Formel 1

Amok-Fahrer Hamilton lernt's einfach nicht

Und wieder Lewis Hamilton: Beim Großen Preis von Kanad rammte er erst die Konkurrenz von Red Bull, dann den Teamkollegen Jenson Button. Der siegte trotzdem, was, wenn man Niki Lauda glaubt, ein Wunder war. Den bei Hamiltons Fahrstil könne es Tote geben.

Rowdy, Rüpel, Rambo: Lewis Hamilton fährt derzeit Amok in der Formel 1. Wäre der ehemalige Weltmeister ein Eishockey-Spieler, würde er für seine Sünden vermutlich Dauergast auf der Strafbank sein. Nach seinen Entgleisungen auf und neben der Strecke in Monte Carlo war der McLaren-Pilot im Regen-Chaos von Montreal erneut völlig von der Spur.

Dabei will er sich zu einem Glamour-Weltstar aufbauen lassen - am Sonntag aber spielte Lewis Hamilton die Hauptrolle in einer ganz schlechten Rambo-Fortsetzung. Zwei Wochen nach seiner Irrfahrt von Monaco rammte sich der Formel-1-Fahrer auch in Montreal völlig übermotiviert durchs Feld. Sein Arbeitstag war nach dem zweiten Crash innerhalb von neun Runden frühzeitig beendet, so konnte er sich seiner Nebenrolle als Popstar widmen und medienwirksam Sängerin Rihanna durch seine Box führen.

Schon kurz nach dem Start drehte er den Red Bull des Australiers Mark Webber rücksichtslos um, dann fuhr er dem eigenen Teamkollegen bei hoher Geschwindigkeit ins Auto. „Was tut dieser Kerl da bloß?“, sagte der völlig erboste Jenson Button über Funk. Teamchef Martin Whitmarsh war fassungslos, schüttelte am Kommandostand nur den Kopf. Dass Button das längste Rennen der Formel-1-Geschichte nach mehr als vier Stunden schließlich gewann, machte Hamiltons Crash-Kurs nicht besser.

Wenn Hamilton so weitermacht, hat er bald keine Freunde mehr im Fahrerlager. „Ich war immer ein Fan von ihm, doch was Lewis in Monte Carlo und nun hier aufgeführt hat, geht gar nicht. Der ist komplett wahnsinnig“, sagte der dreimalige Weltmeister Niki Lauda als Experte des Fernsehsenders RTL. Der Unfall mit Webber sei einzig und allein Hamiltons Schuld gewesen, meinte der Österreicher. So könne man in der Formel 1 nicht fahren.

Beim Unfall mit Button hätte es sogar Tote geben können, sagte Lauda und forderte ein hartes Durchgreifen: „Wenn die Sportkommissare den nicht bestrafen, verstehe ich die Welt nicht mehr.“ Die erste Strafe für den Verkehrsrowdy folgte prompt: Während Button weiterfahren konnte, war an Hamiltons Auto die hintere Radaufhängung beschädigt – das Ende seiner Dienstfahrt.

Fünf Crashs in zwei Rennen, das ist die jüngste Bilanz Hamiltons, der in Monaco zudem mit Verschwörungstheorien („Vielleicht weil ich schwarz bin“) für Aufsehen gesorgt hatte. Die Äußerung hatte er nach dem Rennen in Monaco in Anspielung auf seine Durchfahrtsstrafe gemacht und damit eine Rassismus-Debatte vom Zaun gebrochen. Für diese Äußerung hat sich Hamilton inzwischen in einem offenen Brief entschuldigt – diese Einsicht kam allerdings viel zu spät.

Die Strafe bekam er völlig zurecht, schließlich hatte Hamilton mit seinen rüden Attacken die Chancen von Ferrari-Pilot Felipe Massa (Brasilien) und Pastor Maldonado (Venezuela) von Williams zerstört. „Was er angestellt hat, war unglaublich. Er muss bestraft werden, und zwar ordentlich, sonst lernt er nichts“, sagte Massa, der die Strafe noch für viel zu milde hielt.

Red-Bull-Teamchef Christian Horner, dessen Schützling Mark Webber von Hamilton schon nach wenigen Sekunden umgedreht worden war, empfahl dem 26-Jährigen durch die Blume, mal eine Auszeit zu nehmen. „Er scheint in keiner guten Situation zu sein“, sagte Horner: „Er versucht es zu stark und übertreibt ein bisschen. Vielleicht braucht er einfach ein bisschen Abstand.“ Webber meinte nur lakonisch: „Lewis dachte wohl, das Ziel wäre schon in Kurve drei.“

Die entscheidende Frage bei der Betrachtung von Lewis lautet jedoch: Sind seine Rambo-Attacken nur Ausdruck von Frust oder sogar Kalkül? Betreut wird Hamilton seit knapp drei Monaten schließlich von Simon Fuller. Der erfand die Spice Girls und das TV-Format „Pop Idol“, die weltweite Castingshow, die hierzulande als „Deutschland sucht den Superstar“ Rekordquoten erzielt. Und er platziert David Beckham und Gattin Victoria - zufälligerweise ein Ex-Spice-Girl - regelmäßig in den Boulevardblättern dieser Welt.

Dort soll künftig auch Hamilton mit seiner Pussycat Doll Nicole Scherzinger seinen Stammplatz haben. Er habe Fuller ausgewählt, weil der ihm „nicht nur helfen will, einen besseren Rennfahrer aus mir zu machen, sondern auch meine langfristigen Ambitionen teilt“, erzählte Hamilton. Seine eigentliche Aufgabe wird er dabei hoffentlich nicht vergessen, denn auf der Strecke ist Hamilton derzeit eine Gefahr für sich und alle anderen.

Viele glauben, dass der Scherzinger-Freund ganz einfach Star-Allüren hat. „Wenn es Lewis so toll findet, Hollywood-Format zu haben, dann soll er’s doch machen“, meinte der ehemalige Grand-Prix-Pilot Christian Danner. Und Niki Lauda glaubt, Hamilton leide am „Beckham-Syndrom“.

Auch bei seinen Rammstößen in Montreal war sich Hamilton keiner Schuld bewusst. Die Sache mit Webber sei keine Absicht gewesen, so sei halt der Rennsport, sagte er lapidar. Den Unfall mit Button führte er auf die extrem schwierigen Streckenbedingungen zurück: „Ich ziehe seitlich vorbei, dann konnte ich nichts anderes machen, denn da war die Mauer.“ Die Sportkommissare verzichteten nach einer Anhörung diesmal auf Sanktionen, aber Hamilton ist derzeit ohnehin gestraft genug.

Den „schlimmsten von allen“ nennt ihn Ferrari-Pilot Massa, und auch Ex-Weltmeister Emerson Fittipaldi kritisiert: „Lewis ist ein außergewöhnliches Talent, ein Weltmeister, aber manchmal ist er beim Überholversuch zu aggressiv. Es muss ein Limit für das aggressive Verhalten geben.“ Das muss Hamilton, der von der Rennleitung in Montreal übrigens keine Strafe kassierte, nun wieder begreifen. Schauspieler kann er ja auch noch nach der Formel-1-Karriere werden.