Formel 1

In der letzten Runde vergibt Vettel den Sieg

Rund 70: Sebstian Vettel geht in die Kurve, rutscht neben die Strecke - und verspielt den Sieg. Der Brite Jenson Button zieht vorbei. Der Schlussakt beim Großen Preis von Kanada war, wie das lange wegen Regen unterbrochene Rennen, außergewöhnlich.

Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel hat nach einem Ausrutscher kurz vor Schluss zum zweiten Mal in dieser Saison eine Niederlage kassiert. Durch den Fehler in der letzten Runde musste sich der Red-Bull-Pilot in Montreal dem britischen Ex-Weltmeister Jenson Button geschlagen geben, der durch den ersten Saisonsieg auch Rang zwei in der Gesamtwertung übernahm. Vettels Teamkollege Mark Webber wurde in Kanada Dritter vor Rekord-Weltmeister Michael Schumacher, der als Vierter sein erstes Podium seit dem Comeback nur knapp verpasste. Der bisherige WM-Zweite Lewis Hamilton und der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso waren wie die deutschen Piloten Nick Heidfeld und Adrian Sutil vorzeitig ausgeschieden.

Zuvor war das Rennen in Kanada nach 25 Runden wegen starker Regenfälle für zwei Stunden unterbrochen worden. Nach einem fliegenden Start und zwei weiteren Safety-Car-Phasen wurde der siebte WM-Lauf des Jahres zunächst gestoppt. Weltmeister Sebastian Vettel lag zu diesem Zeitpunkt an der Spitze, sein ärgster Rivale Lewis Hamilton war nach einer Kollision mit seinem Teamkollegen Jenson Button bereits ausgeschieden. Die Zwangspause dauerte über zwei Stunden, zwischenzeitlich war sogar ein kompletter Abbruch zu befürchten, doch um 21.50 Uhr Ortszeit wurde das Rennen erneut gestartet.

„Es ist so viel Wasser, schon für das erste Auto ist es schwierig, aber die dahinter können sicher gar nichts sehen. Zwischen Kurve 9 und 13 ist es fast unbefahrbar“, hatte Vettel über den Boxenfunk gesagt. „Mit der Sicht das ist kritisch, sehr kritisch. Man sieht gar nichts, Wahnsinn, das kann man sich nicht vorstellen“, sagte Mercedes-Pilot Nico Rosberg. Vettels Teamkollege Mark Webber ergänzte frustriert: „Das ist so viel Wasser, auch auf dem Gras neben der Strecke.“

Vettels Teamchef Christian Horner sah „eine richtige Entscheidung, bei diesen Bedingungen ist es unmöglich, Auto zu fahren“. Mercedes-Sportchef Norbert Haug sah es genauso: „Die FIA hat sehr umsichtig gehandelt, es war die richtige Entscheidung. Leider wird der Regen, seit die Fahrzeuge stehen, immer schlimmer. Das ist jetzt ein bisschen Lotterie.“

Hinter dem Weltmeister lagen Sauber-Pilot Kamui Kobayashi, Felipe Massa im Ferrari und Nick Heidfeld im Renault, der wie Kobayashi bis dahin noch keinen Reifenwechsel absolviert hatte. Mark Webber (Red Bull) und Fernando Alonso (Ferrari) folgten auf den Plätzen sieben und acht, die Mercedes-Piloten Nico Rosberg und Michael Schumacher auf den Rängen elf und zwölf.

Kaum hatte das Feld sich auf der Zielgeraden aufgereiht, wurde der Regen nochmals stärker. Viele Fahrer stiegen aus ihren Autos aus und flüchteten sich in die trockenen Boxen. Ihre Mechaniker versuchten, mit Schirmen und Planen die teuren und mit Elektronik vollgestopften Rennwagen so gut wie möglich gegen das Wasser zu schützen.

Viele fleißige Helfer bemühten sich unterdessen, die Wassermassen von der Strecke zu bringen. Vor kleine LKW wurden große Bürsten geschnallt, woanders mussten einfach Besen herhalten. Renault startete via Twitter sogar einen Aufruf „an alle im Großraum Montreal: Kommt her und bringt Besen mit“.

Zuletzt war im vorigen Jahr der Große Preis von Südkorea nach vier Runden wegen Regens unterbrochen worden. Das Rennen wurde später aber neu gestartet und über die komplette Distanz ausgetragen. Im April 2009 in Malaysia war der Grand Prix nach 31 von 56 Runden ebenfalls wegen Regens gestoppt und später nicht neu gestartet worden. Weil noch nicht 75 Prozent der angesetzten Renndistanz absolviert waren, wurden nur halbe WM-Punkte vergeben.

Ex-Weltmeister Hamilton war schon früh nach einem erneuten „Rambo-Anfall“ ausgeschieden. Der Brite, vor dem Start WM-Zweiter hinter Sebastian Vettel, kollidierte wenige Sekunden nach dem fliegenden Start direkt mit Vettels Teamkollegen Mark Webber. Während die Untersuchung der Rennkommission noch lief, rammte Hamilton seinen eigenen Stallrivalen Jenson Button, schied aus und verursachte schon nach neun Runden eine Safety-Car-Phase. Button fuhr weiter - und wurde schließlich Sieger.

Was aber nicht so einfach war: Während Button entsetzt über den Boxenfunk rief „Was macht der denn da?“, versuchte Hamilton mit dem zerstörten Auto noch in die Box zu fahren. Nach dem Aus wurde der Brite von der Rennkommission im „Fall Webber“ frei gesprochen, für den Crash mit Button und für zu schnelles Fahren unter Safety-Car-Bedingungen drohte ihm aber dennoch Ungemach.

„Was Hamilton da aufführt, geht über alle Grenzen hinaus. Der ist komplett wahnsinnig“, sagte der dreimalige Weltmeister Niki Lauda als RTL-Experte: „Wenn die Fia ihn jetzt nicht bestraft, verstehe ich die Welt nicht mehr. Irgendwo hört der Spaß auf. So kann man nicht fahren, da kann es Tote geben.“

Auch im Red-Bull-Team wurde Hamilton nach dem Crash mit Webber heftig kritisiert. „Er scheint in keiner guten Situation zu sein. Er versucht es zu stark und übertreibt ein bisschen. Vielleicht braucht er einfach ein bisschen Abstand“, sagte Teamchef Christian Horner. Webber erklärte: „Ich wollte ihm etwas Raum machen, aber das war nicht genug für ihn. Da macht er so früh schon solche Geschichten, da fragst du dich, warum wartet der nicht noch drei, vier Kurven.“

Bereits beim letzten Rennen in Monte Carlo hatte Hamilton für Aufsehen gesorgt, als er gleich drei Rivalen gerammt und anschließend noch Verschwörungstheorien geäußert hatte („Vielleicht weil ich schwarz bin“). Durch mehrere Entschuldigungen war der McLaren-Pilot einer nachträglichen Strafe entgangen.