so schnell und eindeutig zu Gunsten der Amerikaner zu Ende ging, hat viele überrascht.

Das Superhirn hinter dem Triumph und der technologischen Übermacht aus den USA heißt Russell Coutts. Der Neuseeländer ist endlich dort angekommen, wo er immer sein wollte: Auf dem Gipfel des America’s Cup. 15 Jahre nach seinem ersten Cup-Sieg hält BMW Oracle Racings CEO nun alle Fäden für die Organisation der Cup-Zukunft verantwortlich in Händen.

Nach drei Cup-Siegen als Segler in den Jahren 1995 und 2000 mit Team New Zealand und 2003 mit dem Schweizer Team Alinghi ist der 48-Jährige am Ziel seiner Träume, kann den Cup auf seinen Kurs trimmen. Für diesen Plan hatte der Olympiasieger von 1984 bei dieser Edition sogar darauf verzichtet, selbst am Steuer der „USA“ von Software-Milliardär Larry Ellison zu stehen, für deren eindrucksvollen Auftritt er maßgeblich mit verantwortlich zeichnet. Der studierte Ingenieur aus Wellington gilt als Bester seiner Zunft, wenn es um die Verschmelzung herausragenden Segel-Könnens und der dafür notwendigen Hochtechnologie geht. Er selbst sagt, dass 95 Prozent dieses 33. America’s Cup durch Ingenieursleistung entschieden wurden.

Sein Meisterwerk hat Coutts nach gewonnener Schlacht vor Gericht Seite an Seite mit den Technikern, Konstrukteuren, Bootsbauern und Seglern im US-Team erschaffen: Den Hightech-Trimaran „USA“ – die schnellste Yacht in der 159-jährigen Cup-Geschichte. Der gigantische 68 Meter hohe Kohlefaser-Flügel der Amerikaner setzte den gegnerischen Schweizer Katamaran mit imposanter Kraft auf dem Wasser Schach matt. Mit Thomas Hahn und Christoph Erbelding aus München zählen auch zwei deutsche BMW Ingenieure zu den Vätern des Flügels im Lager der Sieger.

Gastgeber Italien?

Coutts tat einen weiteren genialen Schachzug, indem er dem 30-jährigen Australier James Spithill, Spitzname „Jimmy Spitfire“, den Vortritt am Steuer der „USA“ ließ und sich ganz auf das Management im Team BMW Oracle Racing konzentrierte. Spithill untermauerte seinen Ruf als Ausnahmetalent, steuerte den Trimaran mit dem höchst anspruchsvollen Neun-Klappen-Flügel zu zwei unwiderstehlichen Siegen. Als der Triumph auf dem Wasser gesichert war, hatte Coutts an Land längst alle Vorkehrungen für einen gelungenen Kurs in die Cup-Zukunft getroffen. Zum künftigen „Challenger of Record“, so der Begriff für den neuen ersten Herausforderer des Verteidigers, hat sich Coutts das ihm während der gerichtlichen Auseinandersetzungen mit Alinghi so treu ergebene italienische Team Mascalzone Latino wie eine Braut erwählt. Das wollte Coutts zwar kurz nach dem Triumph noch nicht bestätigen, doch alle Indizien sprachen dafür. Der italienische America’s Cup-Enthusiast Vincenzo Onorato hatte Coutts und sein US-Team während des erbittert mit Alinghi geführten Rechtsstreits immer wieder mit öffentlichen Briefen und Zeugenaussagen vor Gericht unterstützt. Zur Belohnung dürfen die Azzurri nun voraussichtlich die Gestaltung des 34. Cup-Zyklus mitbestimmen.

Schon vor der Vorstellung der Pläne für die kommenden Jahre schien am Sonntag klar, dass die neuen Sieger die Austragung von Vorregatten in Europa planen und Italien einer der Gastgeber sein könnte. Der America’s Cup selbst könnte in drei Jahren vor Newport in den USA stattfinden. Hier hat BMW Oracle Racings Gründer Larry Ellison Anfang des Jahres ein Gelände erworben, das sich prima als Cup-Hafen eignen würde. Ellison schloss aber auch das Revier seines Golden Gate Yacht Clubs in San Francisco oder gar einen Verbleib in Valencia nicht aus. „Wir sind noch nicht entschieden“, gab der 65-Jährige diplomatisch zu Protokoll.

Bleibt zu hoffen, dass Coutts einen Weg gefunden hat, der dem Cup eine neue Blüte ermöglicht und multinationale Herausforderungen wieder zulässt. Am Abend seines Triumphes versprach er „ein neutrales Management, eine absolut unabhängige Jury und ein faires Spielfeld für alle Teilnehmer“. Coutts hatte zuletzt oft auf seinen Lieblingsbegriff in der umstrittenen alten Cup-Stiftungsurkunde hingewiesen: „Mutual Consent“. Zu deutsch: In gegenseitigem Einvernehmen. Jetzt muss der neue Mann am America’s Cup-Steuer beweisen, dass er tatsächlich der Heilsbringer für die älteste Sporttrophäe der Welt ist, der er immer sein wollte.

Auf Coutts’ Pläne warten gespannt auch die Entscheider in der Zentrale der Bayerischen Motorenwerke in München. Ob BMW dem US-Team auch für eine vierte Kampagne in Folge treu bleibt, wollen die Autobauer erst entscheiden, wenn die Pläne auf dem Tisch liegen. Sportkommunikationschef Ralf Hussmann sagte: „Wir sind als Technologiepartner etwas stolz darauf, dass wir zum Erfolg beitragen konnten. Über die Fortsetzung unseres Engagements können wir aber erst entscheiden, wenn die Stabilität des Cups wieder hergestellt ist.“

Für Ernesto Bertarelli dagegen ist Alinghis Ära zehn Jahre nach der Teamgründung vorerst beendet. Der 44-jährige Schweizer hat nach dem Duell bestätigt, das Ergebnis auf dem Wasser zu akzeptieren und keine Klagen vor Gericht anzustreben. Er hat Ellison per Handschlag gratuliert und Russell Coutts kurz umarmt. Die Amerikaner wollen ihre noch laufenden Klagen fallen lassen. Amerika darf nun nach bislang insgesamt 140 Jahren Herrschaft ein weiteres Cup-Kapitel aufschlagen. Und Bertarelli verlässt die Bühne erhobenen Hauptes: „Vielleicht sollten sie unseren Weg studieren. Ich würde möglicherweise ein paar Dinge anders machen, aber ich bereue nichts. Ich finde es heute wichtiger, ein tolles Team als ein Stück Silber in Händen zu haben.“